Tuesday, July 23, 2024

Kunst: John Singer Sargent – Kleider machen Leute, vor allem in Öl auf Leinwand

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Wollen wir das wirklich sehen? Ist der rote Morgenmantel, mit dem sich anno 1881 Samuel Pozzi, berühmter Londoner Society-Gynäkologe und Liebhaber vieler Frauen, ganz und gar unmännlich, überraschend intim und sehr flamboyant porträtieren ließ, 143 Jahre später als Ausstellungsartefakt wesentlich? Das Kleidungsstück des berüchtigten Dandy-Mediziners gibt es zwar nicht mehr, aber es wurde immerhin 2015 von Julian Barnes zum Titelsujet seines spannenden Buchessays „Der Mann im roten Rock“ erkoren.

Andere Roben, Mäntel, Hüte und Schleppen haben freilich die Jahrzehnte überlebt. Und so blicken wir jetzt durch die Vitrine, wo sich das für ein ephemeres Theaterkleid erstaunlich gut erhaltene gelbe Flamenco-Kostüm der Varietétänzerin La Carmencita kräuselt, auf deren frisch schillerndes Bildnis von John Singer Sargent aus dem Pariser Musée d’Orsay, wo sich ebendieses Kleid noch appetitlicher und verführerischer präsentiert. Und ja, das ergibt Sinn: Denn in dieser Ausstellung der Tate Britain geht es diesmal ganz entschieden auch um Materialität, um die Wiedergabe von Samt und Seide, Spitze und Pelz.

Gefühlt mindestens alle zehn Jahre veranstalten die großen angloamerikanischen Museen eine Singer-Sargent-Ausstellung. Besitzen doch die Londoner Tate Gallery, die großen Häuser in Chicago, New York und Boston alle ansehnliche Bestände dieses nach wie vor hochgehaltenen Porträtisten der Belle Époque und damit Diener alter Welten.

John Singer Sargent, „Dr Pozzi at Home“, 1881

John Singer Sargent, „Dr Pozzi at Home“, 1881
Quelle: Armand Hammer Foundation/Hammer Museum, Los Angeles

John Singer Sargent, geboren 1856 in Florenz, gestorben 1925 in London, war der Chronist der Oberschicht in Paris, Venedig, London, New York und Boston, malendes Faktotum, Dienstleister und Mitspieler einer langsam, aber unaufhaltsam ihrem Ende zutaumelnden Epoche. Er hat sie alle porträtiert, die Nachfahren alter Namen und alten Geldes, wie die Emporkömmlinge, deren Aufstieg auf Stahl, Öl oder Eisenbahnen gebaut war. Ob Graf oder Frauenarzt, ob Herzogin oder Bankiersgattin – sie alle wollten sich der Um- und Nachwelt auf malerischer Altväter-Art präsentieren.

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Pompös inszeniert inmitten ihrer Besitztümer oder vor schlichtem Hintergrund, auf dass die Einzigartigkeit des Abgebildeten noch wirkungsvoller hervortrete, die Gesichter von einem rosigen Schimmer überzogen, leicht wächsern überhöhte, mitunter geschmeichelte Wirklichkeit. Dandys und Lebedamen, Geldmenschen und Künstler des Edwardian Age. Auf ewig konserviert im Stil der großen Niederländer und Engländer. Das war ein teurer Anachronismus im Zeitalter der sich mehr und mehr verbreitenden Fotografie.

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Und deshalb musste Singer Sargent auch so gut wie besonders malen können: lebensecht, um die Kamera auszustechen, aber eben auch deren Unbestechlichkeit optimierend durch schönen Ölpinselschein. Doch dieser letzte Porträtfürst interessierte sich auch für Landschaften, religiöse Kompositionen, Genreszenen, Figuren, Interieurs, Seebilder.

