Wednesday, June 19, 2024

Klassik: „Antisemitismus und Klassik? Das geht nicht zusammen, nicht heute, nicht jetzt“

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Angst hat sie keine. Sagt sie. Dazu hat Elena Bashkirova schon zu viel gesehen, sagt sie. Wir sind in Bashkirovas Agentur am Kurfürstendamm. Da passiert nicht sonderlich viel, wovor man Angst haben müsste. Es ist ein wunderbarer Frühsommernachmittag. Elena Bashkirova wird bewacht von einem Maria-Callas-Porträt an der Wand hinter ihr.

Gerade gab es in Amsterdam antiisraelische, propalästinensische Proteste gegen ein Konzert des „Jerusalem Quartet“. Das wollte Beethoven spielen und Musik des aus Deutschland vor den Nazis in die Emigration nach Palästina geflohenen Paul Ben Haim. Der Auftritt wurde aus Angst vor Ausschreitungen abgesagt, was ordentlich Skandal machte in der Klassikszene (es fand dann nach Gegenprotesten kurze Zeit später doch statt).

Nicht mehr lange, dann startet „Intonations“, jenes Kammermusikfestival, das die 1958 in Moskau geborene Pianistin vor zwölf Jahren sozusagen als Berliner Schwester ihres seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Israels Metropole stattfindendem Jerusalem Chamber Music Festivals gegründet hat. Früher hat es im Glashaus des Jüdischen Museums stattgefunden.

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Argentinian pianist and conductor Daniel Barenboim plays on his new piano at the Royal Festival Hall in London on May 26, 2015. Conceived and commissioned by Barenboim, the Barenboim-Maene concert grand piano combines touch, stability, and power of a modern piano with the transparent sound quality of more historic instruments. Barenboim was inspired to create a new piano after playing Franz Liszt's restored grand piano during a trip to Siena in Spetember 2011. Since making his debut at Royal Festival Hall in 1956 aged 13, Barenboim has been a regular performer at Southbank Centre. He returns to the stage on May 27 as piano soloist for the latest performance in "The Barenboim Project 2015". AFP PHOTO / ADRIAN DENNIS (Photo credit should read ADRIAN DENNIS/AFP via Getty Images)

Daniel Barenboim

Spielort jetzt ist – fast schon zeichenhaft in Zeiten überhitzter Debatten – das Kühlhaus am Berliner Gleisdreieck. Ein Industriedenkmal, Überrest des einstmals größten Kühlhauskomplexes in Europa. Ein idealer, mobiler Raum für entgrenzte Kammermusik, wie sie Elena Bashkirova mag.

„Emigranten“ ist das Thema. Drei Tage lang wird es fünf Konzerte geben. Mit dreißig Musikern aus anderthalb Dutzend Ländern – Rumänien, Ägypten, Deutschland, Frankreich und Israel. Wer Grund für Demonstrationen sucht, würde selbstverständlich fündig werden. Aber bei Bashkirova auf Granit beißen.

Die kann die Dummheit, die kulturelle Kurzsichtigkeit, die sich in Protesten wie denen in Amsterdam laut macht, nicht leiden. Die Feigheit von Veranstaltern, das Kleinbeigeben, das leichtfertige Einknicken aber auch nicht. Die Reaktionen auf die Absage der Konzerte des Jerusalem Quartetts aus der Klassikszene haben sie sehr beruhigt.

Elena Bashkirova bei “Intonations” im Kühlhaus

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Natürlich gibt es Rassisten, Antisemiten auch unter Instrumentalisten, Sängern, sagt sie. Schon statistisch wäre alles andere auch eher unwahrscheinlich. So endemisch allerdings wie Judenhass in der Kunstszene ist, ist er in der klassischen Musik nicht. „Das geht nicht zusammen, nicht heute, nicht jetzt“, sagt sie.

Zu sagen, dass sie mit dem, was sie tut, Brücken baut zwischen vermeintlich verfeindeten Kulturen gerade im Nahen Osten, wie es der West-östliche Divan, das Orchester ihres Mannes Daniel Barenboim tut sowie die Barenboim-Said-Akademie in Berlin, fände sie übertrieben. Ihr Ziel ist ein anderes und doch fast das gleiche. Sie will eine Familie gründen mit ihrem Festival. Die Familie der Kammermusiker.

