Monday, July 15, 2024

Webers Wissenschaftsfreiheit: „Politik gehört nicht in den Hörsaal“

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In dieser Woche war viel von „Wissenschaftsfreiheit“ die Rede. Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hat ihre Staatssekretärin Sabine Döring entlassen. Diese wollte prüfen, ob man Wissenschaftlern wegen eines offenen Briefes Fördergelder entziehen könnte. In dem Brief hatten ursprünglich 357 Dozenten und Professoren, die vermeintlich „vorschnelle“ Räumung eines Protestcamps von Hamas-Sympathisanten auf dem Gelände der Freien Universität Berlin kritisiert. Dörings Prüfung wurde als Attacke auf die „Wissenschaftsfreiheit“ geschmäht.

Der Vorgang gibt Anlass, verschiedene Begrifflichkeiten infrage zu stellen. Etwa das Wort „friedlich“ in der Behauptung, friedlicher Protest müsse auch auf einem Unigelände erlaubt sein. Noch interessanter ist die Frage, was denn „Wissenschaftsfreiheit“ sei und ob sie das Recht auf befremdliche politische Meinungsäußerungen beinhaltet. Es lohnt sich wie immer, bei Max Weber nachzuschauen. Der äußert sich in seinem 1919 publizierten Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ scharf und eindeutig: „Politik gehört nicht in den Hörsaal“ – und zwar dürfe sie weder von den Studenten noch von den Hochschullehrern dort hineingetragen werden.

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Sehr aktuell nach Protesten im Berliner Stil klingt ein Beispiel Webers: „Ich würde es z. B. ganz ebenso beklagen, wenn etwa im Hörsaal meines früheren Kollegen Dietrich Schäfer in Berlin pazifistische Studenten sich um das Katheder stellten und Lärm von der Art machten, wie es antipazifistische Studenten gegenüber dem Professor Foerster, dem ich in meinen Anschauungen in vielem so fern wie möglich stehe, getan haben sollen.“ 1919 randalierten nationalistische Studenten auch in Webers Vorlesungen.

Noch strenger sei laut Weber politische Äußerung den Lehrern verboten. Das gebiete schon das nicht-demokratische Hierarchiegefälle gegenüber den Studenten: „Im Hörsaal haben sie zu schweigen und der Lehrer zu reden.“ Seine Machtposition dürfe dieser keineswegs ausnutzen, um jene „zu stempeln nach seiner persönlichen politischen Anschauung“. Das Tabu gelte auch nicht für die indirekte Beeinflussung durch Suggestion: „Denn das ist natürlich die illoyalste Art, wenn man ,die Tatsachen sprechen lässt‘.“

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Webers Überlegungen beziehen sich auf die Hörsaalsituation. Darüber, wie er das Gebaren der Briefschreiber von heute und das Like-Verhalten der Berliner TU-Präsidentin beurteilt hätte, kann nur spekuliert werden. Als Liberaler hätte er wohl gesagt: Solange politische Ansichten Studenten nicht bei der Lehre aufgedrängt werden, sei das kein Grund, Dozenten privat zu gängeln. Doch inwieweit lässt sich die Trennung heute, wo Professoren auch in sozialen Medien dozieren, noch aufrechterhalten?

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