Tuesday, June 25, 2024

Wutrede vom Börsenchef: „Kurs Entwicklungsland“ – die beispiellose Abrechnung des Dax-Managers mit Deutschland – WELT

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Das gediegene Luxushotel „Bayerischer Hof“ mitten in München ist alles andere als eine revolutionäre Adresse, und die Veranstaltung, die hier bereits Ende April stattfand, stand eigentlich nicht im Zeichen des Aufruhrs. Geladen hatte der Wirtschaftsbeirat Bayern, gekommen war eine überschaubare Zahl vorwiegend älterer, vorwiegend im Anzug gekleideter Männer.

Einer von ihnen hielt einen rund 20 Minuten dauernden Vortrag – und der hatte es derart in sich, dass ein Mitschnitt des dröge anmutenden Termins vieltausendfach in den sozialen Medien geteilt und kommentiert wird.

Der Mann heißt Theodor Weimer, steht seit 2018 an der Spitze der Deutschen Börse und zählt seit vielen Jahren zu den wichtigsten Wirtschaftslenkern des Landes. Was er in München präsentiert hat, ist nichts weniger als eine allumfassende, in dieser Form beispiellose Abrechnung mit dem Standort Deutschland und der verantwortlichen Regierung in Berlin.

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Standortdebatte

Wirtschaftspolitik, Zuwanderung, Innovation – wohin Weimer auch blickt, überall sieht er Zeichen fortgeschrittenen Niedergangs. „Wir sind auf dem Weg zum Entwicklungsland“, mahnt er. Um umzukehren seien radikale Handlungen vonnöten.

Unternehmer müssten aufhören, wie Kaninchen vor der Schlange vor der Regierung zu sitzen und zu warten, dass diese zubeiße. Sie sollten sich stattdessen im Widerstand üben und ein Beispiel an den USA nehmen. „Es ist uns doch egal, welcher alte Mann Präsident wird“, heiße es bei dortigen Topmanagern. „Wir führen das Land.“

Derartige Töne hat es aus dem innersten Kreis der deutschen Wirtschaftselite bisher nicht gegeben. Sicher, bei vielen Unternehmenslenkern hat sich eine Menge Frust über die Ampel-Koalition angestaut, BDI-Präsident Siegfried Russwurm hat erst kürzlich „zwei verlorene Jahre“ beklagt.

Und doch mühten sich Vorstandschefs selbst in vertraulichen Gesprächen darum, ein Mindestmaß an Contenance zu wahren und keinen offenen Bruch mit Berlin zu riskieren. Wenn sie litten, litten sie still – und investierten im Ausland. Weimer hat diesen Nichtangriffspakt gebrochen. Er hat die Regierung beispiellos offen und umfassend attackiert – ganz besonders eines ihrer Mitglieder.

„So schlecht wie jetzt war unser Ansehen in der Welt noch nie“

Er habe gerade sein 18. Treffen mit Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck hinter sich, berichtet er: „Und ich kann Ihnen sagen, es ist eine schiere Katastrophe.“ Zu Beginn von Habecks Amtszeit sei er sogar begeistert gewesen, der Minister habe gut zugehört und ein paar Dinge richtig gemacht. Mittlerweile aber kämen „die Fundamentalisten immer mehr durch“.

„Sind auf dem Weg zum Entwicklungsland“