Tuesday, July 23, 2024

Musiktheater: Warum Beethovens „Fidelio“ einfach nicht zu retten ist

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Seien wir mal ehrlich: „Fidelio“ ist – selbst in seiner dritten Fassung – eine grottenschlechte Oper. Ludwig van Beethoven beherrschte die Gattung einfach nicht. Damit steht er unter den großen Komponisten nicht alleine da. Aber seit 219 Jahren bemüht man sich um dieses abstruse Machwerk, diese Mixtur aus Singspiel, Rettungsoper und Befreiungsoratorium, versucht dem albernen Text Sinn zu geben, Kausalitäten zu konstruieren, wo keine sind. Und alles nur der herrlichen, bisweilen allerdings auch noch fast unsingbaren Musik wegen.

Auftritt Andriy Zholdak. Der stammt aus Kiew, ist 61 Jahre alt, lebt inzwischen in Berlin und gilt als der Frank Castorf der Ukraine. Wie Castorf hat er sich schon seit Längerem der Oper zugewandt. Zu seinen Vorbildern gehören vor allem die Kinoregisseure Federico Fellini, Ingmar Bergman, Sergej Paradschanow und Andrej Tarkowski. Nachdem er zuletzt in Lyon Musiktheater gemacht hatte (Tschaikowsky „Zauberin“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“) hat ihn die durchaus wagemutige Intendantin Sophie de Lint nun erstmals für die Dutch National Opera in Amsterdam engagiert.

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Klassiker in Nahaufnahme

Anders als bei vielen der gegenwärtig auf den großen Opernbühnen in immer gleicher Folge und mit wenig Varianz präsenten, meist männlichen Regieverantwortlichen, die für ein jeweils immer vorhersehbares Narrativ, für eine wiederkennbare Optik stehen, ist bei Zholdak immer alles auf Anfang. Man weiß nie, ob er sich verrennt oder ob er einen Weg durch den wunderlichen, mitunter aber erhellenden Irrgarten seiner Konzepte finden wird.

Bei einem ohnehin problematischen Werk wie „Fidelio“ gilt das erst recht. Dennoch fragt man sich, ob es wirklich nötig ist, dass ein Musiktheater ganz fürsorglich seine Besucher an die Deutungshand nimmt und ihnen die Interpretation auf einer Informationsseite genüsslich vorkaut.

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Denn wenn man sich auf Andriy Zholdaks ungewöhnliche, durchaus poetische „Fidelio“-Reise einlässt, kann man durchaus auch gedanklich das Fliegen lernen. Auch wenn das Landen schwierig wird. Wobei die erste Prämisse schon mal nicht so neu anmutet. „Beethoven ist tot“, teilt diesmal die doch sehr robust in die Stückflanken schneidende Regie mit, Gott natürlich auch.

Hinter dem Spiegel

Auch Zholdaks zweite Idee ist bekannt. Wie Cocteaus „Orphée“ anno 1950 im Kino steigt Leonore – den Videoausschnitten nach offenbar in Amsterdam – ihrem Mann und wohl auch ihrer müde gewordenen Ehe hinterher. Deren Zustand offenbarte sich zuvor in einem schnarchenden Hoteldoppelzimmer-Idyll. Das wird massiv gestört, als der Gatte Florestan von einer dunklen Macht hinter den Spiegel in ein Reich der Untoten entführt wird. Leonore, hier eine Art Wissenschaftlerin auf einem kosmischen Zukunftskongress, hatte zuvor schon vor schwarzen Löchern und negativen Energien gewarnt. Bei denen darf natürlich alles sein, aber nichts muss.

