Monday, July 15, 2024

Italien Reise: Kennst du das Land, das nicht hält, was es verspricht?

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Pünktlich zur Urlaubszeit und zum großen Italienjahr in deutschen Buchläden – das Land ist im Herbst Ehrengast der Frankfurter Buchmesse – laden die Verlage dazu ein, den „Stiefel“ neu zu entdecken. Während die aktuellen Bücher italienischer Autoren zumeist im Herbst erscheinen, empfehlen sich für die großen Ferien die Texte der literarischen Italientouristen. Denn Italien zu bereisen und darüber zu schreiben, ist seit Jahrhunderten ein Topos der europäischen Kultur, bekannt als „Grand Tour“. Dabei ging es nie nur um Altertumsbildung, sondern immer auch um ganz praktische Dinge.

„Wo kann man in Rom gut essen?“, fragt die Schriftstellerin Virginia Woolf, die heute neben ihrem Roman „Orlando“ vor allem für den feministischen Essay „Ein Zimmer für sich allein“ bekannt ist, ihre Schwester 1927 in einem Brief. Heute würde sich die Frage vielleicht bei Tripadvisor klären; damals war man auf das Studium von Briefen und Reiseberichten in Buchform angewiesen.

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Actionszenen der Weltliteratur

Die Grand Tour hat unser Italienbild zuvorderst männlich geprägt, doch natürlich waren – neben Goethe, Seume, Heine, neben Montaigne, Lord Byron, Nietzsche und wie sie alle heißen – seit Jahrhunderten auch Schriftstellerinnen im „Belpaese“ unterwegs. Nur waren ihre Stimmen in den gängigen Führern kaum präsent. Eine jetzt erscheinende Anthologie mit dem Titel „Ciao Italia. Eine weibliche Reiseverführung“ (Die Andere Bibliothek, 324 Seiten, 48 Euro) verspricht, diesen blinden Fleck etwas wettzumachen. Geboten wird eine Neuinterpretation des Dolce Vita – aus Sicht von 20 Frauen aus vier Jahrhunderten. Kennst du das Land, in das auch Frauen reisen?

Die französische Schriftstellerin George Sand (1804-1876), auch bekannt als Geliebte des Komponisten Frédéric Chopin, empfiehlt, dass man in Venedig „täglich wenigstens sechsmal schwarzen Kaffee trinkt. Dieses in der Atmosphäre der Lagune unschädliche und unentbehrliche Nervenreizmittel wird aber wieder gefährlich, sobald man den Fuß auf festen Boden setzt“, lässt sie wissen.

Venedig ohne Grün

War für George Sand Venedig ein Ort erotischer Träume, konnte die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Fanny Lewald, 1811 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Königsberg/Ostpreußen geboren und 1889 in Dresden gestorben, der Lagunenstadt nichts abgewinnen: „Kein Blatt, kein Baum, kein Grün in dieser ganzen Stadt.“ Lewald, deren Roman „Jenny“ bis heute gelesen wird, reiste 1845/46 für ganze 13 Monate durch Italien, ihr „Italienisches Bilderbuch“ von 1847 (im Ulrike Helmer Verlag lieferbar) ist kunsthistorisch und landeskundlich so facettenreich wie die berühmte „Italienische Reise“ von Goethe.

Einen „Asti Spumante mit Schlacksahne“ entdeckt die deutsch-britische Schriftstellerin Sibylle Bedford 1961 in Alassio an der ligurischen Riviera. Die ganze Stadt sei „gepflastert mit falsch geschriebenen, grotesk geschriebenen Anpreisungen, als hätten sie Deutsch soeben von einem beschwipsten Witzbold gelernt“, ähnlich krude gehe es mit Englisch und Französisch zu, Italien sei „modernes polyglottes Analphabetentum“. Bedford, die lange Jahre an der französischen Riviera lebte, ahnte noch nichts von unserer Zeit, in der Touristenlokale Getränke und Speisen mit großformatigen Fotos ausweisen.

