Tuesday, July 23, 2024

WM 2006 und „Rechtsruck in Deutschland“ – Bundesbehörde löscht Video

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Vor 18 Jahren stürmte die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Deutschland bis ins Halbfinale. Herbert Grönemeyer sang „Zeit, dass sich was dreht“, eine ausgelassene Stimmung, sommerliches Wetter und eine größtenteils reibungslose Organisation schufen den Begriff Sommermärchen. Das Ansehen Deutschlands in der Welt verbesserte sich auf verschiedenen Ebenen spürbar.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) nutzt die Europameisterschaft in Deutschland nun dazu, kritisch auf die WM zurückzublicken. „Sind Poldi, Klinsi und Co. schuld am Rechtsruck in Deutschland?“, fragt die Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern – so der offizielle Titel – in einem rund einminütigen Video auf Instagram. Eine steile These sei das, erklärt die Moderatorin, „aber da könnte schon etwas dran sein“. Die Debatte ist zumindest nicht neu.

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Bundestrainer

Laut bpb sei Deutschland im Jahr 2006 vor allem frei „zwei angefangene Weltkriege“ und „vielleicht noch den Mauerfall“ in der Welt bekannt gewesen. Die ausgelassenen Feiern auf den Fan-Meilen werden in dem Beitrag kritisch beleuchtet. „Die Welt zu Gast bei Freunden. Da durften die Deutschen wieder Flagge zeigen, ohne dass es nationalistisch wirkte. Weil es nur Fußball war. Plötzlich gab es alle möglichen Fanartikel in Schwarz-Rot-Gold.“

Dann spricht die Moderatorin von einem Phänomen, das während des gemeinsamen Public Viewings in Deutschlandfarben entstanden sein soll: „Party-Patriotismus wurde das genannt. Die Party war im Halbfinale zwar vorbei, aber die Patriotismus-Afterhour ging weiter, auch außerhalb des Fußballs. Etwas weniger als zehn Jahre später laufen mit Pegida patriotische Europäer mit Deutschland-Fahnen durch Dresden.“

Auch bei der EM 2008 schwenken die Deutschen wieder ihre Fahne, wie hier auf dem Alten Markt in Magdeburg beim Viertelfinale gegen Portugal

Auch bei der EM 2008 schwenken die Deutschen wieder ihre Fahne, wie hier auf dem Alten Markt in Magdeburg beim Viertelfinale gegen Portugal
Quelle: picture alliance/dpa/Andreas Lander

Verknappende Darstellung

In dem Beitrag wird anschließend eine These von Clemens Heni zitiert. Der deutsche Politikwissenschaftler und Leiter des „Berlin International Center for the Study of Antisemitism“ meint, ohne die „WM 2006 wäre das so nicht möglich gewesen. Pegida war erst der Anfang für die Radikalisierung der Rechten in Deutschland“. Wenn man also „edgy“ (provokant) sein wolle, könne man fragen: „Sind Poldi, Klinsi und Co. schuld am Rechtsruck in Deutschland?“ Ende des Videos.

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Natürlich kann man diese These aufwerfen. In einer Gesamtbetrachtung finden sich sicherlich auch Argumente für diese Auffassung. Allerdings erscheint es fragwürdig, ob eine Bundesbehörde, die Wissen vermitteln möchte, solch ein komplexes Thema in Form einer derart verknappenden Darstellungsweise behandeln sollte. Dazu kann man darüber streiten, ob der Zeitpunkt während einer Europameisterschaft im eigenen Land gut gewählt ist.

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Kombo EM

In der Videobeschreibung relativiert die bpb ihre Aussagen in Teilen: „Schwarz-Rot-Gold zu tragen, hat über Nacht keinen faden Beigeschmack mehr, sondern ist selbstverständliches Accessoire auf den Straßen. Besonders große Sportereignisse und Turniere stärken das Wir-Gefühl und sorgen für einen Anstieg des Nationalstolzes, wie Studien zeigen. Andere Studien kommen aber auch zu dem Schluss, dass diverse Mannschaften mehre Offenheit und Toleranz fördern“, heißt es dort.

Relativierung unter dem Beitrag

Im Nachgang der Veröffentlichung äußert sich die Bundeszentrale in einem Kommentar unter dem Video. Man wolle nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. „Natürlich gibt es viele Fans, die die gerade laufende EM einfach schauen und sich freuen, wenn die Deutsche Nationalmannschaft ein Spiel (oder vielleicht sogar das Turnier) gewinnt. Und das auch feiern, indem sie ihr Haus/Auto/etc. in Deutschlandfarben schmücken und das Trikot der Deutschen Nationalmannschaft tragen.“

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Die Autoren der bpb erklären darin auch die Intention des Beitrages: „Es ist aber wichtig zu wissen, dass das zumindest in Teilen der Gesellschaft Tendenzen befördert, die weniger ein Wir-Gefühl stärken als Ausgrenzung befördern. Bitte seht das Video als Denkanstoß zum Zusammenhang von Sport und Politik.“ Beleidigungen und Beschimpfungen gegen die Moderatorin würden „kommentarlos“ gelöscht.

Gelöscht wurde im Laufe des Donnerstags vom bpb aber auch etwas anderes: das gesamte Video.

Video sorgt für Verärgerung

Der Sprecher der bpb bestätigte am Donnerstagnachmittag, dass das Video „2006 – ein Sommermärchen für den Nationalismus“ gelöscht worden sei. Die Veröffentlichung sei ein Fehler gewesen. „Das Video entspricht inhaltlich und in der Umsetzung nicht den Qualitätsansprüchen der Bundeszentrale für politische Bildung“, sagte er. Auch die übrigen Videos aus der betroffenen Serie „Politik raus aus den Stadien“ würden nun aus dem Netz genommen und einer „kritischen Qualitätsprüfung“ unterzogen.

Die bpb hat nach eigenen Angaben die Aufgabe, das „Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken“. Sie gehört zum Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums und hat ihren Hauptsitz in Bonn.

„Da ist die Bundeszentrale für politische Bildung ihrem Auftrag nicht gerecht geworden“