Thursday, July 25, 2024

„Star Wars: The Acolyte“: So woke sind die Jedi in der neuen Serie

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Walt Disney war ein Reaktionär, homophob, antisemitisch und ein Kommunistenfresser. Dagegen stand die heile Welt der Familie, die er in seinen Filmen zwar stets bedroht – die Anzahl der Waisen in Disney-Produktionen ist unerreicht – darstellte, aber die für ihn das amerikanische, ja zivilisationsprägende, Idyll war.

Die Unterhaltung, die er schuf, musste immer familientauglich nach dem damaligen Verständnis sein. Gewalt ja, wenn sie von den Guten ausgeübt wurde, Alptraumhaftes gerne, wenn es zur Wesensbildung beitrug. Vor allem aber: puritanisch prüde. Filme, Shows, Parks: Zone ohne Sexualität. Supersauber.

Der Geist des Gründers bleibt in Firmen erhalten, natürlich. Und so war auch Disney nach Walt – lange vielleicht sogar noch mehr als unter seine Ägide – eine moralische Anstalt der Biedermänner. Und als George Lucas dem Konzern für vier Milliarden Dollar sein Star-Wars-Universum verkaufte, war die Sorge der Fans, dass es dort zu weichgespült, zu sauberhaft-zauberhaft, zu aseptisch zugehen würde. Denn Star Wars, so ist es nun einmal, muss immer von Verletzungen, von Schmerz, von Enttäuschungen und Verlusten handeln.

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Man muss das alles noch einmal vor Augen führen, wenn man über die neueste Star-Wars-Serie berichtet, „The Acolyte“, die ab dem 5. Juni auf DisneyPlus getreamt wird. Denn schon die Auswahl der Showrunnerin, Lesley Headland, die Besetzung und die Trailer wurden massiv, teilweise hysterisch kritisiert. Weniger von Star-Wars-Fans, als von jenem Teil der amerikanischen Öffentlichkeit, die in der LGTBQ+-Bewegung einen Anschlag auf die Gesellschaft sehen.

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Der Vorwurf: Disney sei eben nicht mehr Disney, sondern unterwerfe sich einem „woken“ Zeitgeist (bei dem, wie üblich, sexuelle und ethnische Identitäten vermischt und gleichermaßen als Bedrohung angesehen werden), um Geld zu machen. Nicht nur bei Star Wars, sondern auch bei den Marvel-Serien und -Filmen.

Wenn einer dann floppt (wie der letzte, kluge, ironische und grandios gespielte Indiana-Jones-Teil), heißt es hämisch: „Go woke, go broke“. Dass viele Menschen heute warten, bis Filme gestreamt werden (und es dann überraschte Schlagzeilen: „Kino-Flop wird Mega-Erfolg“ gibt), wird ignoriert.

Disney ist gut für Star Wars

Disney hat längst modernisiert, ist offener geworden – Star Wars ist ein gutes Beispiel. Der zweite (und beste) der Kinofilme der Serie, die der Konzern veröffentlichte, war „Rogue One“, ein düsterer und pessimistischer Kriegsfilm ohne Happy End. Die großartige Serie „Andor“ ist ein Lehrstück über Anpassung und Widerstand in einer jungen Diktatur. Disney erlaubt Star Wars, so politisch und kommentierend zu sein, wie George Lucas es geplant hatte. Mit allen Graustufen.

Und das spiegelt „The Acolyte“ auf faszinierende Weise und hebt die Serie weit über ihren Mordermittlungs-Plot hinaus. Tatsächlich fällt auf, dass der Hauptcast zu einem großen Teil aus dunkelhäutigen und asiatischen Darstellern (also PoC), besteht, die Handlungsträger sind – wie schon bei „Ahsoka“ – vornehmlich weiblich. Die Schwestern, um die es geht, wurden vaterlos von zwei Frauen aufgezogen. Man kann das nicht übersehen – und soll es auch nicht. Aber was ist das Statement?

