Tuesday, July 23, 2024

Hollywood: „Das hier ist so furchtbar gemacht. Das ist nicht unbewusst“

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Karl Lämmle aus Oberschwaben kam mit 17 Jahren in die USA, als Sohn eines jüdischen Viehhändlers. Er begann als Laufbursche und arbeitete sich zum Geschäftsführer hoch. 1906 betrat er in Chicago ein Nickelodeon, dort wurden für einen Nickel, fünf Cent, die ersten, nur wenige Minuten langen Filme gezeigt. Carl Laemmle, wie er nun in Amerika hieß, beschloss, sein Leben zu ändern. Und mit ihm das des ganzen Landes.

Er stieg ins Filmgeschäft ein. Erst gehörten ihm Kinos, dann verlieh er Filme, 1912 gründete er die Universal Studios auf einer Hühnerfarm bei Los Angeles. Laemmle wurde zu einem der „American Monarchs“, wie die Filmmoguln genannt wurden. Sie hießen Lazar Meir, Szmul Gelbfisz, Adolf Zuckery, Wilhelm Fuchs, und erschufen die berühmten Hollywood-Studios: MGM, Paramount, Warner-Brothers, 20th Century Fox, Columbia. Jüdische Könige der Traumfabrik, die sich ihren Herrschaftsbereich aus dem Nichts selbst erkämpft hatten und eisern verteidigten.

Ihre Geschichte ist weniger bekannt als die all der Stars, die Hollywood auszeichneten. Die Monarchen selbst haben daran mitgewirkt. Darüber ist in Los Angeles jetzt ein Streit ausgebrochen, der ein Licht auf die schwierige Beziehung der amerikanischen Gesellschaft zu ihrem Filmerbe zeigt.

Das Oscar-Museum, das Academy Museum of Motion Pictures, zeigt seit Kurzem eine Ausstellung. „Hollywoodland. Jüdische Gründer und die Erschaffung einer Film-Hauptstadt“ ist die erste Sonderschau des 2021 eröffneten Museums. Es geht um die Monarchen, eben Laemmle, Louis B. Mayer, Sam Goldwyn, Adolph Zukor, William Fox und andere. Kurz nach Eröffnung machte eine Petition die Runde, die gegen die Art der Darstellung und „doppelte Standards“ protestierte.

„Extreme Enttäuschung“

„Wir möchten unsere extreme Enttäuschung und Frustration ausdrücken“, hieß es da. Im Zusammenhang mit den jüdischen Gründern würden etliche problematische Worte auftauchen, „Tyrannen“, „Frauenheld“, „Nepotismus“, „Vorurteile“, „Raubtier“, „rassistische Unterdrückung“ und mehr. In den anderen Teilen des Museums käme derartige Kennzeichnung überhaupt nicht vor. Es sei wichtig, die problematische Geschichte Hollywoods zu thematisieren, aber „nur die Juden für diese problematische Vergangenheit zu kritisieren ist unakzeptabel und ob beabsichtigt oder nicht, antisemitisch.“ Verlangt werden „der gleiche Respekt und Enthusiasmus“ wie in anderen Teilen des Academy Museums.

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Unterzeichnet haben die Petition Autoren, Produzenten, Schauspieler wie David Schwimmer („Friends“), auch etwa Amy Sherman-Palladino, die die grandiose Serie „The Marvelous Mrs. Maisel“ über eine jüdische Komödiantin erfunden hat. Die Reaktion folgte kurz darauf, einige der Tafeln wurden geändert, Worte getilgt. Bevor man einen 30 Minuten langen Film sehen kann, wird auf einer der üblichen Tafeln vor antisemitischen, rassistischen, sexistischen, homophoben und gewalttätigen Inhalten gewarnt.

Es sind nicht die ersten Vorwürfe dieser Art. Als das Academy Museum eröffnete, gab es bereits starke Kritik, dass zwar das mythenbildende Hollywood in allem Glanz ausgestellt werde, die triumphale und weltumspannende Erzählmaschinerie, aber nicht die Entwicklung und Herkunft dieser Erfolgsstory. Genau deshalb sollte „Hollywoodland“ das Thema beleuchten. Die Academy, die die Oscars verleiht, steht in den USA spätestens seit den Protesten gegen #OscarsSoWhite unter Beobachtung.

