Sunday, July 14, 2024

Kriminalität: „Organisierte Banden reisen von Laden zu Laden, um Diebstähle zu begehen“

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Für gut vier Milliarden Euro werden jedes Jahr Waren im Handel gestohlen. Das verteilt sich auf Mitarbeiter, Gelegenheitsdiebe und Bandenkriminalität. Sicherheitsexperte Frank Horst vom Kölner Handelsinstitut EHI erklärt, was die Ursachen sind und was diese Form der Kriminalität die Verbraucher kostet.

WELT: Laut Ihrer Studie sind im vergangenen Jahr Waren im Wert von 4,1 Milliarden Euro in deutschen Läden gestohlen worden – ein Plus von 15 Prozent. Wer sind die Diebe?

Frank Horst: Es gibt im Handel immer Fälle, in denen die eigenen Mitarbeiter oder Lieferanten Ware mitgehen lassen. Das macht 1,28 Milliarden Euro aus. Der Rest entfällt auf Externe – also auf die Kunden. Zum einen sind das Gelegenheitstäter, vor allem im Lebensmittelhandel und in Drogeriemärkten. Es gibt aber auch eine deutlich steigende Bandenkriminalität.

WELT: Banden? Wie sieht das aus?

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Horst: Das sind organisierte kleine Gruppen, die von Laden zu Laden reisen, um Diebstähle zu begehen.

WELT: Also ein Überfall?

Horst: Nein, das wäre zu auffällig. Es sind meist drei bis vier Täter, die arbeitsteilig vorgehen. Einer stellt Ware aus den Regalen zusammen. Ein anderer beobachtet das Personal, steht also Schmiere. Ein Dritter ist dafür zuständig, die Ware aus den Laden zu tragen. Meist wartet noch jemand mit einem Fahrzeug draußen.

WELT: Was klaut so eine Bande?

Horst: Ganz unterschiedlich. Die Täter schauen nach Produkten, die sich leicht wiederverkaufen lassen. Vieles geht ins Ausland, anderes auf Online-Plattformen.

Frank Horst, Sicherheitsexperte beim Kölner Handelsinstitut EHI

Frank Horst, Sicherheitsexperte beim Kölner Handelsinstitut EHI
Quelle: EHI

WELT: Was sind typische Produkte?

Horst: Rasierklingen, Spirituosen, hochwertige Kosmetika, es kann aber auch mal Zahnpasta sein. Im Textilhandel sind es oft modische Artikel, die beim Weiterverkauf rasch eine Nachfrage finden – vom T-Shirt bis zur Designerware. Im Baumarkt kann es auch mal eine Bohrmaschine sein.

WELT: Seit wann gibt es diese Banden?

Horst: Die sind bereits seit einigen Jahren aktiv. In der Pandemie haben wir allerdings einen deutlichen Rückgang, wohl wegen der eingeschränkten Reisefreiheit.

WELT: Kommen die Gruppen also über die Landesgrenzen?

Horst: Ja, das ist häufig so. Die Hälfte der angezeigten und aufgeklärten Ladendiebstähle entfällt laut Kriminalitätsstatistik auf nicht deutsche Täter aus 165 Nationalitäten. Führend sind rumänische und georgische Diebesbanden. Unter den ersten 30 Nationalitäten sind fast alle osteuropäischen Länder und einige afrikanische Staaten. Das deutet darauf hin, dass die Banden von dort kommen.

WELT: Sind diese Banden der Grund dafür, dass im Supermarkt immer öfter Waren wie Spirituosen und Rasierklingen in abgeschlossenen Vitrinen stehen?

Horst: Ja, das ist die Reaktion auf die organisierte Kriminalität. Neben den Vitrinen zählen dazu auch geringere Warenbestände, um die Verluste in Grenzen zu halten. Kameras sind auch verbreitet.

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Grassierender Ladendiebstahl

WELT: Welche Rolle spielen die Gelegenheitsdiebstähle?

Horst: Eine große. Nach meiner Schätzung werden etwa 30 Prozent der Diebstähle von organisierten Banden verübt, 70 Prozent aber von Gelegenheitstätern. Die meisten Ladendiebstähle bei den 400.000 Anzeigen liegen unter 50 Euro Warenwert.

WELT: Sind das arme Tröpfe, die ihr täglich Brot nicht bezahlen können, oder Leute, die nebenbei was mitgehen lassen?

Horst: So genau lässt sich das nicht analysieren, zumal viele Täter ja gar nicht auffallen. Die Ware fehlt einfach bei der Inventur. Jährlich bleiben etwa 24 Millionen Ladendiebstähle, also rund 100.000 je Werktag unentdeckt. Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst nur die beobachteten Fälle. Die Zahl ist 2023 um 23,6 Prozent auf insgesamt 426.096 gestiegen. Statistisch gesehen geht jeder 200. Einkaufswagen an der Kasse vorbei.

WELT: Wie steht es um die Kriminalität von Drogenabhängigen? Crack sorgt ja derzeit für Unruhe in der Szene, weil der Beschaffungsdruck sehr hoch ist.

Horst: Beschaffungskriminalität ist ein bedeutender Faktor. Bei den Anzeigen stehen fünf bis zehn Prozent der Ladendiebe unter dem Einfluss von Drogen.

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Vorbild Niederlande?

WELT: Welche Rolle spielen darüber hinaus die neuen Kassen, an denen die Kunden ihre Ware selbst scannen? Ermutigen die zum Ladendiebstahl?

Horst: Dort ist die Versuchung sicherlich größer. Das hängt allerdings auch von der Ausgestaltung vor Ort ab – ob es etwa Kameras gibt oder Kontrollpersonal. Im Durchschnitt schätzen wir, dass diese Kassen zehn bis 20 Prozent mehr Diebstähle erzeugen.

WELT: Kalkuliert der Handel ein, dass er dadurch mehr Personalkosten einspart als an Diebstahl-Schaden entsteht?

Horst: Das ist eine schwierige Rechnung. Eine Einsparung bei Personalkosten gibt es ja erst, wenn über die SB-Kassen ein deutlicher Umsatzanteil läuft. Bisher ist das selten der Fall.

WELT: Welche Faktoren begünstigen außerdem den Ladendiebstahl?

Horst: Generell spielen Anonymität und Größe der Verkaufsfläche eine Rolle – und die Dichte des Personaleinsatzes. Am ärgsten ist es, wenn nur ein Mitarbeiter im Laden ist, der gleichzeitig die Kasse bedient.

WELT: Treibt die Knappheit an Arbeitskräften also die Diebstahl-Statistik?

Horst: Ja, die Branche sagt uns das ganz klar. Man kann viel mit technischen Dingen wie Kameras und Warensicherheitsanlagen machen. Letztlich muss aber ein Mitarbeiter die Täter ansprechen und eine Anzeige schreiben.

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WELT: Welche Auswirkungen hat der Diebstahl-Schaden? Trifft der alle Kunden oder allein den Gewinn des jeweiligen Kaufmanns?

Horst: Statistisch gesehen entfällt auf jeden Bundesbürger ein Schaden von 34 Euro jährlich. Den zahlen wir mit, denn das wird immer schon auf den Preis aufgeschlagen. Am Jahresende fehlt aus unterschiedlichen Gründen gut ein Prozent der Ware in der Inventur. Dazu gibt der Handel rund 0,3 Prozent des Umsatzes für die Prävention von Diebstählen aus. Daher ist die Ware 1,3 bis 1,5 Prozent teurer, als sie es ohne Diebstähle und andere Inventurverluste wie falsch verbuchte Ware wäre.

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