Sunday, July 14, 2024

Kinderkrankenhaus in Kiew: Experte schließt Einschlag ukrainischer Rakete aus

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Am Montag überzog Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew mit den heftigsten Raketenangriffen seit Beginn des Krieges. Mehr als zwei Dutzend Menschen starben, viele wurden verletzt. Die internationale Empörung war groß – denn getroffen wurde unter anderem ein Kinderkrankenhaus. Der Kreml gab die Schuld für den Einschlag der Ukraine selbst. Der Militärexperte Fabian Hoffmann, der sich an der Universität Oslo wissenschaftlich mit Fragen rund um den militärischen Einsatz von Raketen beschäftigt, schließt die Moskauer Version kategorisch aus.

WELT: Was ist dran an der Kreml-Behauptung, nicht eine russische Rakete habe das Kinderkrankenhaus in Kiew getroffen, sondern ein ukrainisches Luftabwehrgeschoss?

Fabian Hoffmann: Gar nichts. Wir können zu einhundert Prozent und ganz eindeutig feststellen, dass es sich hier um einen russischen Marschflugkörper gehandelt hat. Wir können sogar ganz klar den Typ feststellen: Kh-101. Daran gibt es absolut keinen Zweifel.

Militärexperte Fabian Hoffmann

Militärexperte Fabian Hoffmann
Quelle: aesthesia photography – katsis

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WELT: Wie verifizieren Sie das? Und, wenn Sie sagen, einhundert Prozent: Wie schließen Sie eine Restunsicherheit aus?

Hoffmann: Schon bei den allerersten Videos des Einschlags, die noch mit schlechter Auflösung hochgeladen wurden, gab es Indizien. Am Heckteil des Marschflugkörpers konnte man eine kleine Turbine erkennen – das ist typisch für bestimmte russische Marschflugkörper, etwa die Kh-101 und die Kh-55. Außerdem sieht man, dass die Flügel, vor allem die Heckflügel, zu groß sind, um von ukrainisch genutzten Luftabwehrraketen wie der AIM-120 oder einer Patriot-Rakete zu stammen. Auch zeigen die Videos einen sogenannten „Exhaust Stream“, der aus dem Flugkörper austrat. Also eine Art Abgas, wenn man so will, das als Verzerrung in der Atmosphäre sichtbar wird. Das findet nur statt, wenn der Flugkörper bis zum Schluss von einem Triebwerk angetrieben wird.

Ein Kind wird in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses von einem Helfer getragen

Ein Kind wird in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses von einem Helfer getragen
Quelle: dpa/Evgeniy Maloletka

WELT: Also auch hier ein Indiz, dass es keine Luftabwehrraketen waren?

Hoffmann: Genau, dieser Abgasschweif ist ein Unterschied zu Luftabwehrraketen vom Typ AIM-120 oder Patriot. Denn die werden durch einen Raketenmotor angetrieben. Und sobald da der Treibstoff verbrannt ist, gleiten diese Flugkörper im Prinzip nur noch durch die Luft. Die sind natürlich enorm schnell, deswegen kommen sie immer noch sehr weit. Aber man würde bei dem Endzielflug, den man da auf den Videos aus Kiew sieht, keinen Abgasstrahl mehr sehen. Also, das war ganz eindeutiger Beweis, dass es sich hier um einen angetriebenen Flugkörper handelt.

„Die Chance, dass es ein absichtlicher Angriff auf dieses Krankenhaus war, ist schon sehr, sehr hoch“

WELT: Welche Indizien abseits der Videos gibt es für Ihre These?