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"Italienische Reise", Gardasee, Torbole Pressebilder: Christine Liebl Manesse Verlag, Pressestelle Christine.Liebl@randomhouse.de> Manesse Verlag und Penguin Hardcover _______________________________________________________________ Penguin Verlag Verlagsgruppe Random House GmbH | Neumarkter Str. 28 | 81673 München Tel. +49 (0) 89-41 36-39 00 horst.lauinger@manesse.ch

Hinreißende Bilder

Kennst du das Land, wo man die Farbe Blau besingt? Azurblau – wie im Lied von Adriano Celentano ist das eine, Ultramarinblau bei Esther Kinsky das andere. Die Schriftstellerin, die in Wien und in der norditalienischen Region Friaul lebt, erzählt in ihrem Geländeroman „Hain“ (Suhrkamp) von den vielen Blaus Italiens. Nicht zuletzt in der Malerei der alten Meister, namentlich den Marienbildern des Fra Angelico. Das blaue Farbpigment werde aus dem Stein Lapislazuli gewonnen, den man von alters her aus Bergwerken in Persien herbeischaffte, schreibt Kinsky: „Mit diesem Pulver stellten die Maler die Farbe des Mariengewands her. Das kostbarste Pigmentpulver kam von sehr weit her und trug deshalb den Namen Ultramarin – von jenseits des Meeres“.

Eine ganz andere Hymne auf das Blausein in Italien stimmt Stefan Wimmer in seinem humorigen Reiseroman „Lost in Translatione“ (Blond Verlag) an. Für vier Münchner Jugendliche geht es Ende Mitte der 1980er-Jahre in den ersten Sommerurlaub ohne Eltern, natürlich an die Adria. Dieser Coming-of-Age-Roman erzählt – in den Fängen von Pubertät und Massentourismus in Milano Marittima – von etwas, das die klassische Grand Tour übrigens auch immer war: der Traum von der Initiation des eigenen Lebens in Italien.

Der Mailander Dom

Der Mailander Dom
Quelle: picture alliance / CHROMORANGE

Kennst du das Land, wo man viel schauen kann? Die lustigste Bemerkung zur Hauptsehenswürdigkeit von Mailand findet man bei Franz Kafka: „Der Dom belästigt mit seinen vielen Spitzen“, notiert der Schriftsteller lakonisch-ironisch in sein Tagebuch. Er hielt sich 1911 mit seinem Prager Freund Max Brod in der norditalienischen Metropole auf.

Einen Dom und eine Metropole weiter, nämlich auf der Kuppel des Petersdoms in Rom, stellte Mark Twain bereits 1867 ohne Illusionen fest: „Vor uns waren einige solcher Leute dagewesen, die so gern ihren Namen an prominenten Orten einkritzeln – ein oder zwei Millionen, schätze ich.“ Twains satirischer Bericht über eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer ist bis heute einer der unterhaltsamsten Reiseberichte, die jemals geschrieben wurden, nachzulesen entweder als Roman „Die Arglosen im Ausland“ (antiquarisch) oder in den Original-Reisereportagen „Unterwegs mit den Arglosen“ (Mare Verlag). „Erst wenn er ins Ausland fährt, wird der geneigte Leser erfahren, zu welch ausgewachsenem Esel er werden kann“, schreibt Twain.

Pisas Turm? Zu klein!

