Sunday, June 16, 2024

Suhrkamp-Villa: Das Haus für 4,1 Millionen, von dem Deutschlands Intellektuelle träumen

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Vielleicht ist es eine besonders neudeutsche Pointe, wie die lange Zeit des bundesrepublikanischen Geisteslebens ihr eigenes Ende beschließt: in einer Anzeige von Engels und Völkers. Nicht in einem Roman, nicht in einem Theoriewerk, sondern einfach in einem Immobilienprospekt. Frankfurter Nordend, Klettenbergstraße 35, Eckgrundstück mit mehrstöckiger Villa, 1927 errichtet, 1981 grundlegend renoviert, 2011 wurde eine Gasheizung eingebaut, das Ganze für 4,1 Millionen Euro.

Für Geistesmenschen tut sich in dem efeubewachsenen Haus, an dessen Eingang „S.V. 35“ wie ein moderat verheißungsvolles Kürzel steht, eine Welt auf: Die Villa in der Klettenbergstraße zu betreten, ist wie ein Besuch in der Literatur und ihren Geschichten. Siegfried Unseld, der den Suhrkamp Verlag von 1959 bis zu seinem Tod 2002 leitete, machte das Haus zu einem lebendigen Gebilde zwischen Wohnraum und Repräsentanz des Verlages; eine symbiotische Verbindung von Verleger und Verlag, von Buch und Leben, wie es sie vielleicht nur für eine kurze Zeit in der Nachkriegsgeschichte gegeben hat.

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Verleger Joachim Unseld

Selbst für Spätgeborene, die den legendären Verleger selbst nicht mehr erleben konnten, oder die Literaten, die er verlegte, etwa Samuel Beckett, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger oder Thomas Bernhard: Späte Vertreter dieser besonderen geistesgeschichtlichen Blütezeit des 20. Jahrhunderts wie Karl Heinz Bohrer, Peter Sloterdijk oder Jürgen Habermas ließen sich immer noch treffen beim Kritikerempfang während der Frankfurter Buchmesse. Im Literaturbetrieb von heute werden die bundesrepublikanischen Jahre oft verklärt als wilde Zeit überbordender Literaturproduktion und entsprechender Bilanzen, personifiziert im Bild Unselds, im gut geschnittenen Anzug aus seinem Jaguar steigend, auf dessen Rückbank mindestens ein heißes Manuskript und vielleicht noch eine Frau liegt.

Der Text ist die Party: Karl Heinz Bohrer liest beim Kritikerempfang, 2016

Der Text ist die Party: Karl Heinz Bohrer liest beim Kritikerempfang, 2016
Quelle: Martin U. K. Lengemann

Beim Kritikerempfang war selbst in den letzten Jahren noch immer etwas von dieser vergangenen Aura zu spüren, je länger man in der seit Unselds Tod nahezu unveränderten Kulisse der Bücherregale, tiefen Sofas und schweren Teppiche weißweintrinkend zubrachte; ein Besuch in der Vorzeit, mit dem entsprechenden Kater, wenn man wieder ganz in der Gegenwart angekommen war.

Warum wird dieser Ort nun verkauft? Vom Suhrkamp Verlag, der seit einem kontroversen Umzug vor 15 Jahren seinen Sitz in Berlin hat, war bisher nur zu hören, das Haus stehe schon lange leer, die Kosten seien hoch. Auf die Frage von WELT, was aus dem Kritikerempfang werde und wo er, wenn es ihn weiterhin gebe, stattfinden werde, könne man noch nicht antworten. Im September wird der hundertste Geburtstag Siegfried Unselds gefeiert; es bleibt zu hoffen, dass bis dahin der alte Geist des Hauses eine neue Bleibe gefunden hat.

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