Sunday, July 14, 2024

Berliner Philharmoniker: „Ich denke manchmal auch schon an das Jahr 2032“

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„Manchmal ist hier so viel los, dass ich noch nicht mal dazu komme, Anne-Sophie Mutter Hallo zu sagen, wenn sie gerade im Haus ist.“ Das ist aber schon das Höchste an Seufzergefühlen, das sich Andrea Zietzschmann entlocken lässt. Die Intendantin der Berliner Philharmoniker, mittelgroß, unauffällig, effizient, ist die freundlich lächelnde Ruhe selbst.

Und trotzdem merkt man, egal, wer sich in ihrem denkmalgeschützten Büro mit der engen Eingangstür die Klinke in die Hand gibt (und es sind derer viele), sie ist die Chefin. Sie strahlt eine vertrauenerweckende Autorität aus, die man nicht lernen kann.

Diese Autorität hat Andrea Zietzschmann zwar langsam, aber nachhaltig entwickelt; mit ihr ist sie in ihrem Geschäft unaufhaltsam aufgestiegen. Kein Zufall, dass sie sich ein Schwarz-Weiß-Foto des kantigen, alten, aber ebenfalls Souveränität ausstrahlenden Samuel Beckett bisher als Talisman in jedes Büro gehängt hat. Im Musikwissenschaftsstudium hat sie einst über „Neither“, Morton Feldmans Mono-Oper über Becketts Text, eine Arbeit geschrieben.

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Dabei war schon – gerade ist ein wenig Zeit, darüber zu reflektieren, bevor der Betriebsdirektor sie mit drängelnden Personalangelegenheiten für die nächsten anderthalb Stunden in Beschlag nimmt – ihr Einstieg ein Glücksfall. Die Schwäbin Zietzschmann war just zur Stelle, als Claudio Abbado 1997 mal wieder ein Orchester gründete.

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Damals waren es Mitglieder des „Gustav Mahler“-Jugendorchesters, die als in Berlin angesiedeltes, aber hier kaum auftretendes Mahler Chamber Orchestra den Sprung in die Selbstständigkeit wagten. Andrea Zietzschmann baute als Intendantin mit auf, kümmerte sich um die dringend nötigen festen Arbeitsaufenthalte für die junge Elitetruppe, in Toblach, in Turin, bei den Festspielen von Aix-en-Provence.

Ihr Vertrag wurde bis 2028 verlängert: Andrea Zietzschmann

Ihr Vertrag wurde bis 2028 verlängert: Andrea Zietzschmann
Quelle: Marlene Gawrisch/WELT

Auch ihr Privatleben ist mit der Branche verwoben. Mit dem einen Konzertmeister bekam sie eine Tochter; heute ist sie, man hat kaum Kennenlernzeit neben diesen Jobs, mit dem Tonmeister und Produzenten der Digital Concert Hall der Philharmoniker zusammen. Ein anderer Konzertmeister, Antonello Manacorda, ist längst ein bekannter Dirigent, er hat kürzlich bei den Philharmonikern debütiert. So fügen sich Lebensgeschichten- und -wege zusammen.

Mitten in der Elphi

2003 wechselte die heute 54-Jährige zum Orchester des Hessischen Rundfunks, holte Paavo Järvi, längst einer der Lieblingspultgäste der mittleren Generation auch bei den Berlinern. Bis 2013 blieben sie gemeinsam in Frankfurt.

Danach musste sich Andrea Zietzschmann beim viel größeren NDR als Chefin der Klangkörper behaupten. Dort tütete sie die Umbenennung in NDR Elbphilharmonie Orchester ein, genoss im Januar 2017 die Eröffnung des neuen Prestige-Konzerthauses. Dabei hatte sie da schon ihr Ticket nach Berlin in der Tasche, wo sie im gleichen Sommer anfing. Sie wickelte das finale Jahr von Chefdirigent Simon Rattle ab, hatte eine Übergangsspielzeit, bis dann dessen Nachfolger Kirill Petrenko im Herbst 2019 antrat – und purzelte mit ihm 2020 in die Pandemie.

Hier bewährte sich die Berliner Philharmonie als Leuchtturm: Masken, Abstände, Aerosole, Inzidenzwerte, all das wuppte Andrea Zietzschmann scheinbar spielend. Und wenn sich der scheue Petrenko zunächst in sein Taschenkrebshaus zurückzog, erst langsam wärmer, offener, zutraulicher wurde, sie wartete ab, ohne Druck, auf die Kraft der Zeit vertrauend.

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Die es eigentlich nie gibt, weil dauernd etwas anliegt. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Jahre hier vergangen sind, weil sich alles noch einmal extrem beschleunigt hat“, sagt sie lachend und völlig uneitel. Im vergangenen Februar wurde ihr Vertrag bis 2028 verlängert, das wären dann mindestens elf Berliner Zietzschmann-Jahre. Damit wäre sie länger im Amt als jeder ihre letzten acht Vorgänger.

Denn die Intendanz der Berliner Philharmoniker kann schnell zum Schleudersitz werden. Man steht hier dem selbstbewusstesten Orchester der Welt gegenüber und einem der besten sowieso. Man muss führen, aber eben auch zulassen, begleiten, moderieren.

Am besten, man bemerkt die Intendanz gar nicht, obwohl sie enorm wichtig ist. Denn die steht eben nicht nur dem Orchester, sondern auch dem Saal vor, muss die vielen Eigenveranstaltungen planen – neben den Orchesterkonzerten also Kammermusik, Rezitale, Education, Lesungen, Barockmusik, Jazz und Weltmusik – und das brummende, längst schon an der Kapazitätsgrenze lavierende Vermietungsgeschäft koordinieren.