George Lucas wurde kürzlich in Cannes mit der Kritik konfrontiert, seine Trilogien seien von weißen Männern beherrscht worden und nicht divers gewesen. Er konterte klug: „Die meisten Leute bei Star Wars sind Aliens. Dahinter steckt schon ein erzieherisches Kalkül. Dass man die Leute so akzeptieren soll wie sie sind – groß, klein, grün, pelzig oder sonst was.“

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In „The Acolyte“ ist die Aliendichte höher als in jedem anderen Mosaikstein des gesamten Franchises. Kaum ein Humanoide, dem nicht doch irgendwo noch ein Hörnchen oder ein Schwänzchen gewachsen ist. Das hat einen hohen Schauwert, das character design in der Serie ist wahnsinnig detailliert, originell und lässt einen gnädig darüber hinwegsehen, dass viele der real gebauten Sets erschreckend an Star Trek und seine Pappmaché-Höhlen erinnern. Die Schwebetricks erinnern sogar an Fußgängerzonen-Fakire.

Sei’s drum. Wo alle Aliens sind, fällt der Fremde nicht auf. Das ist näher an Lucas, als die Machismo-Star-Wars-Fans (von denen es nicht wenige gibt) es werden zugeben können.

Die Welt, in der die neue Serie spielt, ist ohnehin (filmisches) Neuland. „The Acolyte“ spielt 100 Jahre vor der Zerstörung des Todessterns, in einer Epoche namens „The High Republic“, dem Zenith der Jedi-Ära. Lesley Headland, für die Serie verantwortlich als Produzentin, Autorin und Regisseurin der ersten Folgen, lehnt diese Ära in Architektur, Fauna und Flora an das feudale Japan an – die Jedis waren ja seit jeher Weltraum-Samurai und ohne Akira Kurosawa hätte es überhaupt kein Star Wars gegeben.

Diversität gegen Diktatur

Das funktioniert ganz hervorragend. Dieser pseudoasiatische Barock, das höfische Treiben im Jedi-Tempel, der Merkantilismus in den Straßen – das alles wirkt als Vorgänger der eher abgeklärten, an die italienische Renaissance angelegten Naboo der Prequel-Trilogie. Und beides gemeinsam steht in seiner Liberalität und eben Diversität perfekt gegen die spätere Ära des Imperiums, dessen Gleichmacherei seine beste Entsprechung in den Sturmtruppen findet. Diversität als Gegenmodell zur Diktatur. Was auch sonst!

Man fühlt sich in der bislang nur in Jugendbüchern geschilderten Ära sofort heimisch. Es gibt optische Trigger wie Vorstufen der bekannten Raumschiffe, Baustile, einen kurzen Auftritt des damals noch vollhaarigen Jedi-Meisters Ki-Adi-Mudi, der Handelsföderation und klassische Zitate von „Ich habe ein ganz mieses Gefühl“ bis „Da ist immer noch Gutes in ihr“.

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Viel wichtiger aber ist, dass auch in „The Acolyte“ eines der klassischen Star-Wars-Themen vertieft wird. Was in „The Clone Wars“ soldatischer Gehorsam gegen eigenen Willen, in „Andor“ der Umgang mit einer Diktatur, in der Skywalker-Saga der Familienkonflikt war, ist hier das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, Jedi und Padawan. Erst durch diese spezielle Konstellation und die daraus erwachsenden Probleme ist der Aufstieg der Sith möglich – der wiederum Grundlage für alles ist, was wir bislang aus dem Star-Wars-Universum erfahren haben.

Dabei wird auf atemberaubende Weise der Mythos der ach so edlen Jedi hinterfragt, viel mehr als es bislang im Scheitern des Ordens in „Rache der Sith“ und in Lukes Hadern in „Der letzte Jedi“ getan wurde. In „The Acolyte“ sind die Jedi genau die Gutmenschen, deren Selbstüberhöhung und moralische Absolutheit zu fürchterlichen Untaten (Kindesentführung) und elitären, fast faschistischen Tendenzen, führen. Am Jedi-Wesen muss die Welt genesen.

Das gilt ja in der wirklichen Welt auch für weite Teile der Woke-Bewegung: Wir erleben es an den Universitäten weltweit, wo Ideologie und Naivität, vereint mit einem intellektuellen Führungsanspruch, zu verheerenden Falscheinschätzung führen. Viel mehr als als Herald des Wokismus kann man „The Acolyte“ daher auch als Kritik an den Auswüchsen dieser Bewegung verstehen. Man muss nur hinsehen.

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