Sunday, June 16, 2024

Duolingo & Co.: Alles-Übersetzer KI? „Wir werden auch in 100 Jahren noch Sprachen lernen“ – WELT

- Advertisement -
- Advertisement -

Der Mann hinter dem Schreibtisch schaut grimmig. Dunkler Anzug, dunkler Vollbart, stechender Blick. „Carlos. Einstellender Manager“, steht unter seinem Foto. „Erzählen Sie mir von Ihren Fähigkeiten und wie Ihre bisherigen Erfahrungen zur Leistung unseres Teams beitragen können“, fordert Carlos mich auf Spanisch auf. Ich drücke den Aufnahmeknopf und spreche meine Antwort, verhaspele mich zwischendurch, suche nach Worten. Carlos bleibt unbeeindruckt. Er will jetzt ein Beispiel für meine Qualitäten in der Projektarbeit hören.

Carlos ist eine Kunstfigur des Schweizer Start-ups Univerbal. Es hat sich auf Unterhaltungen zum Sprachenlernen mithilfe von künstlicher Intelligenz spezialisiert. „Wir wollen die Interaktion mit einem Lehrer skalierbar und damit für mehr Menschen bezahlbar machen“, sagt Mitgründer Philipp Hadjimina. Im Oktober 2022, noch vor ChatGPT, ging der Prototyp an den Start. Über 100.000 Nutzer haben sich die App inzwischen heruntergeladen.

Künstliche Intelligenz verändert die Art, wie wir Sprachen lernen. Etablierte Sprachlern-Tech-Plattformen wie Babbel und Duolingo lassen schon heute von Algorithmen passende Übungen für unterschiedliche Nutzer vorschlagen. Sie arbeiten zudem ebenfalls an Bots und Avataren, die mündliche Dialoge zu ganz unterschiedlichen Themen in vielen verschiedenen Sprachen führen können. Auch in die Bildung an öffentlichen Schulen halten Chatbots Einzug. Baden-Württemberg erprobt derzeit mit FairChat einen auf ChatGPT basierenden Bot. Die Erwartungen sind hoch: Die Technologie habe „das Potenzial, mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen“, heißt es aus dem Kultusministerium.

Lesen Sie auch
Läufer mit Fitnesstracker

Herrschaft der Maschinen

Doch was kann die Technologie – Stand heute – wirklich leisten? Wird sie die menschliche Interaktion beim Sprachenlernen ersetzen? Und: Wird künftig überhaupt noch jemand Sprachen lernen, wenn Bots und Video-Programme selbst in Alltagssituationen in Echtzeit übersetzen?

Auf die letzte Frage hat Stephanie Wright vom deutschen Unternehmen Babbel eine klare Antwort: „Wir werden auch in 100 Jahren noch Sprachen lernen. Das Erlebnis, in eine andere Kultur einzutauchen und direkt mit den Menschen dort zu interagieren, kann keine Technologie ersetzen.“ Wright verantwortet das Lernkonzept der 2007 in Berlin gegründeten E-Learning-Plattform, die sich selbst die „meistverkaufte Sprachlernplattform der Welt“ nennt. Wie viele zahlende Abonnenten es aktuell sind, verrät sie zwar nicht. Wohl aber, dass man künftig noch stärker auf den Austausch von Mensch zu Mensch setzen werde.

Ab Mitte Juni können Kunden bei Babbel auch Privatunterricht per Video buchen. Den Lehrer, der für ihre Sprache in ihrer Wunschzeit frei ist, können sie sich auf der Website aussuchen. Dieser Service soll – egal, wie viele Einzelstunden man bucht – eine feste Pauschale kosten: Je nach Abo-Dauer zwischen 75 und 149 Euro im Monat. Schon seit 2021 sind täglich unterschiedliche Live-Kurse in Kleingruppen mit echten Lehrern im Premium-Abo enthalten.

„KI hat nichts entschieden und keine Stimme gefälscht, das waren die Menschen“