Er war ein toller, spontaner Zeichner, entwarf mythologische Fresken für repräsentative Gebäude in Boston. Zu seinem Lebenswerk gehören ungefähr 900 Ölgemälde, 2000 Aquarelle sowie unzählige Skizzen und Kohlezeichnungen. Nie verheiratet, wurde unlängst sogar ein Konvolut Aktzeichnungen schwarzer Männer zum Thema einer eigenen Ausstellung über seine vermutete Sexualität.

Samt und Pelz, lebensecht dargestellt

Doch aktuell steht „Singer Sargent and Fashion“ in London im Ausstellungsfokus. Wieder mal ein neuer Zugang zu alten Bildbekannten, aber auch zu immer neuen Porträtierten aus Privatbesitz. Da ist natürlich erneut „Madame X“: Jenes Skandalbild aus dem Pariser Salon von 1884, wo ein heruntergerutschter Träger der Abendrobe im Verein mit einem angeblich zu herausfordernden Blick für eine verheiratete Frau negativ Furore machte, das unbotmäßige Kleiderteil musste übermalt werden.

John Singer Sargent, „Madame X (Madame Pierre Gautreau)“, 1883–84

John Singer Sargent, „Madame X (Madame Pierre Gautreau)“, 1883–84
Quelle: © The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florence

Aber da sind auch „Nelke, Lilie, Lilie, Rose“ von 1885: Zwei Mädchen in weißen Kleidern zünden in einem Liliengarten Lampions an, ein Mirakel zarter Farbigkeit, impressionistisch anmutend, doch mit sehr konkretem Strich gemalt. Und natürlich auch Violet Paget alias Vernon Lee, die Jugendfreundin und sich gern männlich kleidende Schriftstellerin. Oder Lady Agnew of Lochnaw in ihrer zart weißen Robe mit lila seiden schimmernder Schärpe, in einem gemusterten Sessel drapiert.

Es sind nur wenige echte Artefakte aus Chiffon und Tüll, Filz und Pelz, Samt und Käferpanzern, die mit ihren meist über hundert Jahre frischen Abbildungen konkurrieren müssen. Da gibt es von einem herrlichen Seidenstoff noch ein Musterstück, und man sieht, Singer Sargent hat ihn wirklich lebensecht abgebildet.

Exquisite Charles Frederick Worth-Roben sind aufgeboten, erste Zeitzeugen der beginnenden Haute Couture. Ellen Tarry, die einst berühmte Shakespeare-Darstellerin, wird als Lady Macbeth nun mit dem erhaltenen Originaldress mit den reflektierenden Käferflügeln gezeigt – und siehe: Alles wie auf dem Bild von 1889, nur ist das Theaterkostüm eine Spur hellgrüner.

John Singer Sargent, „Lady Helen Vincent, Viscountess d’Abernon“, 1904

John Singer Sargent, „Lady Helen Vincent, Viscountess d’Abernon“, 1904
Quelle: Foto © Sean Pathasema

Schnell freilich entfernt man sich wieder von diesen oft schlecht gealterten Requisiten. Die herrlichen Gemälde in ihrer stolzen Van-Dyck-Attitüde, sie sprechen eine eigene, souveräne Sprache.

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Und so erzählen etwa die verschiedenen Ansichten der Töchter der jüdischen Familie Wertheimer viel mehr über Sein und Schein, über tatsächliche und individuelle Wunschrollen wie -existenzen, als die echten Kleider. Diese Menschen erscheinen nicht isoliert, sondern als Akteure in einer sozialen Welt, die verblüffend ist, modern und bisweilen so wahrhaftig, dass es überrascht.

Die Kleider als Hilfsmittel bei der Konstruktion von Identität, sie sind verschlissen, aber diese Gesichter, sie sind voller Leben und Witz, Geheimnis und Abgrund. Und so erwächst über den Roben als bewusst ausgesuchten und drapierten Requisiten repräsentativer Porträts doch schnell wieder die Faszination für diesen scheinbar so perfekten und doch undurchschaubaren Künstler.

„Sargent and Fashion“, bis 7. Juli 2024, Tate Britain, Katalog 40 Pfund

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