Thursday, July 25, 2024

Neue Rechte: Das Comeback der Konservativen Revolution

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Vor ein paar Jahren geisterte ein historisch vorbelastetes Schlagwort durch die Politik: die konservative Revolution. Alexander Dobrindt von der CSU wollte sie, Winfried Kretschmann von den Grünen sah sie bereits vollendet. Die Anziehungskraft des Paradoxons – zugleich konservativ und revolutionär sein? – wirkt seitdem weiter. In ihrem neuen Buch „Demokratie und Revolution“ kokettieren selbst Hedwig Richter und Bernd Ulrich mit diesem Gegensatz, um eine Ökorevolution von oben zu legitimieren. Was meint also konservative Revolution? Das fragt eine Tagung in Frankfurt an der Oder.

Man muss ins Jahr 1993 zurückgehen, um die Ausgangslage für die akademische Forschung zur Konservativen Revolution zu verstehen. In seinem kanonischen Werk „Anatomie der Konservativen Revolution“ ließ der Soziologe Stefan Breuer kaum etwas übrig vom Begriff der Konservativen Revolution, der bis dahin für die antidemokratische Rechte der Weimarer Republik verwendet wurde. Darunter fanden sich Denker, die das christliche Abendland retten wollten, und solche, die es mit Nietzsche zu zerstören trachteten. Breuer schlug angesichts derartiger programmatischer Widersprüche vor, stattdessen vom „Neuen Nationalismus“ zu sprechen.

Breuers Vorstoß war auch gegen Armin Mohlers berühmtes Buch „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932“ gerichtet. Die Dissertation von Ernst Jüngers Privatsekretär sorgte an der Universität Basel für heftige Konflikte, 1950 erschien eine erste Auflage, die später zum „Handbuch“ erweitert wurde. Die Resonanz war groß, auch weil Mohler die historische Konservative Revolution von Hitler abgrenzte – er sprach von den „Trotzkisten des Nationalsozialismus“ – und so für Entlastung und einen Anknüpfungspunkt für die Rechte in der Bundesrepublik sorgte. Das Buch wurde in dieser Zeitung von niemand Geringerem als Arnold Gehlen wohlwollend besprochen.

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Hedwig Richter (50) und Bernd Ulrich (64)

Hedwig Richter und Bernd Ulrich

Während Breuer versucht, den Begriff der Konservativen Revolution akademisch unmöglich zu machen, feiert dieser bei rechten Aktivisten im Ausland ein Comeback. 1993 wird in Frankreich die von dem Vordenker der „Neuen Rechten“ Alain de Benoist besorgte Übersetzung von Mohlers „Konservative Revolution“ veröffentlicht, ein Jahr später erscheint in Italien Marcello Venezianis „Die Konservative Revolution in Italien“ und in Russland Alexander Dugins „Konservative Revolution“. Und was in Frankreich, Italien und Russland diskutiert wird, beeinflusst auch neurechte Kreise in Deutschland unter anderem im Umfeld der AfD. Konservative Revolution is coming home?

Die Tagung, die sich Begriff, Ideenumfeld und Netzwerken der Konservativen Revolution widmet, überschreitet gleich mehrere Grenzen des Forschungsfeldes. Weder beschränkt man sich auf die Epoche der Weimarer Republik noch allein auf den deutschsprachigen Diskussionszusammenhang, auch haben die Veranstalter – der Sozialphilosoph Matthias Schlossberger von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und der Historiker Marcus Payk von der Universität der Bundeswehr Hamburg – Forscher verschiedenster Disziplinen eingeladen, nicht allein Historiker. Das erweist sich bei dem Thema mit seinen vielen Fallstricken als fruchtbarer Ansatz.

Herrschte zwischen Konservativer Revolution und den Nazis eine feinsäuberliche Trennlinie, wie Mohler öffentlichkeitswirksam behauptet hat? Gastgeber Schlossberger argumentiert, dass Nazigrößen wie Joseph Goebbels oder Alfred Rosenberg den Begriff als Selbstbezeichnung verwendeten. Hitler habe sich gar den „konservativsten Revolutionär“ genannt. Auch als Fremdbezeichnung war dieser Begriff geläufig, so titelte eine Wiener Zeitung anlässlich der Machtübergabe an die NSDAP: „Konservative Revolution in Deutschland?“ Das bringt Mohlers Konstruktion mächtig ins Wanken.

Gegen den Missbrauch des Begriffs

Wie als komplementärer Befund führt der renommierte Carl-Schmitt-Forscher Reinhard Mehring denjenigen ins Feld, der den Begriff der konservativen Revolution – zunächst auf Nietzsche gemünzt – überhaupt geprägt hat: den Schriftsteller Thomas Mann. Und der habe selbst nach 1933 im kalifornischen Exil noch von einer konservativen Revolution gesprochen, allerdings im humanistischen Sinne und gegen den Missbrauch des Begriffs durch die Nazis. Kurz: Die Konservative Revolution ist ein diskursives Schlachtfeld, durchzogen von unterschiedlichsten Interessen, Ambitionen und Identifikationen.

