Tuesday, July 23, 2024

Krise in Nahost: Israel will Geiseln sehen – Doch die Hamas will nur Leichen schicken

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Die Mission war so geheim, dass nicht einmal alle Soldaten wussten, was das Ziel war. Am Morgen des 8. Juni drängten sich Israels Premier Benjamin Netanjahu, die Köpfe des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet und der Armee in einem Kommandoraum. Auf Monitoren wurden Live-Feeds aus einem rund 800 Meter langen Straßenabschnitt im Flüchtlingslager Nuseirat im Gaza-Streifen übertragen. Um Punkt 11.00 Uhr gab Schin-Bet-Chef Ronen Bar das Signal: „Los!“

Was folgte, war eine der riskantesten Operationen in der Geschichte Israels. Um 12.20 Uhr wurden die Eltern der Geisel Noa Argamani, 26, informiert, dass ihre Tochter frei ist. Bald darauf wurden die Angehörigen von Almog Meir Jan, 22, Andrey Kozlov, 27, und Schlomi Ziv, 41 verständigt. Und dann ganz Israel: Vier Geiseln, die von der Hamas monatelang gefangen gehalten worden waren, sind zurück zu Hause.

Die Bilder gingen um die Welt. Und mit ihnen die Frage: Was ist mit den verbliebenen Geiseln? Leben sie noch? Wo hält die Hamas sie gefangen? Und: Können auch sie befreit werden?

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Dazu muss man sich anschauen, was an jenem Samstagmorgen geschah – und in den Wochen zuvor. Einer, der solche Operationen geleitet hat, ist Avi Kalo. Der 47-Jährige war Befehlshaber der Geiselbefreiungseinheit des israelischen Militär-Geheimdienstes und 20 Jahre Mitglied des Verhandlungsteams.

„Dies war die intensivste nachrichtendienstliche Geiselbefreiungsaktion, die jemals in Israel durchgeführt wurde, und wahrscheinlich die intensivste überhaupt – in einem so kurzen Zeitrahmen von mehreren Wochen Planung“, sagt Kalo. Israel habe mit der Unterstützung der USA und Großbritanniens nach Hinweisen gefahndet, wo die Geiseln festgehalten werden. Mit Drohnen, Satelliten, Informationen von Kräften am Boden, abgefangenen Nachrichten, Vernehmungen von gefangenen Hamas-Terroristen, Hinweisen aus Gegenständen und Dokumenten, die in den Tunneln unter Gaza gefunden wurden.

Noa Argamani kurz nach ihrer Befreiung aus Gaza

Noa Argamani kurz nach ihrer Befreiung aus Gaza
Quelle: Israel Presidential Press Office via REUTERS

Aus solchen Bruchstücken wird fortlaufend ein Bild zusammengesetzt, wo sich die verbliebenen Geiseln aufhalten. Die Informationen sind häufig lückenhaft. Mal gibt es einen Hinweis darauf, dass eine bestimmte Geisel noch am Leben ist, mal ein Anzeichen dafür, welche Terror-Zelle die Geisel gefangen hält. Das ergibt noch nicht den Standort. Aber vielleicht eine Ahnung, in welchem Teil des Gaza-Streifens die Suche verstärkt werden sollte.

Am 12. Mai, so berichtet es die britische Zeitung „Jewish Chronicle“ unter Berufung auf israelische Sicherheitskräfte, habe Israel Informationen darüber bekommen, dass vier Geiseln im Gebiet des Flüchtlingslagers Nuseirat gefangen gehalten wurden. Von da an hätten sich alle Abteilungen der Geheimdienste auf den Ort fokussiert. Ein Team von „Mista’arvim“ soll geschickt worden sein. So heißen Spezialkräfte, die fließend palästinensisches Arabisch mit lokalem Dialekt sprechen.

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Die Israelis gaben sich angeblich als Bewohner Rafahs aus, auf der Flucht vor der israelischen Offensive im Süden des Gaza-Streifens. Sie mischten sich unter die Einheimischen und begannen, die Umgebung auszukundschaften. So gelang es den Mista’arvim, das Versteck zu bestimmen, in dem die Hamas die vier Geiseln gefangen hielt: Noa Argamani im ersten Stock eines Wohnhauses. Die drei männlichen Geiseln in einem zweiten, nahe gelegenen Gebäude, im dritten Stock.

Um sicherzugehen, wurden weitere Teams nach Nuseirat geschickt. Darunter Frauen, die sich in Hidschabs und lange schwarze Kleider hüllten. Sie fuhren in alten Autos beladen mit Haushaltsgegenständen und Matratzen vor. Laut „Jewish Chronicle“ gaben sie sich als zwei vertriebene Familien aus und mieteten ein Haus in der gleichen Straße, in der sich die Geiseln befanden. Die Spezialkräfte richteten sich ein und gingen auf dem örtlichen Markt einkaufen, um keinen Verdacht zu erregen. Nach einigen Tagen begannen sie, die Lage der Wohnungen genauer auszuspähen.

Der zweite Einsatz eskalierte

Die Spione bestätigten die Standorte der vier Geiseln. Dann begann das Training für die Mission. Spezialkräfte bauten Modelle, die den Gebäuden mit den Geiselverstecken ähnelten. Drei Tage lang übten Kämpfer der Einheit Yamam, die auf die Befreiung von Geiseln spezialisiert ist, die Rettungsaktion, die von einem zusätzlichen Faktor erschwert wurde: Um den größtmöglichen Überraschungseffekt zu erzielen, sollten sie die Gebäude bei Tageslicht stürmen. Normalerweise werden solch gefährliche Einsätze im Schutz der Nacht gestartet.