Tatsächlich ist in drei Etagen des Museums sonst wenig Kritisches zu sehen. Die dunklen Seiten Hollywoods etwa mit rassistischen Stereotypen und #MeToo werden nicht offen thematisiert. Vielmehr sind Diversität und Wiedergutmachung zu beobachten, in zahlreichen Filmausschnitten wird auf die Geschichte der Schwarzen und Asiaten im Kino hingewiesen, Oscar-Dankesreden aus aller Welt und in fremden Sprachen erklingen. Derzeit gibt es neben „Casablanca“, dem „Paten“ samt abgeschnittenem Pferdekopf und den Superhelden-Filmen auch raumgreifende Huldigungen für die französische Regisseurin Agnès Varda und für das Werk Pedro Almodóvars. Das muss auf amerikanische Besucher recht exotisch wirken.

Dafür, dass die Schau im Vorfeld für so wichtig erklärt wurde, ist „Hollywoodland“ mit überraschend kleinem Aufwand realisiert. Ein recht dunkler Raum mit Wandtafeln und einer Installation, die zeigt, wie die Filmindustrie die Stadt verändert hat. Dazu der Dokumentarfilm „From the Shtetl to the Studio: The Jewish Story of Hollywood“. Das ist es schon.

Carl Laemmle, Gründer von Universal Pictures

Carl Laemmle, Gründer von Universal Pictures
Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS

MGM-Chef und Film-Tycoon Louis B. Mayer

MGM-Chef und Film-Tycoon Louis B. Mayer
Quelle: picture alliance /

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war in Los Angeles Öl und Gemüseanbau wichtig, über die endlosen Hügel zogen sich Orangenplantagen. Das Dorf Hollywood war ein unbeschriebenes Blatt. Noch als ein Bau-Makler 1923 das später berühmte „Hollywoodland“-Schild auf dem Mount Lee aufbauen ließ, gab es rundherum nur freies Land, da wo heute selbstverständlich Stadt ist. Dass die Filmindustrie sich hier ansiedelt und prosperierte, hat verschiedene Gründe. Die jüdischen Gründer waren allesamt Außenseiter; es ist oft gesagt worden, dass sie ihre Talente niemals in der Geschäftswelt der weißen protestantischen Oberschicht hätten entfalten können. Sie hatten oft als Kinder schon gearbeitet, lebten in Arbeitervierteln und kannten ihr späteres Publikum ganz genau.

Die ersten Kinos entstanden dort, wo die Sensation der bewegten Bilder in Kombination mit süßem Kitsch fruchteten, oft verachtet und bekämpft von Eliten. Die katholische Kirche kanzelte den Kinobesuch als „Trip in die Hölle für fünf Cent“ ab. Diese Stimmung taucht später noch in Horkheimer/Adornos wütender Kritik der Kulturindustrie auf, die Hollywood abstraft. Louis B. Mayer stammte aus Russland, William Fox und Adolph Zukor aus Ungarn, Sam Goldwyn aus Polen, ebenso wie die Eltern der Warner-Brüder. Sie wussten von Pogromen, Verfolgung, Gewalt, kannten Angst und Armut und Antisemitismus mit sichtbaren und unsichtbaren Schranken auch in den USA. Der grimmige Realismus der Warner-Filme und die allgegenwärtige Furcht in den Horror-Filmen von Universal zeugen davon.

Exil und Verheißung

Das Kino gab ihnen wie dem Publikum Halt und die Möglichkeit für Eskapismus. Fort aus der tristen Realität. Der Drang, von der Ostküste nach Kalifornien zu gehen war eine Flucht vor dem Establishment, hin zu günstigem Land und hervorragenden Licht- und Wetterverhältnissen. Außerdem war es eine Flucht vor Thomas Edisons mächtigem Trust in New York, einem Zusammenschluss aus den zu Beginn des 20. Jahrhunderts größten Filmunternehmen der USA. Dieser Edison Trust wollte über Patente und Technik Einfluss behalten und verfolgte Konkurrenten rigoros. Das neue Land bei Los Angeles hinter den Hügeln war weit weg. Exil und Verheißung auch hier. Aber mit Sonnenschein.