Man müsse die Konservative Revolution von ihren Konflikten her verstehen, wirft Claudia Kemper als Vermittlungsvorschlag ein. Die Historikerin zeigt unter anderem an der Figur von Arthur Moeller van den Bruck („Das Dritte Reich“), wie die Konservative Revolution sich in einer „vorpolitischen Haltung“ ohne einheitliches Programm zusammenfand. Die Haltung bestand darin, die „alte“ Rechte des Wilhelminismus genauso zu bekämpfen wie die Linke. Man inszenierte sich als „geistige Vorhut“ in der Krise der Konservativen. „Der Begriff des Konservatismus war zu haben – und er wurde besetzt“, so Kemper.

Mit dem Begriff der Metapolitik ist ein neuer Analyserahmen gesetzt, mit dem man ästhetische in politische Haltungen übersetzen kann, wie es Terry Eagleton in seinem Klassiker „Ästhetik“ von 1990 vorgeführt hat. Der Rückzug auf mythische Bilder des Ewigen, aufs Nichtdiskursive, erscheint als Geste einer politischen Romantik. Entsprechenden Gegenwind erntete der Literaturwissenschaftler für seine These, Ernst Jünger sei im Grunde kein politischer Autor gewesen, sondern nur ein „Weltchronist“. Das unterschlägt die Wirkung, die der Autor von „In Stahlgewittern“ und „Die totale Mobilmachung“ auf dem Weg von der Front- zur Volksgemeinschaft gehabt hat.

Faszinationsgeschichte bis in die Gegenwart

Das metapolitische Paradigma macht verständlich, was sonst als bloß Disparates erscheinen muss. Die Verklärung des Organischen, eine Völkermetaphysik oder die politisch-theologische Sehnsuchtsfantasie von Russland als einem „dritten Rom“ erschließen eine Faszinationsgeschichte des konservativ-revolutionären Denkens bis in die Gegenwart. Und Autoren wie van den Bruck, Schmitt oder Mohler erweisen sich als Exportschlager in Sachen deutscher Ideologie, weil sie über die tagespolitischen Verwerfungen – zum Beispiel dazu, wie man es mit Russland hält – hinausdachten.

Die „Neue Rechte“ von heute, die nicht nur „ihre“ Klassiker liest, sondern auch Antonio Gramscis Thesen zur „kulturellen Hegemonie“, erscheint ebenso uneinig wie die Konservative Revolution und die verschiedensten Strömungen der Nazis. Ob man es mit dem Westen oder Russland, mit Europa oder der Nation hält, wird durch „umbrella terms“ wie Identität oder Tradition aufgefangen, die eher eine formale Unterscheidung des Eigenen und des Anderen – mit Schmitt könnte man auch sagen: von Freund und Feind – etablieren, als sich inhaltlich und programmatisch zu sehr festzulegen.

Auch in der Wirtschaftspolitik herrschte im Umfeld der Konservativen Revolution eine Uneinigkeit wie heute zwischen den Neoliberalen und dem „Flügel“ bei der AfD, so der Wirtschaftssoziologe Alexander Ebner. Man ging zwar von der Kritik an Globalisierung und Wirtschaftswachstum aus – auch Rechte waren Vordenker von Degrowth –, doch zwischen Nationalbolschewismus, Ständestaat mit Arbeit als Dienst für das schöpferische Unternehmertum und der antisemitischen Volksgemeinschaft des „schaffenden“ gegen das „raffende Kapital“ lagen doch erhebliche Unterschiede.

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Die Anziehungskraft der Konservativen Revolution lässt sich wohl nur verstehen, indem man sie als eine „moderne Antimoderne“ versteht, wie es der Historiker Volker Weiß einmal nannte. Eine Reaktion auf die Krise des Konservativismus und des Liberalismus, die sich aus dem Widerspruch ergibt, dass in der Moderne die permanente Umwälzung eines blinden Produktionszwangs und das Festhalten an überholten gesellschaftlichen Formen zusammenfallen. So hat selbst der Marxist Max Horkheimer gesagt, dass „der wahre Konservative dem wahren Revolutionär verwandter sei als dem Faschisten“.

Das Diffuse, was im Begriff der Konservativen Revolution liegt, lässt sich ebenso wenig auflösen wie die Auseinandersetzungen um den Begriff selbst. „Die Geschichte des Scheiterns der Weimarer Republik ist die Geschichte diffuser Allianzen“, sagt Schlossberger. Die akademische Begriffsgeschichte ist somit herausgefordert, in Widersprüchen zu denken – und ihr Instrumentarium begriffspolitisch zu schärfen. Und auch eine politische Kritik, die mit dem Fortleben der Konservativen Revolution und ihrem Reimport in den deutschsprachigen Debattenraum ansetzt, wird ohne Rückgriff auf das Konzept der Metapolitik ihrem Gegenstand nicht gerecht werden können.

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