Tuesday, July 23, 2024

Sammler Reinhard Ernst: Wenn Ihnen Kunst zu hoch ist, dann müssen Sie nach Wiesbaden

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Irgendwas ist anders. Die Wände sind wie in beinahe jedem Museum weiß, der Fußboden ist aus Eichendielen und duftet noch leicht, die Ausstellungsräume sind großzügig, hoch und weit. Dennoch hört man keinen Hall. Der sorgt dafür, dass man sich in vielen Museen automatisch wie im Schweigekloster verhält – und das gefiel dem Namensgeber und Gründer des Reinhard Ernst Museums nicht, das an diesem Wochenende in Wiesbaden eröffnet. Also wurden die Wände mit einem schalldämmenden Akustikputz versehen.

Der 78-jährige Reinhard Ernst ermuntert dazu, die Wand einmal anzufassen und tatsächlich, sie gibt ganz leicht nach. Nur um die Gemälde herum nicht, sagt er, denn die müssen ja stabil befestigt sein. Der Unternehmer ist sichtbar glücklich über sein Privatmuseum, auch wenn es in der fünfjährigen Bauphase immer wieder Verzögerungen gab – nicht wegen Covid, wie er erklärt, sondern wegen seiner Ansprüche an die Qualität des Gebäudes, das am Ende um die 80 Millionen Euro gekostet hat.

In Sichtweite der sechseinhalb Meter hohen goldfarbenen Plastik „Pair“ von Thomas Schütte weist der Sammler darauf hin, dass die Wandverkleidung aus weißem Vermonter Granit in den Ecken keine Fugen aufweist, sondern massiv wirkt. Vieles in diesem Museum bemerkt man erst auf den zweiten Blick.

Museumsarchitektur von Fumihiko Maki

Dass die Oberlichter über dem Foyer so modelliert sind, dass man von unten keine technischen Einbauten mehr sieht, dass die Fensterachsen genau auf die Fluchtlinien der Häuser gegenüber ausgerichtet sind. Es ist die Handschrift des Architekten und Pritzker-Preisträgers Fumihiko Maki, der zwei Wochen vor der Eröffnung im Alter von 95 Jahren starb und dem hier im Haus auch eine Ausstellung gewidmet ist.

Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden

Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden
Quelle: Klaus Helbig

Sammler und Architekt kannten sich „ein halbes Leben“, sagt Ernst, der aus beruflichen Gründen hunderte Male nach Japan reiste. „Wir waren uns von Anfang an sympathisch.“ Wenn er mal etwas bauen sollte, beschloss Ernst, dann mit Maki. Nur wo?

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Beinahe hätte er sein Museum in Limburg errichtet, wo seine Firmen ihren Sitz haben. Maki hatte dafür schon geplant, wenn auch ganz anders: in die Landschaft hinein, mit Skulpturenpark. Nun steht das Museum in der Wiesbadener Wilhelmstraße gegenüber dem Hessischen Landesmuseum und an einer Stelle, die zuletzt ein Parkplatz war.

„Ein Bau, der funktioniert“

Der Sammler versteht es als Best-of: 200 Museen hat sich Reinhardt Ernst sich über die Jahre angeschaut und registriert, was ihm jeweils gefiel und was nicht. „In keinem Raum haben wir eine Stütze. Das hat extreme Anforderungen an die Statik gestellt“, erklärt er. „Was war mir noch wichtig? Dass ich ein Museum baue, das nicht nur für meine Kunst funktioniert.“

Seine Kunst, das sind an die 1000 Werke, allesamt abstrakt, allesamt nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Wie kam er dazu? Es ist eine verrückte Geschichte, eine Geschichte aus der alten BRD. Der 1945 im Westerwald als Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau geborene Reinhard Ernst machte 1961 den Realschulabschluss, absolvierte dann eine Ausbildung zum Speditionskaufmann und arbeitete bei einem Spezialisten für Präzisionsgetriebe.

Sinn für Kunst gab es zu Hause keinen, aber bald reiste Ernst viel durch die Welt für seinen Beruf. In den frühen 1980ern ging er zum ersten Mal bewusst ins Museum – ins Musée Picasso in Paris, wie er sich erinnert. Da war er Ende dreißig.

Blick in die Ausstellung in Reinhard Ernsts Museum

Blick in die Ausstellung in Reinhard Ernsts Museum
Quelle: Robert Lichtenberg

Ein paar Jahre später sollte die Firma, für die Ernst arbeitete, verkauft werden. Der Logistikexperte nahm einen Kredit auf und übernahm das Geschäft mit zwei Partnern selbst – erfolgreich, wie sich zeigt. Er sammelte bereits, doch dann, im Jahr 2017, verkauft Ernst zwei Firmen für einen dreistelligen Millionenbetrag – und erwirbt fortan auch richtig teure Werke von Stars der abstrakten Kunst wie Helen Frankenthaler oder dem erst kürzlich verstorbenen Frank Stella, Künstler aus Amerika, Deutschland, Italien und Japan.