Hoffmann: Da war natürlich auch noch die Explosion – die Zerstörungskraft, die da freigesetzt wurde. Um die Betonstruktur des Krankenhauses so zu zerstören, wie sie zerstört wurde, reicht ein kleiner Gefechtskopf, wie er in einer Flugabwehrrakete drinsteckt, einfach nicht aus. Der Gefechtskopf der AIM-120 zum Beispiel hat 20 Kilogramm Gesamtgewicht. Davon sind 7,6 bis 8,7 Kilogramm tatsächliche Sprengmasse. Wenn Sie sich die Bilder des Krankenhauses nach dem Einschlag anschauen: Diese Zerstörungskraft würde nicht bei einem kleinen Splitter-Gefechtskopf freigesetzt werden. Später wurden außerdem ja auch noch Wrackteile am Boden gefunden, die man zudem unabhängig überprüft hat. Auch da kam heraus: Kh-101. Und so komme ich einfach auf die hundert Prozent – es gibt keine andere plausible Erklärung als einen russischen Marschflugkörper. Es gibt wirklich überhaupt keinen Zweifel.

Rauch steigt nach den russischen Angriffen vom 8. Juli über der Skyline der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf

Rauch steigt nach den russischen Angriffen vom 8. Juli über der Skyline der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf
Quelle: dpa/Evgeniy Maloletka

WELT: Was spricht dafür, dass die Rakete mit voller Absicht in dem Kinderkrankenhaus eingeschlagen ist? Könnte es auch ein Fehler gewesen sein?

Hoffmann: Das kann man natürlich nicht sicher sagen, ohne jetzt mit den Leuten in Russland zu reden, die dafür verantwortlich sind. Oder in den Bordcomputer zu schauen, zu dem wir natürlich keinen Zugang mehr haben, weil er aller Voraussicht nach zerstört ist. Was ich sagen kann, ist: Der Anflug, dieser Endzielflug auf das Krankenhaus, sieht sehr kontrolliert aus. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass zum Beispiel vorher der Rumpf geschädigt wurde. Der Abgasstrahl, von den ich vorhin gesprochen habe – da sind keine Rauchspuren zu sehen. Es gibt keine Anzeichen auf kinetische Fremdeinwirkung. Für mich sieht es so aus, als wurde da ganz klar ein Ziel einprogrammiert – was man bei diesen Marschflugkörpern sehr präzise machen kann –, und der Flugkörper ist dann eben ganz klar auf das Krankenhaus geflogen. Zudem hat man ja sowohl in diesem Krieg als auch in Syrien gesehen, dass Russland bereits Krankenhäuser angegriffen hat. Mit diesem Kontextwissen würde ich sagen, die Chance, dass es ein ganz gezielter, absichtlicher Angriff auf dieses Krankenhaus war, ist schon sehr, sehr hoch.

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Manöver in Europa

WELT: Was hätte passieren müssen, damit tatsächlich eine ukrainische Flugabwehrrakete vom Kurs abkommt und versehentlich irgendwo einschlägt, wo sie nicht hin sollte? Das ist ja etwa Mitte 2022 in Polen passiert, wo von den Geschossen zwei Bauern getötet wurden.

Hoffmann: Bei Flugabwehrraketen ist das wahrscheinlichste Szenario, dass sie das Ziel verfehlen und dann im Gleitflug so lange weiterfliegen, bis die aerodynamischen Kräfte nicht mehr ausreichen, um den Flugkörper oben am Himmel zu halten. Und dann fällt er halt runter. Aber der Patriot zum Beispiel, oder auch die AIM-120, haben für solche Fälle eine Selbstzerstörungsfunktion. Einfach, um genau solche Fälle zu verhindern, dass der Flugkörper sonst wo herunterkommt und Menschenleben und zivile Infrastruktur kostet. Flugabwehrraketen sowjetischer Bauart, wie zum Beispiel die, die 2022 in Polen eingeschlagen ist, haben keinen solchen Selbstzerstörungsmechanismus.

WELT: Wobei man das ja nicht völlig ausschließen kann.

