Sunday, July 14, 2024

EM 2024: Ende einer Ära – Thomas Müller tritt aus der Nationalmannschaft zurück

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Die Welt-Karriere begann auf einer kleinen Wiese hinter einem Bauernhof. Thomas Müller war gerade einmal eineinhalb Jahre, als seine Cousins ihm beim Kicken den Ball zuspielten. Der kleine Thomas lachte und trat dagegen – schnell wurde es sein liebstes Spielzeug.

Mit seinen Eltern Klaudia und Gerhard sowie seinem Bruder Simon wohnte die Familie zu dieser Zeit in einer Wohnung im Haus der Oma auf dem Hof des Onkels in Pähl, einem kleinen Ort in Bayern, gerade einmal 2500 Einwohner. Klaudia Müller ist damals nicht sonderlich überrascht über das Talent ihres kleinen Thomas. Sie hat mal gesagt, er hätte bereits in ihrem Bauch gestrampelt wie ein Fußballer.

Von Pähl aus ging es in den Jahrzehnten danach in die große Fußball-Welt. Wembley-Stadion in London, Maracanã in Rio de Janeiro, Stade de France in Paris. Thomas Müller entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten, beliebtesten und charakteristischsten Sportler, die Deutschland je hatte. Einem, der eine Ära prägte. Der die Menschen mit seinen Toren und seiner besonderen Art faszinierte. Der sich entwickelte und sich gleichzeitig treu blieb. Der mehr als ein Spieler war. Ein Stück deutsches und bayerisches Kulturgut, sagen viele.

14 Jahre spielte er für die Nationalmannschaft, absolvierte 131 Spiele, nahm an acht Turnieren teil. Er triumphierte bei der WM 2014. Er kämpfte sich nach der für viele recht willkürlich anmutenden Ausbootung unter Bundestrainer Joachim Löw nach der desolaten WM 2018 zurück in die Auswahl. Und nun ist Schluss.

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Am Mittwochmittag verkündete „Bild“ das Ende der Karriere in der Nationalelf. Müller hatte sich zuletzt mit dem Bundestrainer Julian Nagelsmann und seinem Umfeld besprochen – und kam offensichtlich zu dem Entschluss, das Kapitel zu beenden.

Mit 20 Jahren absolvierte er sein erstes Länderspiel, mit 34 Jahren sein letztes. Sein Einwechsel-Einsatz im Viertelfinale der EM in Deutschland gegen Spanien (1:2 nach Verlängerung) war sein letzter. Nur Lothar Matthäus (150) und Miroslav Klose (137) spielten noch öfter für Deutschland. Müller erzielte für Deutschland 45 Tore, davon zwei Elfmeter. Im EM-Kader war er der zweitälteste Spieler hinter Torwart Manuel Neuer (38).

Die legendären WM-Grüße an Oma Erna

Die Nationalelf war für ihn immer eine Herzensangelegenheit. Ein gelebter Kindheitstraum. Er lebte ihn für seinen jüngeren Bruder Simon mit – die Geschwister haben ein enges Verhältnis und unterstützten sich gegenseitig sehr, Simon ist riesiger Fußball-Fan und arbeitet als Teamleiter Fanbeauftragte für den FC Bayern. So kam es beim EM-Aus in Stuttgart zu emotionalen Szenen: Thomas weinte auf dem Rasen, Simon auf der Tribüne.

Wenngleich inzwischen andere Stammkräfte im Nationalteam sind: Müller wird dieser Mannschaft fehlen. Es verabschiedet sich ein ganz besonderer Nationalspieler. Der Deutschland sportlich sehr wichtige Tore, Pässe, Siege und Aktionen lieferte – und besondere Szenen außerhalb des Rasens. Unvergessen, als er als 20-Jähriger nach seinen zwei Toren gegen England im Achtelfinale der WM in Südafrika (4:1) im Fernsehinterview fragte: „Darf ich noch jemanden grüßen?“. Und dann seine beiden Omas und seinen Opa Grüße sendete: „Das ist schon lang mal überfällig.“

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Oma Erna hatte das Spiel mit einer Kerze auf dem Tisch im „Austragsstüberl“ (Wohnung für die Altbauern nach der Hof-Übergabe) im TV verfolgt. Und sagte zu den Grüßen ihres Thomas: „Nett oder? So ein lieber Bua.“ Die stolze Großmutter fügte hinzu: „Ich glaube, dass der Thomas das mit dem Fußball von meinem Mann hat.“

