Tuesday, July 23, 2024

Türkei: Der diplomatische Eklat um den Wolfsgruß – und Erdogan legt noch einen drauf

- Advertisement -
- Advertisement -
Hier können Sie unsere WELT-Podcasts hören
Um eingebettete Inhalte anzuzeigen, ist deine widerrufliche Einwilligung in die Übermittlung und Verarbeitung von personenbezogenen Daten notwendig, da die Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter diese Einwilligung verlangen [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem du den Schalter auf „an“ stellst, stimmst du diesen (jederzeit widerruflich) zu. Dies umfasst auch deine Einwilligung in die Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten in Drittländer, u.a. die USA, nach Art. 49 (1) (a) DSGVO. Mehr Informationen dazu findest du hier. Du kannst deine Einwilligung jederzeit über den Schalter und über Privatsphäre am Seitenende widerrufen.

Die Türkei bestellt den deutschen Botschafter ein, Deutschland bestellt den türkischen Botschafter ein – und jetzt will Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Viertelfinale-Spiel der Türkei am Samstag nach Berlin reisen. Auslöser war der türkische Nationalspieler Merih Demiral, der auf dem Platz den sogenannten Wolfsgruß zeigte – und Innenministerin Nancy Faeser, die dies auf X kritisierte.

Was hat es mit dem Gruß auf sich?

Er ist das Symbol der „Grauen Wölfe“, einer ultranationalistischen türkischen Vereinigung, die auch in Deutschland aktiv ist und vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Der Gruß drückt in der Regel die Zugehörigkeit und das Sympathisieren mit der Bewegung aus. Auf der Website des deutschen Inlandsgeheimdienstes heißt es, „ein übersteigerter Nationalismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wie Rassismus und Antisemitismus“ prägten die Vereinigung; das Türkentum werde als übergeordnete Nationalität und Kultur angesehen.

Demiral dagegen sagte, dass er mit der Geste nur ausdrücken wollte, dass er stolz sei, Türke zu sein und keine versteckte Botschaft dahinterstecke. Auch das türkische Außenministerium sprach von einem „historischen und kulturellen Symbol“, das sich gegen „niemanden“ richte.

Lesen Sie auch
Der Sitz des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins Filderstadt – der dem Dachverband der rechtsextremen Grauen Wölfe angehört

Graue Wölfe

Der türkische Nationalismus zieht sich durch fast alle politischen Lager und Gesellschaftsschichten, er ist salonfähig. Özgür Ünlühisarcikli, der das Ankara-Büro der Stiftung German Marshall Fund of the United States leitet, spricht von einer „Wahrnehmungslücke“ zwischen der Türkei und Deutschland, was den Nationalismus angeht.

Während er in Deutschland als Bedrohung gesehen werde, gehöre er in der Türkei zum Mainstream. „Ist [der Wolfsgruß] eine ideologische Geste? Ja“, sagt er. „Würden ihn manche Menschen in der Türkei als Bedrohung empfinden? Ja, zum Beispiel Anhänger der kurdischen politischen Bewegung oder Flüchtlinge. Aber eine große Zahl an Türken sieht ihn als normal an.“

An dieser Stelle finden Sie Inhalte von Drittanbietern
Um eingebettete Inhalte anzuzeigen, ist deine widerrufliche Einwilligung in die Übermittlung und Verarbeitung von personenbezogenen Daten notwendig, da die Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter diese Einwilligung verlangen [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem du den Schalter auf „an“ stellst, stimmst du diesen (jederzeit widerruflich) zu. Dies umfasst auch deine Einwilligung in die Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten in Drittländer, u.a. die USA, nach Art. 49 (1) (a) DSGVO. Mehr Informationen dazu findest du hier. Du kannst deine Einwilligung jederzeit über den Schalter und über Privatsphäre am Seitenende widerrufen.

Nachdem Faeser auf X geschrieben hatte, dass „die Symbole türkischer Rechtsextremisten“ in deutschen Stadien „nichts zu suchen“ hätten, bestellte das Außenministerium in Ankara den deutschen Botschafter ein. Am Tag darauf zog Berlin gleich.

Wie läuft eine Einbestellung des deutschen Botschafters ab?

Einer, der davon ein Lied singen kann, ist Martin Erdmann, der von 2015 bis 2020 Botschafter in der Türkei war. Insgesamt 25 Mal wurde er in dieser Zeit einbestellt. Im Interview mit WELT im vergangenen Jahr verriet er, wie so etwas abläuft. „Wenn Sie angerufen werden, dann haben Sie eine Stunde später, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, zu erscheinen“, sagte er.

„Mein Gesprächspartner war üblicherweise der für Westeuropa zuständiger Abteilungsleiter, ein Profi. Ich bekam stets Tee angeboten. Zunächst tauschten wir uns kurz über persönliche Dinge aus, und dann schaltete der Gastgeber um und sagte: Jetzt reden wir über das eigentliche Thema. Dann wurde der Ton etwas direkter und rauer.“ Oft habe er den Grund vor der Einbestellung gar nicht gewusst.

Lesen Sie auch
Die kommunale SPD-Kandidatin Gülten Ilbay (2. v. l.) zeigt den Gruß der rechtsextremistischen Grauen Wölfe

Filderstadt

Auch sein Nachfolger Jürgen Schulz, der amtierende deutsche Botschafter in der Türkei, wurde schon – wenn auch weniger oft – ins türkische Außenministerium zitiert, etwa im Mai vergangenen Jahres, nachdem es in Hessen bei Journalisten einer türkischen Zeitung Durchsuchungen gegeben hatte.

