Sunday, June 16, 2024

Stabiler Arbeitsmarkt? Der fehlende Realismus der Ampel dürfte sich bald rächen – WELT

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Mittlerweile ist es zum Ritual geworden. Monat für Monat verkündet Arbeitsminister Hubertus Heil per Pressemitteilung: „Der Arbeitsmarkt ist stabil“ – und das trotz „konjunktureller Schwäche“. Als Beleg dafür dient die Arbeitslosenquote, derzeit liegt sie bei 5,8 Prozent. Die Laxheit, mit der Heil die tief greifenden Probleme auf dem Arbeitsmarkt damit hinwegwischt, könnte sich bald jedoch rächen.

Folgenden Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. „Jeder Einzelne hat außer in der Covid-19-Pandemie noch nie so wenig gearbeitet, aber alle gemeinsam noch nie so viel.“ Er stammt von Enzo Weber, Ökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Das ist jene Einrichtung, die Heils Ministerium mit Daten beliefert. Und die sehen nicht gut aus.

Denn Deutschland ist zur Teilzeit-Republik geworden. Die entsprechende Quote liegt nun bei 39,1 Prozent und hat einen Rekord erreicht. Die Vollzeitbeschäftigung hingegen ist erstmals seit Corona gesunken. Die Folge: Die Arbeitszeit je erwerbstätiger Person ist gegenüber dem Vorjahresquartal entsprechend um 0,8 Prozent auf 344,5 Stunden zurückgegangen. Ebenfalls rückläufig ist die Stundenproduktivität mit minus 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

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Hatte nicht Heil aber unlängst erst verkündet, in Deutschland würde so viel gearbeitet wie nie zuvor? Was statistisch richtig ist, hat einen simplen Hintergrund – und entpuppt sich als Nebelkerze des Ministers.

Der Rekord an insgesamt geleisteten Stunden ist in erster Linie deshalb zustande gekommen, weil die Bevölkerung und damit auch die Zahl der Erwerbstätigen vor allem durch die Migration stark gewachsen ist. Der zweite Grund: Heute arbeiten deutlich mehr Mütter als noch vor einigen Jahren, meist aber in Teilzeit.

Eins ist jedoch vorprogrammiert: Weil nachfolgende Generationen und Zuwanderer die weiter aufklaffende Lücke durch die hohe Zahl an Renteneintritte nicht ausgleichen, wird die Zahl der Erwerbstätigen in ein paar Jahren schon deutlich sinken – der jetzt bejubelte Rekord bricht bald in sich zusammen. Dass das Gesamtvolumen der Arbeitszeit sinkt, ist demografisch also vorprogrammiert und durch Heils Rentenpaket nun endgültig unumkehrbar.

Probleme werden in die Zukunft verschleppt

Wenn sich dann aber auch noch der Trend zu kürzeren Arbeitszeiten – Stichwort Vier-Tage-Woche – und der zur Teilzeit verfestigen, haben Wirtschaft und Arbeitsmarkt ein multiples Problem: weniger Wachstum, höhere Kosten für Arbeitslosigkeit und weniger Einnahmen für den Staat und die Sozialsysteme. Um das auszugleichen, drohen die Beitragszahler noch weiter berappt zu werden.

Statt akut Lösungen aufzuzeigen, verschleppen Heil und seine Ampel-Kollegen die Probleme in die Zukunft. Mehr Teilzeit, eine bald schon schrumpfende Erwerbsbevölkerung und eine zu hohe Zahl an Renteneintritten verschärfen den Personalmangel weiter.

Stattdessen bräuchte es mehr Jobs in der Kinderbetreuung, um die Ausweitung der Arbeitszeit besonders für Mütter attraktiver und einfacher zu machen – schon jetzt fehlen laut Bertelsmann Stiftung 430.000 Kitaplätze. Auch eine Reform der Transferentzugsraten bei den sogenannten Aufstockern im Bürgergeld (die meisten arbeiten ebenfalls in Teilzeit) würde einiges bewegen. Mit einer Neuberechnung ließe sich die Erwerbstätigkeit um 136.000 Personen oder 145.000 Vollzeitstellen erhöhen, wie das ifo-Institut vorgerechnet hat.

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Und die Teilzeitfalle ist bei Weitem nicht das einzige Problem. Dazu kommen das zweite Jahr in Folge steigende Arbeitslosenzahlen und eine steigende Zahl an Bürgergeldempfängern. Außerdem leistet sich das Land, trotz Arbeitskräftemangel, mittlerweile 2,9 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss.

Getoppt wird das Ganze durch einen „Jobturbo“, der bisher wenig Wirkung zeigt, die Behörden aber trotzdem überfordert, gepaart mit lähmender Bürokratie und einer Industriepolitik, die vielen Unternehmen an die Substanz geht.

Die Gemengelage ist also lange nicht so „stabil“ wie suggeriert wird. Es ist Zeit für eine differenzierte Bestandsaufnahme des Arbeitsmarktes. Dann sind auch echte Reformen möglich.

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