Hoffmann: Ja, es kann natürlich immer sein, dass es einen Fehler im System gibt. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist relativ gering. Und selbst, wenn man alle Argumente von vorhin vergisst, und wenn es all die Bilder nicht gäbe, die auf einen einzigen Marschflugkörper hindeuten: Die Chance, dass eine AIM-120 oder eine Patriot-Rakete a) ihr Ziel verfehlt, b), es zu einem Systemfehler kommt, c), der Systemfehler so aussieht, dass der Selbstzerstörungsmechanismus nicht funktioniert und d), dass der Flugkörper im Gleitflug genau so herunterfällt, dass er ein so dramatisches Ziel trifft wie ein Kinderkrankenhaus – diese hochgerechnete Wahrscheinlichkeit ist so gering, dass es meiner Meinung nach überhaupt keinen Sinn ergibt, sie zu betrachten. Es kann faktisch nicht sein.

„Man muss direkt reingrätschen und das Narrativ des Kremls knallhart widerlegen“

WELT: Beim Angriff auf das Kinderkrankenhaus sind zwei Menschen gestorben – das ist natürlich schlimm genug, beim Anblick der Explosion wundert man sich aber fast, dass es nicht noch mehr waren. Angesichts des Raketentyps und des getroffenen Gebäudes: Ist diese Opferzahl im Rahmen des Erwartbaren?

Hoffmann: Da hat man wahrscheinlich sogar eher noch Glück gehabt. Es ist ohnehin in solchen Situationen auch immer ein bisschen Glück oder Pech – wie genau die Menschen zusammenstehen, wie genau der Flugkörper einschlägt und explodiert. Bei diesen Marschflugkörpern ist die Explosion an sich nicht besonders tödlich, wenn man nicht in unmittelbarer Nähe steht. Menschen überschätzen meinem Eindruck nach häufig die Kraft von Sprengstoff. Die Druckwelle richtet nicht genug Schaden an, um Organe zu beschädigen, außer man steht fast direkt daneben. Viel eher kommen Menschen in solchen Fällen ums Leben, weil das Gebäude, in dem sie sich befinden, in sich zusammenfällt. Dass man im Fall des Kinderkrankenhauses noch Leute herausgeholt hat – da war sicherlich ein bisschen Glück dabei.

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WELT: Wer sind die Menschen, die die Kreml-Version des Vorfalls im Netz verbreiten? Sie selbst kommen ja etwa auf X immer wieder mit ihnen in Kontakt.

Hoffmann: Das sind teils große, anonyme Accounts, teils kleinere, manchmal mit Namen, manchmal auch hier anonym. Ich glaube, eine wichtige Sache bei dieser Propaganda ist es – das ist vielleicht noch mal ganz gut, hier zu betonen –, dass das Ziel nicht darin besteht, der breiten Öffentlichkeit das Kreml-Narrativ zu einhundert Prozent zu verkaufen. Die wollen nicht unbedingt, dass am Ende wirklich jeder sagt: Ach, das war auf jeden Fall eine ukrainische Abfangrakete. Das eigentliche Ziel ist, so viel Zweifel zu streuen, dass möglichst viele Menschen irgendwann sagen: Okay, der eine sagt dies, der andere sagt das, beides ist möglich, ich weiß es ja auch nicht.

WELT: Der Ansatz, den man klassischerweise „Flood the Zone with Shit“ nennt.

Hoffmann: Genau. Ich wurde auf X auch schon angegangen, warum ich denn so auf das Kreml-Narrativ einginge, weil man es dadurch ja nur füttern würde. Aber das ist nicht mein erstes Rodeo, was diese Dinge angeht. Aber aus meiner Erfahrung heraus ist es wichtig, direkt ganz stark und wiederholt gegen diese Fake-Erzählungen anzugehen. Sonst verbreiten sich diese Zweifel. Langsam, aber sicher. Man muss direkt reingrätschen und das Narrativ des Kremls knallhart widerlegen. Die plausible Theorie aufzeigen und immer wieder wiederholen, um den Leuten zu verklickern: Hier gibt es nur eine plausible Erklärung. Die klassische Zwei-Seiten-Betrachtung ergibt hier überhaupt keinen Sinn. Es gibt keinen Zweifel.

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