Verweigern sollte man eine solche Protestnote nicht, schließlich können Botschafter auch zu unerwünschten Personen ernannt werden – die bilaterale Beziehung würde dann ungleich größeren Schaden nehmen.

Warum reagiert die Türkei angefasst?

Um die Reaktion der türkischen Regierung zu verstehen, muss man ihre Zusammensetzung kennen. Präsident Erdogan regiert in einem Bündnis zwischen seiner AKP mit der ultranationalistischen MHP. Sie ist der politische Arm der Grauen Wölfe, der Wolfsgruß ist auch ihr Symbol. Doch der Zusammenhalt des Zusammenschlusses wird derzeit angezweifelt, es zeigen sich Risse.

Lesen Sie auch
Auf dem Foto sieht man eine Hand, deren Mittel- und Ringfinger vornübergebeugt sind und auf dem Daumen aufliegen, während Zeigefinger und kleiner Finger abgespreizt sind. Dies ist der sogenannte „Wolfsgruß“ der türkischen Rechtsextremisten.

Türkische Rechtsextremisten

Erdogan müsse also vorsichtig mit seinem Partner umgehen, sagt Ünlühisarcikli. „Wenn er das Gefühl hatte, dass sein Bündnispartner beleidigt wurde, könnte er sich zu einer Reaktion veranlasst gesehen haben.“ Andernfalls hätte dies die MHP kränken können.

Joseph Sattler, Türkei-Experte, SPD-Außenpolitiker im Bundestag und Mitglied im Vorstand der Deutsch-Türkischen Gesellschaft, sagt, das türkische Außenministerium versuche mit seiner historisch-kulturellen Deutung, den Gruß zu verharmlosen. Dabei stehe das Symbol in erster Linie in einem politischen Kontext. „In den vergangenen Jahren gab es eine nationalistische Welle in der Türkei“, sagt Sattler. „In der Auseinandersetzung mit dem Westen werden diese Reflexe gern emotional aufgeladen.“

Wie geht es weiter?

Der fußballbegeisterte Erdogan will nun zum Spiel am Samstag der Türkei gegen die Niederlande im EM-Viertelfinale in Berlin anreisen. In türkischen Medien hieß es, Grund sei die Wolfsgruß-Debatte. Erdogan wolle der Mannschaft den Rücken stärken. Dafür sagte er sogar seine geplante Reise nach Aserbaidschan ab, wo er am Gipfeltreffen der Organisation der Turkstaaten hätte teilnehmen sollen – ein bemerkenswerter Verzicht.

Ünlühisarcikli sieht die deutsch-türkischen Beziehungen nicht in Gefahr „Die Bindungen zwischen der Türkei und Deutschland sind sehr stark“, sagt er. Kurzfristig aber hat Erdogans geplanter Besuch Eskalationspotenzial. Viele Augen werden wohl verfolgen, ob erneut der Wolfsgruß oder andere politische Symbole gezeigt werden. Auf dem Spielfeld – oder auf der Tribüne.

Weiterlesen…….

- Advertisement -
Latest news

Bürgermeister seit 40 Jahren: „Wer heute einen klaren Satz sagt, kriegt gleich eins mitgegeben“

Friedolin Link aus Hausen in Bayern ist seit vier Jahrzehnten Bürgermeister. Der CSU-Mann rügt die Entwicklung des Meinungsklimas und ist überzeugt: Einen wie...
- Advertisement -

T-Shirts mit Donald-Trump-Fotos nach Attentat sind Verkaufsschlager

Hier können Sie unsere WELT-Podcasts hören Um eingebettete Inhalte anzuzeigen, ist deine...

Nach dem Attentat: Parteitag der Republikaner beginnt – „Trump wird als Märtyrer dargestellt“ – Video

Einen Tag nach dem Attentat auf Trump beginnt in Milwaukee der Parteitag der Republikaner, auf dem der Ex-Präsident zum Präsidentschaftskandidaten gekürt werden soll. „Er...

ARD und ZDF: Die Meinungsmacht der Öffentlich-Rechtlichen – und was sie damit anstellen

Die größte mediale Meinungsmacht in Deutschland besitzen ARD und ZDF, belegen Studien. Doch wenn es um eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geht, bleibt...
Related news

Bürgermeister seit 40 Jahren: „Wer heute einen klaren Satz sagt, kriegt gleich eins mitgegeben“

Friedolin Link aus Hausen in Bayern ist seit vier Jahrzehnten Bürgermeister. Der CSU-Mann rügt die Entwicklung des Meinungsklimas und ist überzeugt: Einen wie...

T-Shirts mit Donald-Trump-Fotos nach Attentat sind Verkaufsschlager

Hier können Sie unsere WELT-Podcasts hören Um eingebettete Inhalte anzuzeigen, ist deine...

Nach dem Attentat: Parteitag der Republikaner beginnt – „Trump wird als Märtyrer dargestellt“ – Video

Einen Tag nach dem Attentat auf Trump beginnt in Milwaukee der Parteitag der Republikaner, auf dem der Ex-Präsident zum Präsidentschaftskandidaten gekürt werden soll. „Er...

ARD und ZDF: Die Meinungsmacht der Öffentlich-Rechtlichen – und was sie damit anstellen

Die größte mediale Meinungsmacht in Deutschland besitzen ARD und ZDF, belegen Studien. Doch wenn es um eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geht, bleibt...
- Advertisement -