Während die Kommandeure auf den richtigen Zeitpunkt warteten, räumten Militärbagger die Straßen um Nuseirat, damit die Wagen der Spezialkräfte freie Fahrt hatten. Als das Signal kam, stürmten die Spezialeinheiten beide Gebäude gleichzeitig. Im Kommandoraum verfolgten die Stabschefs die Aktion über Drohnen und Live-Feeds von Helmkameras der Soldaten.

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Der erste Einsatz verlief planmäßig: Den Einheiten gelang es, die Bewacher zu überraschen. Innerhalb von sechs Minuten wurde die 26-jährige Noa unverletzt aus der Wohnung befreit und in einen Hubschrauber gebracht, der sie ins Krankenhaus nach Tel Aviv flog.

Der zweite Einsatz hingegen eskalierte. Mit einer Leiter gelangten Soldaten in den Raum, in dem die drei männlichen Geiseln festgehalten wurden. Die anderen Kräfte stürmten über das Treppenhaus in die Wohnung, in der sich Dutzende Männer aufhielten. Sofort eröffneten die Terroristen das Feuer.

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Yamam-Kommandeur Arnon Zamora wurde getroffen. Zwar gelang es den Einsatzkräften, die drei Geiseln und den schwer verletzten Kommandeur in ein Fahrzeug zu bringen. Doch durch den Beschuss der Hamas war es zu schwer beschädigt, um damit zu fliehen. Die Gruppe rettete sich in ein nahes Gebäude und forderte Luftunterstützung an. Explosionen erschütterten die dicht gedrängten Straßen in Nuseirat.

Dem Spezialkommando gelang es, mit den Geiseln zum Strand zu gelangen. Dort wartete ein zweiter Hubschrauber. Bei der Ankunft in Tel Aviv wurde Kommandeur Zamora für tot erklärt. Nach Angaben der Hamas wurden bei der Operation mehr als 270 Palästinenser getötet. Israel sagt, es wisse von etwa 100.

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„Natürlich könnte es weitere Rettungsaktionen wie diese geben, das hoffen wir“, sagt Geisel-Experte Kalo. Er sagt aber auch: „Sie können nicht die einzige Lösung ersetzen, die wir haben, um alle Geiseln nach Hause zu bringen. Und das ist ein Geiselabkommen.“

Derzeit vermitteln die USA wieder zwischen Israel und der Hamas. Sie haben einen Plan unterbreitet, dem Netanjahu zögerlich zugestimmt hat. Die Hamas stellt sich quer. Sie fordert den kompletten Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen als Vorbedingung – ein No-Go für Netanjahus Hardliner-Regierung. Israel will erst Geiseln sehen, bevor es einem Waffenstillstand zustimmt. Doch die Hamas will zunächst nur Leichen schicken.

Sinwar verzögert den Deal

Wenig Hoffnung macht, dass die Terrororganisation behauptet, sie wisse nicht, wie viele der verbliebenen 116 Geiseln noch am Leben seien. Es wird angenommen, dass viele in Gefangenschaft umgekommen sind. Wie viele Geiseln leben, dazu gibt es keine offiziellen Angaben.

Der französischen Nachrichtenagentur AFP sagte ein israelischer Unterhändler kürzlich, dass „mit Sicherheit Dutzende am Leben“ seien. Der Beamte, der anonym bleiben will, fügte hinzu: „Wir können sie nicht lange dort lassen. Sie werden sterben.“

Nach Kalos Einschätzung verzögert Hamas-Führer Yahya al-Sinwar einen Deal. „Warum? Weil ihm die Zeit in die Hände spielt.“ Der Konflikt zwischen Israel und den Verbündeten Irans eskaliere immer stärker, etwa jener mit der Hisbollah im Libanon. „Das ist Sinwars Vision“, sagt Kalo: „Nicht nur ein lokaler Konflikt zwischen der Hamas und Israel – er will einen Krieg in der gesamten Region entfachen. Und er sieht seine Vision Schritt für Schritt Wirklichkeit werden. Warum sollte er also jetzt einem Abkommen zustimmen?“

Avi Kalo ist Ex-Befehlshaber der israelischen Geiselbefreiungseinheit

Avi Kalo ist Ex-Befehlshaber der israelischen Geiselbefreiungseinheit
Quelle: Aloni Mor, Maariv

Das „Wall Street Journal“ veröffentlichte kürzlich einen Bericht, der auf Dutzenden Nachrichten von Sinwar beruhen soll. Demnach steckt hinter seinem Nein zum Deal das Kalkül, dass mehr Tote unter der palästinensischen Zivilbevölkerung den internationalen Druck auf Israel erhöhen, Zugeständnisse an die Hamas zu machen. „Wir haben die Israelis genau da, wo wir sie haben wollen“, sagte Sinwar in einer Botschaft an Hamas-Vertreter.

In Israel haben sich befreite Geiseln derweil den Protesten für einen Deal angeschlossen. Andrey Kozlov richtete eine klare Botschaft an die Regierung Netanjahu: „Für die Geiseln, die noch in Gaza sind, gibt es eine Entscheidung, nur eine, und zwar ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas.“

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