So wird das Verkleidungsspiel wie das Gefängnis unnötig, die harmlos-heiteren Figuren Marzelline (eine etwas angestrengt schrille Anna El-Kashem) und Jacquino (sauber: Linard Vrielink) können auch merkwürdige Seiten als Gehilfen Pizzaros zeigen. Marzelline erscheint immer wieder, wie auch ein stummer Statist, als bockbeinige Teufelin, die wahllos mordet und höhnisch grinst. Rocco (mit wendigem Bass: James Cresswell) ist ein verbindlicher Handlanger im bunten Anzug. Und der böse Gouverneur Pizarro, der eigentlich den unschuldigen Florestan in seinem düsteren Kerker morden will, er ist eine Art weltlicher Mephisto, elegant und zynisch, der aussieht wie der mittelalte Karl Lagerfeld – was Nicholas Brownlee mit donnerndem Bassbariton lustvoll singt und spielt.

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WS Kultur Beethoven 5. Symphonie No. 5 ++ Teodor Currentzis © Julia Wesely ++ Info/Quelle: It was taken during the recording of the Fifth Symphony in Vienna. And it is almost exclusive. This image was used only ones – in one Japanese magazine. Oksana Gekk , oksana.gekk@musicaeterna.org

Beethovens Fünfte

Zholdak, der auch für Bühne, Kostüme, Licht und Text verantwortlich zeichnet, will nun einen Kampf zwischen Dunkel und Licht austragen, will Harmonie und Schönheit wiederherstellen, durchaus Themen Beethovens. Er macht das auf sehr eigene, ja eigenwillige Weise. Die Musik wird manchmal umgestellt, manches, etwa das freudenmartialische, ins Finale überleitende „Heil sei dem Tag“ ist gestrichen, ebenso vieles des nicht eben gut beleumundeten Dialogtextes. Stattdessen gibt es Zholdak-Einlassungen, auch die von Gustav Mahler als utopische Musikbrücke vor dem Finale eingefügte, inzwischen nur noch selten gespielte Dritte Leonoren-Ouvertüre erklingt hier, denn so ist noch mehr Zeit für pantomimische Kommentare.

Das Amsterdamer Publikum geht auf diesen Ab- und Umwegen durchaus aufgeschlossen mit. Das schlank und sehnig tönende Concertgebouw Orchest, das hier im Rahmen des Holland Festivals erstmals von Andrés Orosco-Estrada dirigiert wird, gibt sich gut aufgelegt. Orosco-Estrada findet freilich keinen persönlichen, irgendwie leidenschaftlichen Beethoven-Ton. Anders als auf der Bühne bleibt das durchaus aufgeräumte, abwechslungsreiche Klanggeschehen im Graben ohne individuellen Biss. Es klingt an den Knackpunkten nur pauschal und unverbindlich, schaut weder zu den tönenden Sternen noch in akustische Abgründe.

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Composer of Colour

Freilich, und das ist dann doch die Achillesferse dieser kraftvollen, fließenden „Fidelio“-Umpolung, die mit ihren Gummischlangen, Engelsflügeln, Robotern, Wolfsfiguren, Dante-Landschaften nach Gustave Doré und pyrotechnischen Effekten schön anzusehen ist: Auch sie gibt, wie schon die Urerzählung, keine Erklärung für Florestans „Schuld“ ab, womit die „Befreiung“ wieder im luftleeren Raum steht, in diesem dunklen Märchen aber glaubwürdiger glücklich endet. Was sich besonders im Vokalpathos der eindringlichen Jaquelyn Wagner als Leonore widerspiegelt.

Allerdings ist für diese Befreiung als Emanzipation kein Minister mehr nötig; weswegen auch die ohnehin schon kleine Partie des Don Fernando (Mark Kurmanbayev) auf ein ärgerliches Minimum zusammengestrichen ist. Dafür macht Florestan (der machtvoll ausgreifende Eric Cutler) frühkindliche Erinnerungserfahrungen als Quälereien durch, vom unsichtbaren Gefangenenchor begleitet. Immerhin dürfen die Männer am Schluss singend auf die Bühne, die Frauen hingegen bleiben unsichtbar, sind nur Stimmen aus dem Off.

Kein Zweifel, Andriy Zholdak hat in Amsterdam seine ganz besondere Regieduftmarke hinterlassen. Wirklich gerettet wurde der untröstliche „Fidelio“ aber auch diesmal wieder nicht.

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