Das mit dem Fußball brachte Müller auf jeden Fall sehr weit. Er spielte in seiner mitunter unkonventionellen Art. Im Gruppenspiel der WM 2014 streckte ihn Pepe mit einer Kopfnuss nieder, der Portugiese sah die Rote Karte, Müller blutete. Im EM-Achtelfinale 2021 gegen England schoss Müller knapp am Tor vorbei, seine Mannschaft schied nach dem 0:2 aus. Er hatte so viele Nationalelf-Momente und Nationalelf-Sprüche, die Lesedauer dieses Textes würde Stunden betragen, wären hier alle aufgeführt.

Thomas Müller (M.) posiert 2010 mit dem Goldenen Schuh für den WM-Torschützenkönig mit dem damaligen Adidas-Chef Herbert Hainer (l.) und Fußball-Ikone Franz Beckenbauer (r)

Thomas Müller (M.) posiert 2010 mit dem „Goldenen Schuh“ für den WM-Torschützenkönig mit dem damaligen Adidas-Chef Herbert Hainer (l.) und Ikone Franz Beckenbauer
Quelle: picture alliance/dpa/David Ebener

Der Beginn Müllers Nationalelf-Karriere war begleitet von Tragik: Löw rief ihn an, nominierte ihn für den Kader des Länderspiels gegen die Elfenbeinküste. Zuvor spielte die Auswahl gegen Chile, Müller sollte aber der U21 in einem wichtigen Qualifikationsspiel helfen und erst dann zur A-Mannschaft kommen. Er war damals gerade mal seit sieben Monaten Bundesliga-Spieler.

Als Diego Maradona ihn nicht erkannte

Dann nahm sich Nationaltorwart Robert Enke das Leben, die Partie gegen Chile in Köln wurde abgesagt. Zwei Monate später war Müller das erste Mal bei der Nationalelf dabei, seine Mitspieler hießen damals unter anderem Michael Ballack und Miroslav Klose.

Die Familie Müller auf der Tribüne gegen Spanien: Mutter Klaudia (M.), Vater Gerhard (r.) und Bruder Simon

Die Familie Müller auf der Tribüne gegen Spanien: Mutter Klaudia (M.), Vater Gerhard (r.) und Bruder Simon
Quelle: dpa/Christian Charisius

Anfang 2010 debütierte er gegen Argentinien, ausgerechnet im Münchner Stadion, Löw nahm ihn danach mit zur WM. Und in Pähl jubelten sie: „Unser Thomas für Deutschland!“ Nach dem Spiel erkannte die Legende Diego Maradona, damals Nationaltrainer Argentiniens, Müller auf der Pressekonferenz nicht. Er wollte das Podium wohl für sich allein haben. Müller nahm es locker, ließ Maradona den Vortritt.

Als jemand Maradona erklärte, dass Müller ein paar Minuten zuvor die Seitenlinie vor ihm rauf und runter gelaufen war, entschuldigte er sich vor laufenden Fernsehkameras bei Müller. Gleich in seinem ersten WM-Spiel in Durban gegen Australien bereitete Müller ein Tor vor und traf erstmals für sein Land, sein ärgster Konkurrent für die Position rechts war damals Piotr Trochowski.

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Bei diesem Turnier entwickelte sich Müller zum internationalen Jungstar, später zum Weltstar. Bei der WM wurde er mit fünf Toren und drei Vorlagen Torschützenkönig – vor den Stars Wesley Sneijder (Niederlande) und David Villa (Spanien) – sowie bester junger Spieler des Turniers. Bei der WM vier Jahre später schoss er wieder fünf Tore, einzig der Kolumbianer James, mit dem Müller später beim FC Bayern spielen wird, erzielte einen Treffer mehr.

Den Nationalspieler Müller zeichnete immer das aus, was auch den Müller vom FC Bayern auszeichnet: Eine unheimliche Bereitschaft, mental wie körperlich. Ein besonderer Instinkt. Und die Fähigkeit, ein Spiel besser zu lesen als andere Profis. Situationen im Voraus zu erahnen, clever zu spekulieren, zu lauern. Wäre Fußball wie Autofahren, jeder Fahrlehrer würde das vorausschauende Fahren Müllers in die Lehrbücher nehmen wollen. Müller sagte es selbst mal: Die Fähigkeit, den „zweiten Ball“ zu erahnen, das ist eine seiner großen Stärken. Eine weitere ist seine Menschlichkeit.

