Friday, April 12, 2024

Luxusmode boomt – während Primark und Co. schrumpfen – WELT

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Mode und Schuhe werden derzeit stets als Erstes genannt, wenn Verbraucher in Deutschland in Umfragen darüber berichten, auf welche Einkäufe sie angesichts der Sparzwänge aufgrund von Inflation und explodierenden Energiekosten verzichten wollen. Steffen Jost lässt sich davon allerdings nicht entmutigen.

„Auf Umfragen zum Verhalten von Leuten in der Zukunft gebe ich gar nichts“, sagt der Präsident des Handelsverbands Textil Schuhe Lederwaren (BTE). Zwischen dem, was Menschen sagen und später wirklich machen, liege meist ein gewaltiger Unterschied. Das zeige die Erfahrung.

Gleichwohl liegt in Josts Worten eine große Portion Hoffnung. Denn zufrieden ist der Modehandel mit den aktuellen Geschäften nicht. Zwar prognostiziert der BTE für das Jahr 2022 nach ersten Schätzungen ein Umsatzplus von fünf Prozent auf 74,6 Milliarden Euro. Damit aber bleibt die Branche weiterhin unter den Zahlen der Vor-Corona-Zeit. „Die Hoffnungen und Erwartungen für 2022 waren andere“, bedauert Jost, der im Hauptberuf Inhaber von fünf Modehäusern in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ist.

Quelle: Infografik WELT

Dabei sind die Unterschiede innerhalb der Branche groß, berichtet der BTE. Besonders gut läuft es im Luxus- und Hochpreisbereich. Die Rede ist sogar von teils deutlich zweistelligen Umsatzsprüngen. „Die entsprechende Klientel hat das Geld und gibt es auch weiterhin aus“, sagt Axel Augustin, der sich beim BTE um die Warengruppen Herrenbekleidung, Heim- und Haustextilien sowie Lederwaren kümmert.

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Überdurchschnittlich laufen zudem auch viele mittelständische Mode- und Schuhgeschäfte mit hoher Kundenbindung. „Manche profitieren davon, dass ihre Kunden zumindest zeitweise im Homeoffice arbeiten und dadurch vermehrt wohnortnah einkaufen.“ Große Schwierigkeiten hätten dagegen die Billiganbieter. „Im preisaggressiven Bereich läuft es überhaupt nicht. Die Kunden, die dort üblicherweise einkaufen, kommen nicht mehr.“ Und bislang gebe es kaum Nachrücker aus den nächst höheren Kategorien.

„Sehr viele Kollegen werden rote Zahlen schreiben“

Das hat bereits Auswirkungen. Primark zum Beispiel musste zuletzt eine Filiale im hessischen Weiterstadt schließen und wird im kommenden Frühjahr auch einen von insgesamt vier Läden in Berlin aufgeben. Auch C&A hat sein Filialnetz im Verlauf des Jahres verkleinert, dem Vernehmen nach um 13 Standorte. Die Modekette Orsay wiederum ist komplett aus den deutschen Innenstädten verschwunden, und auch Zara, H&M und Pimkie haben die Zahl ihrer Niederlassungen in Deutschland reduziert.

Weitere Kürzungen sind längst nicht ausgeschlossen. Denn der Druck steigt. „Im Grund genommen müssen wir 2023 mindestens sechs bis acht Prozent über den Zahlen von 2019 liegen“, sagt BTE-Präsident Jost und verweist auf die stark steigenden Kosten. Diese müssten bei niedrigeren Umsätzen nach betriebswirtschaftlicher Logik eigentlich sinken, sagt der Unternehmer. „Aber bei Energiepreisen, Löhnen und Mieten ist eher das Gegenteil der Fall. Wir befürchten daher, dass sehr viele Kollegen in diesem Jahr rote Zahlen schreiben werden.“

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Nur noch das Nötigste

Für Energie zum Beispiel hätten die Unternehmen vor dem Ukraine-Krieg zwischen einem und 1,5 Prozent ihres Umsatzes ausgegeben – inzwischen liege man bei 2,5 bis drei Prozent. Hinzu kämen gestiegene und weiter steigende Personalkosten. „Viele Unternehmen werden auch die steuerfreie Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 3000 Euro bezahlen – allein schon, um die eigenen Mitarbeiter in Zeiten eines sich zuspitzenden Fachkräftemangels nicht zu verlieren.“ Denn die Branche kämpfe ohnehin schon mit großen Personalengpässen.