Ein paar Takte Schubert

„Wir haben, inklusive Kammermusiksaal, meist bis zu vier Ensembles gleichzeitig im Haus, probend und konzertierend.“ Kein Wunder, dass man, verlässt man das Intendantenbüro durch die Gangtür, über Instrumentenkisten stolpert. Hier sind gerade mal wieder die eigenen zwischenplatziert, denn hinter der Bühne, wo auch noch zu Mittag gegessen wird, türmen sich die der Gäste.

Gerade wurde Zietzschmann vom Betriebsdirektor für anderthalb Stunden mit drängelnden Personalangelegenheiten in Beschlag genommen. Nun schaut sie kurz beim wöchentlich kostenlos stattfindenden Lunchkonzert mit Akademisten und Orchestermitgliedern im Foyer vorbei, hört ein paar finale Takte Schubert, freut sich über die ruhig herumtobenden Kinder und isst etwas Gemüse und ein paar Kartoffelschnitze, die ihr die Assistentin auf den Konferenztisch gestellt hat. Andrea Zietzschmann ist der Fels in der Brandung des stets aufgeregt wogenden und klingenden Konzertbetriebs.

„Zweimal im Jahr müssen die Sitzungen des Stiftungsrates und der Aufsichtsräte vorbereitet werden, ich tausche mich ständig mit den Musikergremien – Orchestervorstand, Fünferrat, Medienvorstand – aus, plane, ausgenommen die Chefdirigentenprogramme, mit diesen die Konzerte und Künstlereinladungen“, so beschreibt Zietzschmann ihr Arbeitspensum.

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Im Stiftungsvorstand werden die zentralen strategischen Themen, auch für das Haus, diskutiert. Und sie ist froh, dass es mit den Gremien gegenwärtig so rumpelfrei läuft. Gerade steht auch, nach fünf Jahren, die Verlängerung des schon lange wirksamen Sponsoringvertrags mit der Deutschen Bank an. Denn selbst die Berliner Philharmoniker sind auf Drittmittel angewiesen und zudem gehalten, von ihren Tourneen mit Gewinn zurückzukommen.

Kurz geht sie grüßend und umarmend durch die Garderoben. Das Hagen-Quartett, alte Bekannte, gastiert abends im Kammermusiksaal, da wird sie dabei sein. In einem anderen Gang hängen Kinderkostüme für die nächste Woche, Alan Gilbert wird eine halbszenische Aufführung von Honeggers Oratorium „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ mit dem französischen Schauspielstar Marion Cotillard leiten. „Ich bewege mich aber nicht nur spielplanerisch in den nächsten drei bis vier Spielzeiten, ich denke manchmal auch schon an das Jahr 2032“, so Zietzschmann.

Mehr Austausch wagen

Das scheint noch viel Zeit, aber spätestens dann steht auch für die fast 70 Jahre alte Philharmonie eine Sanierung mit wohl mehrjähriger Schließung an. „Und wenn man dafür ein gutes, zentrales Ersatzquartier suchen muss, dann ist das fast schon heute“, fügt sie hinzu. Es wird dabei wohl auf den Hangar im Flughafen Tempelhof hinauslaufen, in den eigens eine Halle eingebaut wird, meint sie, ganz Realistin.

Vorher ist Andrea Zietzschmann noch auf ein Datum Anfang 2025 eingestellt. Wir sind nämlich, mit Pressefrau und Marketingchefin, zu einer weiteren weiblichen Runde zu den Nachbarn gelaufen. Das Sony Center, das inzwischen dem Immobiliendeveloper Oxford Properties gehört und wo gerade massive Umbaumaßnahmen laufen, will sich für seine Mieter attraktiver machen.

Dafür will man nach Abschluss der Arbeiten an der Plaza mit den Anrainern kooperieren. Und einmal mehr sind alle erstaunt, wie wenig man von den Aktivitäten der anderen weiß. Mehr Austausch – auch hier ein Ziel.

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Auf dem Rückweg referiert Andrea Zietzschmann ein wenig über die Zukunft am Kulturforum, wo die Baustelle des neuen Museums des 20. Jahrhunderts wartet. „Da wird es dann endlich das für unser Publikum so nötige Restaurant für vor und nach dem Konzert geben“, erzählt sie. „Obwohl wir immer noch überrascht sind, wie gut der silberne Foodtruck vor dem Hintereingang angenommen wurde und wird.“

Als Open-Air-Getränkezapfstelle während der Pandemie hingestellt, ist er längst beliebte Anlaufstelle für Besucher wie Musiker geworden. Der Caterer denkt sogar schon über einen zweiten vor dem Kammermusiksaal nach. Es gibt endlich eine Standort-Management-Stelle in der Philharmonie, auch zur Fußball-EM wird hier viel angeboten werden. Sie findet, die Entwicklung des Philharmonie-Umfelds sei endlich „auf einem guten Weg“.

Ein kurzer Essensabstecher in ein nahes Hotel ist noch drin, Andrea Zietzschmann genießt ihr kleines Steak medium rare, dann wartet schon das Hagen-Quartett. Dieser Intendantinnentag endet harmonisch – mit Haydn, Ravel und Beethoven im gut gefüllten Saal. Jetzt ist da nur noch unmittelbare Gegenwart – in Gestalt des Fahrrads für den Weg nach Hause.

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