Thomas Müller tröstet nach dem EM-Aus gegen Spanien seinen Mitspieler Florian Wirtz

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Quelle: dpa/Marijan Murat

Er ist es seit der Kindheit gewohnt, mit Mannschaft zu reisen und in ihnen zu leben. Und er liebt es. Bundestrainer Nagelsmann bezeichnete Müller vor der EM in Deutschland als „Connector“, als Bindeglied zwischen den Gruppen der Spieler im Kader. Als „Schmiermittel“, als den, der „mit den Jodlern und Rappern“ gleichermaßen gut umgehen könne.

So war es tatsächlich immer. Doch Müller war auch in den letzten Wochen seiner Nationalelf-Karriere nicht nur das. Er war der rechte Arm des Trainers, brachte sich ein, hatte auf dem Spielfeld nach seinen Einwechslungen gute Aktionen.

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Dass er in seinem Alter noch mithalten kann, liegt vor allem an seiner professionellen Lebensweise. Müller beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Ernährung, hat zudem mithilfe von Experten seinen Schlaf und seine Atmung optimiert.

Zur Startelf gehörte er nicht mehr – das hatte Nagelsmann ihm vor dem Turnier bereits gesagt. Müller akzeptierte seine Rolle nicht nur – er füllte sie mit aller Energie aus. Zweimal wechselte Nagelsmann ihn ein: Beim 5:1 im Auftaktspiel gegen Schottland, in Müllers „Wohnzimmer“, im Münchner Stadion. Die Fans feierten ihn mit Sprechchören.

Thomas Müller: „Bin stolz, Deutscher zu sein“

Und gegen Spanien, in der Arena in Stuttgart, in der Partie hatte er noch eine gute Torchance. Müller verabschiedete sich unter Tränen und dankte den Fans mit Applaus für ihre Unterstützung. Sein einstiger Mitspieler Per Mertesacker, mit dem er 2014 die WM gewann, sagte, er habe Müller so noch nicht weinen sehen. Und ging vom Rücktritt aus.

„Wir können stolz sein“, sagte Müller. „Ich bin stolz, ein Teil dieses Teams zu sein und vor allem stolz ein Deutscher zu sein.“ Und weiter: „Danke an alle, die mit uns mitgefiebert haben und tolle Gastgeber waren. Lasst uns dieses Gefühl gerade in den aktuellen Zeiten mit in unseren Alltag nehmen.“ Auch das hat Müller als Nationalspieler immer ausgezeichnet: Ein Gefühl für die Relevanz der Auswahl für die Gesellschaft, ein Gespür für die Stimmung im Land, feine Antennen für die richtige Botschaft zum richtigen Zeitpunkt.

Thomas Müller (M.) feierte 2014 den WM-Gewinn auf der Berliner Fanmeile mit Lukas Podolski (r.) und Per Mertesacker (l.)

Thomas Müller (M.) feiert 2014 den WM-Gewinn auf der Berliner Fanmeile mit Lukas Podolski (r.) und Per Mertesacker (l.)
Quelle: picture alliance/augenklick/firo Sportphoto/Christopher Ne

So kam es nun. Doch anders als bei Toni Kroos war diese EM nicht der Schlusspunkt in Müllers gesamter Karriere. Beim FC Bayern gilt sein Vertrag bis zum 30. Juni 2025. Im September wird Müller 35 Jahre alt. Es könnte seine letzte Saison sein. Er und die Fans freuen sich drauf, Müller giert nach einer titellosen Spielzeit mit dem deutschen Fußball-Rekordmeister nach Trophäen.

Müller schlief als Kind in Bettwäsche des FC Bayern, verschlang als Kind in den 90er-Jahren die „Bravo Sport“ und verfolgte als Fan und Jugendspieler des Klubs alles, was im Verein passierte. Auch die Wutrede Giovanni Trapattonis.

In Anlehnung an seinen legendären Satz gilt nach dem EM-Aus: Thomas Müller hat noch nicht fertig.

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