Sorge bereitet dem BTE zudem das Thema Mieten. Jost verweist in diesem Zusammenhang auf die sogenannte Mietindexierung. Danach ist es im Modehandel vielerorts ein Automatismus, dass der Mietzins analog zur Inflationsrate steigt. Damit aber drohen für Ladenlokale saftige Erhöhungen angesichts einer Inflationsrate von zuletzt rund zehn Prozent in Deutschland. „Das bringt den Modehandel stark in Bedrängnis“, warnt Jost und fordert „ein Mietmoratorium oder einen wie auch immer gearteten Mietendeckel“.

Leerstände werden wohl zunehmen

Dieser Appell gehe dabei insbesondere an die großen institutionellen Vermieter. „Sie müssen flexibler sein als sie es in der Vergangenheit leider waren.“ Mit vielen privaten Vermietern gebe es bereits Kompromisse, mit den institutionellen dagegen nicht, beklagt der Branchenvertreter. Dabei müsse es doch auch in deren eigenem Interesse sein, in der aktuellen Situation auf Mietsteigerungen zumindest weitgehend zu verzichten und damit Leerstände zu vermeiden. „Leerstände sind bereits allerorten zu sehen, und neue werden mit großer Wahrscheinlichkeit im nächsten Jahr hinzukommen“, fürchtet Jost.

Tatsächlich bleiben infolge der Corona-Krise bereits jetzt zahlreiche Ladenlokale ungenutzt, zeigt eine Untersuchung des Handelsverbands Deutschland (HDE). Zumal allein 2022 rund 16.000 Geschäfte aus den Innenstädten verschwunden sind, sei es durch Insolvenzen oder Betriebsaufgaben.

Das Problem haben dabei weniger die 1A-Lagen in den Stadtzentren, wie HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth beschreibt. Dort gebe es zwar auch Wechsel, die Lokale würden aber meist von anderen Händlern weitergenutzt. Den Leerstand in 1B-Lagen indes beziffert der HDE auf zehn bis 15 Prozent. Und in den Kategorien dahinter, den sogenannten 2A- und 2B-Lagen, seien die Zahlen sogar noch deutlich höher. „Die Lage in den Innenstädten ist weiterhin sehr fragil“, kommentiert Genth.

Quelle: Infografik WELT

Textil, Schuhe und Lederwaren kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, machen sie doch den Löwenanteil der Geschäfte in den Innenstädten aus. Wobei die Zahl der Unternehmen und damit auch der Läden schon seit Jahren stark rückläufig ist. 2021 gab es nach BTE-Angaben noch 12.850 Mode-, 2960 Schuh- und 980 Lederwarenhändler. Zum Vergleich: Fünf Jahre zuvor waren es noch 17.312 Mode-, 4022 Schuh- und 1342 Lederwarenanbieter.

Doch weil immer mehr Menschen online bestellen, sinkt die Zahl der Unternehmen im stationären Handel deutlich, dazu kamen die Corona-Krise und nun die Auswirkungen des Ukraine-Krieges. „Wir haben die große Befürchtung, dass nicht wenige Unternehmen angesichts der niedrigen Renditen im Textil- und Modehandel ihren Geschäftsbetrieb still und leise einstellen werden“, fürchtet Experte Jost, demzufolge die durchschnittliche Umsatzrendite bei drei Prozent liegt.

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