Vor allem Carl Laemmle gewann mit Universal den Kampf gegen Edisons Monopol. Adolph Zukor produzierte 1912 mit „Der Gefangene von Zenda“ den ersten langen Spielfilm. William Fox machte aus der jüdischen Schauspielerin Theda Bara das erste Sexsymbol des Kinos. Die Filmindustrie wuchs in den Zehnerjahren an, erst schnell, dann rasend. Die Studios schufen ihr eigenes Monopol, mit Produktion, Vertrieb, Kino-Ketten. Ihre unangefochtenen Bosse legten großen Wert darauf, alles Jüdische zu verbergen, vor allem in den Filmen. Die – großenteils säkularen Männer schufen ein Bild der prosperierenden amerikanischen Mittelstands-Gesellschaft, die vom sozialen und ökonomischen Aufstieg träumt. Happy End willkommen.

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Filmfestival

Ob beabsichtigt oder nicht, schrieben die Film-Monarchen dabei ihre eigenen Erfolgsgeschichten hundertfach in die Filmgeschichten ein, den Mut zur Veränderung, den Wandel von Mittellosigkeit zum Erfolg, auch die Anerkennung durch Anpassung. Szmul Gelbfisz hatte sich bei der Ankunft in New York 1899 Samuel Goldfish genannt, 1916 änderte er seinen Namen erneut in Sam Goldwyn, nach seiner Film-Produktion Goldwyn Pictures, das „wyn“ kam von Partner Archibald Selwyn.

Weil Louis B. Mayers Geburtsurkunde in Russland verloren gegangen war, legte er seinen Geburtstag auf den Nationalfeiertag 4. Juli. Bei MGM legte man Wert auf „gesunde Unterhaltung“ und feste Moral. Der patriotische Mayer hatte als Zwölfjähriger in Kanada als Trödler begonnen, nun wachte er streng über der wertkonservativen Prägung und christlichen Standhaftigkeit. Bekanntlich gab es im Ausstattungs-Fundus des Studios keine Toilette, weil man so etwas niemals gezeigt hätte. „Mayer versuchte, ein weiß getünchtes Bild von gesunder amerikanischer Häuslichkeit zu zeichnen“, heißt es in der Schau. Das Gegenteil seiner Kindheit.

Nach der hastigen Überarbeitung der „Hollywoodland“-Ausstellung ist vom berüchtigten Auftreten der Mogule wenig geblieben. Adolph Zukor werden „eisige“ Züge zugeschrieben, William Fox „obsessives Streben nach Erfolg“. Bei Harry Cohn von Columbia werden „autoritäre Züge“ genannt, was noch milde ist angesichts dokumentierter Schilderungen inklusive Besetzungscouch-Gewohnheiten – wer eine Rolle wollte, wurde demnach auch mal zu sexuellen Gefälligkeiten gedrängt.

Der Produzent Lawrence Bender („Pulp Fiction“) gehört zu den Unterzeichnern der Petition. Er beklagt sich über die – recht bekannte – Aussage in der Schau, Harry Cohn habe sein riesiges Büro nach dem von Mussolini gestaltet, um Besucher zu beeindrucken und einzuschüchtern. „Ich dachte mir ,Wow, das ist es, wofür sie sich entscheiden‘“, sagte Bender der „Los Angeles Times“. Bei so wenig Text auf einer Tafel musste ausgerechnet die negativen Seiten seines Lebens beschrieben werden. Bender kritisiert zudem die dunkle Atmosphäre der Schau, „wie ein jüdisches Ghetto“. Die Leute in der Filmbranche wüssten eigentlich, wie man kreativ ist. „Das hier ist so furchtbar gemacht. Das ist nicht unbewusst.“

Die Schieflage ist unübersehbar. Die missratene und in jedem Fall zu kurz gesprungene Ausstellung zeigt die Probleme, mit komplexen historischen Themen umzugehen, die in der Gegenwart als Fehlverhalten angesehen werden. Ein Mitglied des Inklusionskomitees des Museums, Regisseurin Alma Har’el, ist bereits zurückgetreten. Es ist zu erwarten, dass die Kontroverse weitergehen wird.

Zugleich kann der Besucher aus Deutschland staunend anerkennen, wie gründlich und auf anderem Niveau in deutschen Museen gearbeitet wird. Im Vergleich zu Schauen der Filmmuseen in Berlin oder Frankfurt wirken Los Angeles und die mächtige und gewiss solvente Academy ein bisschen wie Anfänger. Das wäre den ersten Studiobossen Hollywoods nicht passiert.

Die AusstellungHollywoodland: Jewish Founders and the Making of a Movie Capital“ ist aktuell im Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles zu sehen.

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