Zu den typischen Touristenerfahrungen gehört die Diskrepanz zwischen dem, was man erwartet, und dem, was man vorfindet. So notiert ein enttäuschter Charles Dickens 1846 zum Schiefen Turm von Pisa: „Wie die meisten Dinge, die mit den ersten Eindrücken unserer Schulbücher und Schulzeiten in Verbindung stehen, war er zu klein.“

Eine noch viel kleinere Sehenswürdigkeit Italiens kennt Peter Handke: Glühwürmchen. „Wie sie zum Beispiel gestern, in der Nacht vom 29. zum 30. Mai zwischen Cormòns und dem Dorf Brazzano in Friaul auf dem Weg durch die Felder ‚plötzlich da’ waren, kein Glühen, sondern ein Blinken.“ Andere Aktivitäten in Italien verortet Handke wie folgt: „In Sardinien habe ich, in zwei aufeinanderfolgenden Sommern, meine Kinder gezeugt.“

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Peter Handke zieht Bilanz

Fundstücke wie die von Kafka und Twain, Dickens und Handke findet man übrigens – inzwischen seit mehr als einem Vierteljahrhundert – verlässlich in der Reihe „Europa erlesen“. Die literarischen Reiseführer des Klagenfurter Wieser-Verlags bieten Leseperlen statt Insidertipps und sind ein Eldorado für Entdecker, egal ob es um Metropolen oder vergessene Landstriche geht. Abseits der konventionellen Grand-Tour-Pfade bewegte sich auch Aldous Huxley. Der Autor der Dystopie „Schöne neue Welt“ schätzte Kunsthistorisches und besuchte Italien auch an den abgelegensten Orten. Sein Reisetagebuch „Along the road“ (erscheint im September bei Rowohlt erstmals auf Deutsch) kürt sogar „the greatest picture in the world“: nämlich Piero della Francescas Wandfresko „Auferstehung Christi“ im toskanischen Sansepolcro, dessen Bedeutung für den Verlauf des Zweiten Weltkriegs in Italien wir in dieser Zeitung bereits in einer Actionszene der Weltliteratur erzählt haben.

Lawrence Ferlinghetti und Italien

Zu den unkonventionellen Italientouristen gehört auch Lawrence Ferlinghetti (1919-2021). Der legendäre Poet der Beat Generation, Verleger und Buchhändler (City Lights in San Francisco) war nicht nur eine Jahrhundertfigur (1944 als Skipper beim D-Day beteiligt). Er hatte, wie sein Nachname verrät, italienische Wurzeln, sein Vater wurde in Brescia geboren. Ferlinghettis kürzlich auch auf Deutsch erschienene „Notizen aus Kreuz und quer“ (Übersetzt von Pociao. Kupido Verlag, 576 Seiten, 62 Euro) sind jede Anschaffung wert, denn sie enthalten nicht nur viel Italien, sie bieten vor allem viel anderes Italien.

„Lest es in den Geschichtsbüchern nach. Ich bin kein Baedeker. Mich interessieren mehr die Gesichter der Leute“, schreibt Ferlinghetti und liefert in seinen „Travelogues“ aus fünf Jahrzehnten allerhand Anekdoten über Land und Leute. 1965 erlebt er den greisen Ezra Pound bei einer Lesung in Spoleto. 1968 freut er sich darüber, wie katholisch sich der Kapitalismus gibt: „Habe am Flughafen in der ‚Bank des Heiligen Geistes’ (Banco di Santo Spirito) Geld gewechselt und mich auf den Weg in die Stadt gemacht“.

1983 denkt er im römischen Caffè Greco an Ingeborg Bachmann „und ihr leidenschaftliches Ich. Ich bin ihr hier einmal begegnet, besessen, noch immer in Max Frisch verliebt … ein seltsames, hungriges Wesen war sie.“ Und fast ein halbes Jahrhundert nach Virginia Woolfs Frage nach einem guten Lokal in Rom liefert Ferlinghetti 1984 sogar darauf eine Antwort, denn er isst „eine Pizza, wie sie sein soll, kein dicker schwerer Teig, eher eine sehr dünne, leichte Kruste, fast wie ein französisches crêpe. Man verlässt das Restaurant nicht mit einem Bleigewicht im Magen …“. Die Pizzeria, die Ferlinghetti in seinen Notizen abfeiert, gibt es laut Google heute noch.

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