Tuesday, June 25, 2024

Jan Ullrich: „Es hat mich zermürbt“, sagt er. „Ich habe mich geschämt“

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Es ist ein langer, ein lauter Applaus, mit dem Jan Ullrich im ZDF-Sportstudio vom Publikum begrüßt wird. „Ich kann wirklich sagen, mir geht es gut“, sagt der frühere Radstar zu Beginn, um später Einblicke in sein Seelenleben zu geben, über sein spätes Doping-Geständnis, seinen Absturz und die Hintergründe zu sprechen. „Ich habe mich jahrelang geschämt“, sagt der heute 50-Jährige. „Ich war im Himmel, in der Hölle – jetzt bin ich im Leben.“ Und: „Ich erwarte nicht, dass man mir verzeiht. Ich hoffe, dass man mich vielleicht versteht.“

Etwas über ein halbes Jahr nach seinem Doping-Geständnis hat Ullrich am Samstagabend weitere Einblicke in seine Vergangenheit gewährt. „Letztendlich habe ich betrogen, ja“, erklärt der frühere Tour-de-France-Sieger und bekannte: „Es war nicht richtig, was wir gemacht haben.“ Er sei anfangs „naiv“ gewesen, was Doping angeht, sagt er. In seinem damaligen Team Telekom habe man ihm dann „plausibel erklärt“, dass Doping „flächendeckend im Profi-Radsport“ dazugehöre.

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Im November hatte der Tour-de-France-Champion von 1997 nach jahrelangem Schweigen eingeräumt, gedopt zu haben, nachdem er zuvor ein Doping-Geständnis immer wieder abgelehnt hatte. Ullrich fiel tief nach seinem Karriereende, erlebte privat immer wieder Turbulenzen bis hin zu fatalen Abstürzen. Alkohol, Drogen, Entzugsversuche, immer wieder Rückschläge. Unter Alkoholeinfluss verursachte er einen schweren Autounfall. Er habe nur noch verdrängen wollen, sagt Ullrich im „Sportstudio“: „Meine Probleme haben mich aufgefressen.“ Er flüchtete sich in Drogen und Alkohol.

„Ich bin ein absolutes Negativbeispiel, was Alkohol und Drogen anrichten können. Es nimmt das Menschliche komplett weg und lässt nur eine leere Hülle“, sagt er. „Ich kann nur sagen: Hände weg von diesen Substanzen.“

Das Leben in einer Blase

In dem Sportstudio-Gespräch wirkt Ullrich aufgeräumt. „Ich hätte mir nichts lieber gewünscht im Nachhinein, als wenn niemand gedopt hätte“, sagt er. Damals habe er das aber anders gesehen, nachdem er über die Doping-Mechanismen im Profi-Radsport aufgeklärt worden sei: „Ab da denkt man natürlich nach, ab da will man die gleichen Waffen. Man will nicht mit dem Messer zur Schießerei kommen, das ist einfach so. Du willst ja dann auch dein Talent weiterhin zeigen. Ich dachte dann, das gehört zum Profi dazu und habe mitgemacht.“

Jan Ullrich

Tour de France 1997: Jan Ullrich (M.), Richard Virenque (l.), Marco Pantani
Quelle: dpa/Oliver Berg

Es sei ihm nicht in den Sinn gekommen, Doping abzulehnen – denn das wäre „wahrscheinlich mit dem Karriereende“ gleichbedeutend gewesen. Über das damals nicht nachweisbare Blutdopingmittel Epo sagt er: „Als ich gehört habe, dass das flächendeckend genutzt wird, da wollte ich auch dabei sein, ja.“

Wenige Tage vor Beginn der Tour de France 2006 war Ullrich dann im Zuge des Skandals um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes von seinem Team T-Mobile ausgeschlossen worden. Der Verdacht: Eigenblutdoping. Ullrichs Name stand auf der Fuentes-Liste. Ein Geständnis? Legte er damals nicht ab. „An dem Tag war ich in Schockstarre“, sagt er über seinen damaligen Ausschluss. „Man glaubt ja selbst, man macht nichts Verbotenes.“ Die Konkurrenz habe ähnlich agiert, er sei in einer Blase gewesen.

„Ich wollte es nicht glauben, dass ich rausgenommen werde, vor allem nicht von meinem Team, denn intern wusste man ja Bescheid.“ Wie ein ausgesetztes Familienmitglied habe er sich gefühlt. Verraten wollte er die Szene und sich selbst aber nicht. Deshalb habe er sich auch seinen berühmten Satz zurechtgelegt: „Ich habe keinen betrogen.“ Diese Wahrnehmung habe er gehabt, weil viele Fahrer das Gleiche gemacht hätten. Im Nachhinein sehe er das anders.

Auch die Familie verloren

Die fortwährenden Doping-Vorwürfe und die Fragen zu dem Thema, aber vor allem das eigene Schweigen hätten ihn auch in den folgenden Jahren stark belastet. „Das hat mich zermürbt, das hat mich aufgefressen“, sagt Ullrich und spielt auf seine zahlreichen Abstürze an. Er habe keinen Plan gehabt für sein Leben. Sein lange ausbleibendes Doping-Geständnis sei das gewesen, „was an meiner Seele gefressen hat“. Er habe alles verloren, auch seine Familie.

Die zahlreichen Abstürze, sagt er, seien wohl nötig gewesen, um die Kehrtwende zu schaffen. „Es musste fast bis zum Exitus kommen“, sagt er. Ullrichs Weg zurück ins Leben begann mit der Aufarbeitung, mit seinem persönlichen Jakobsweg, bei dem er sowohl die Orte seiner Erfolge, als auch die Orte persönlicher Dramen besuchte. Dann das Geständnis. Vorher habe er Panikattacken bekommen, doch dann, nach dem Geständnis, sei es leichter geworden. „Mein Lebensrucksack“, sagt er, „ist leichter geworden.“

Dennoch sehe er es nicht als seine Aufgabe, die Doping-Szene von damals konkret zu benennen. Er könne nur für sich sprechen, sagte Ullrich: „Ich glaube persönlich, dass das System nur verändert werden kann, wenn der Weltverband da richtig dran bleibt.“ Der Weltverband habe damals gewusst, was los gewesen sei, „er hat selbst geschwiegen“.

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