Nun ist „abstrakt“ als Kategorie in der Gegenwart nicht mehr allzu wichtig. Der im 20. Jahrhundert erbittert ausgefochtene Kampf der gegenständlichen Maler (man soll etwas erkennen) mit den ungegenständlichen (man soll lieber nichts erkennen) scheint so vergessen zu sein wie der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England.

Doch Ernsts Fokus hat Gründe. Es macht die Sammlung unverwechselbar, aber auch enzyklopädisch auf ihrem Gebiet – von Kunst der japanischen Gutai-Gruppe und des Informel, von Josef Albers bis zu Wolfgang Tillmans reicht die Spannbreite. Der Hang zum reinen Kolorit hat auch biografische Gründe. Reinhard Ernst ist ein Kind der Bundesrepublik, und Westdeutschland nach 1945 wurde nun mal lange und nachhaltig von abstrakter Kunst geprägt.

Abstraktes Bild von Hans Hartung: „T 1971-H15“, 1971

Hans Hartung, „T 1971-H15“, 1971
Quelle: © VG Bild-Kunst, Bonn 2024 Foto: Borgers/Herrmann

Das Ergebnis ist eine Sammlung von Rang. Sämtliche wichtigen, nicht gegenständlichen Künstlerbewegungen der USA, Deutschlands und Japans seien darin vertreten, schrieb der Bonner Kunstgeschichtsprofessor Ernst Zuschlag in einem Gutachten für die Stadt Wiesbaden im Jahr 2017. Er kenne weltweit keine andere Sammlung oder ein Museum, das dies zu leisten vermag.

Die hessische Landeshauptstadt erfährt in diesen Tagen also ein echtes Upgrade, was die bildende Kunst angeht. Im Erdgeschoss hat Katharina Grosse eine Glasarbeit realisiert, zum ersten Mal überhaupt, die alle Möglichkeiten des Mediums ausschöpft. Farbe ist hier tatsächlich das verbindende Element, ob sie flach auf der Leinwand aufliegt, sich in Glas ergießt oder in komplexen Formen in den Raum hineinstülpt wie bei den Reliefs von Frank Stella. Von dem kürzlich verstorbenen Amerikaner sind allein vier große Wandplastiken zu sehen – in Europa ein seltenes Ereignis.

Keinen Klotz am Bein schaffen

Und das Ganze kostet den Steuerzahler ausnahmsweise nichts. Die gemeinnützige Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung trägt das neu gebaute Museum – und hält die Sammlung dauerhaft zusammen. Das wünschen sich viele Sammler: Ewigkeit. Doch meist werden ihre Kollektionen von den Erben in alle Winde zerstreut. Einige landen als Schenkung in öffentlichen Museen, doch die wiederum haben oft keinen Platz und auch kein Geld für die dauerhafte Betreuung, wollen deshalb oft nur bestimmte Werke.

Einbringung der Glasarbeit von Katharina Grosse ins Museum Reinhard Ernst

Einbringung der Glasarbeit von Katharina Grosse ins Museum Reinhard Ernst
Quelle: © VG Bild-Kunst 2024 Museum Reinhard Ernst Foto © Anika Dekubanowski 2023

Aus einer großzügigen Geste wird so schnell ein Klotz am Bein der Nachwelt. Das soll hier nicht passieren. Das mre, wie das Museum abgekürzt heißt, ist vollständig privat finanziert. Die Stiftung kommt für Betriebskosten, Kulturarbeit und Kunstvermittlung auf. Nur das Grundstück überließ die Stadt Wiesbaden nach einem Bürgerbeteiligungsverfahren für einen symbolischen Betrag in Erbpacht für 99 Jahre.

Die Schwerpunktsetzung des Hauses auf ungegenständliche Kunst, so die Hoffnung, wird dabei helfen, die Schwelle für das Publikum zu senken. „Das ist mir zu hoch, höre ich oft“, sagt Ernst. „Aber abstrakte Kunst ist genau das Gegenteil. Man muss den Leuten erklären, dass sie gar nichts wissen müssen, sondern einfach nur mal ihre Sinne spielen lassen dürfen.“

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Das ganze Erdgeschoss seines Museums kann ohne Eintrittskarte betreten werden, als öffentlicher Raum. Bis achtzehn Jahre ist der Eintritt grundsätzlich frei, und vor dem Mittag haben Schüler 2000 Quadratmeter der Ausstellungsfläche für sich allein – insgesamt sind es 9000.

All dies mache Ernst, damit jungen Leuten nicht passiere, was ihm passiert sei: der sehr späte Start in die Welt der Kunst. „Andererseits: Es ist nie zu spät.“ Das könne er für sich persönlich nachvollziehen – „und nun auch beweisen, dass es so ist“.

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