Eine Familie, in der man sich streitet, unterschiedlicher Ansicht ist über alles, aber sich immer zusammentut zum Gespräch, das sich Konzert nennt. Einem nach allen Seiten offenen Gespräch zwischen Musikern und Zuhörern, zwischen Komponisten und Zeiten und Gegenwarten. Das geht.

Keine moralische Anstalt

Das zeigt, wie es funktionieren könnte zwischen den Kulturen, sagt sie und wünscht sich, dass die Politiker sich vom Musizieren etwas abschauen würden. Und es funktioniert mit nichts so gut wie mit Kammermusik. Nicht mit der Sinfonie, nicht mit der Oper. Nur in der Nähe und der Unmittelbarkeit, wie sie im Kühlhaus möglich ist.

Ihr Festival ist keine moralische Anstalt. Sie hat keine politische Botschaft. Vielleicht eine poetische. Aber die ist halt politisch in diesen Zeiten. Bashkirova, die unbedingt daran glaubt, dass Musik das am wenigsten gesundheitsgefährdende Medikament gegen Schwermut und Verzweiflung ist, will Menschen das Gefühl von Glück in Erinnerung bringen. Sie daran erinnern, dass so etwas wie Schönheit möglich ist, gerade auch in finsteren Zeiten.

Das war auch einer der Gründe, warum sie – enthusiastisch unterstützt vom Cellisten Mischa Maisky und dem Pianisten Yefim Bronfman ihr Jerusalemer Festival gründete. Weil es in der israelischen Hauptstadt immer größere religiöse Restriktionen gab und einen spirituellen Hunger nach Orten der Freiheit. Bewusst ohne Unterstützung der israelischen Regierung („mit der möchte ich nichts zu tun haben“), bewusst im Konzertsaal der YMCA, der nicht nur einer der besten und ersten Israels war, sondern auch möglich machte, am Schabbat Konzerte zu geben.

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Selbst die Superstars, die Bashkirova, die zwar eine begnadete Netzwerkerin, aber eine entsetzliche Finanzfachfrau ist (eigene Worte), in ihren geradezu aufreizend gemischten Programmen mit den aufstrebenden High Potentials der internationalen Musikerszene mischt, verzichten in Jerusalem auf ihr Honorar. „Das sind alles Enthusiasten. In der Kammermusik kann man keine große Karriere machen, kann man kein großes Geld verdienen, sich profilieren. Da geht es um Freundschaft. Und um die Musik.“ Um Familie. Um das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Ein Gefühl, sagt sie, das man selbst als Musiker selten hat.

Es wird schon Musiker geben, die im September nicht zum Jerusalem Chamber Music Festival kommen werden. Nicht nur der prekären Sicherheitslage wegen. Auch aus politischen Gründen. Sie kann das verstehen. Man spielt ja auch nicht in Russland, nicht im Iran. „Ich komme aus Russland. Da ist jede anständige Person ein Dissident. Das muss man sein. Auch in Israel. Ich kenne Israelis, die selbst jetzt keine Konzerte in Israel geben.“

Intonations Festival 2023

Intonations Festival 2023
Quelle: Clara Evens Photography

Werke israelischer Komponisten nicht zu spielen, israelische Musiker auf den Index zu setzen, hält sie für einen Fehler. Kulturellen Boykott überhaupt: Was, fragt sie, hat zum Beispiel Tschaikowski mit Putin zu tun, warum sollte man Puschkin, der Lenins Oktoberrevolution nicht mal ahnen konnte, aus den Buchhandlungen entfernen? So einfach ist die Welt nicht, wie es sich manche Regierung, manch Konzertveranstalter, manch Kulturverantwortlicher macht. Was im Übrigen auch für die Gesinnungskontrolle gilt, der sich seit dem Überfall der Putinschen Truppen auf die Ukraine russische Musiker, Tänzer, Künstler unterziehen müssen.

„Wir sind Gefühlsmenschen“

Nur Menschen, die nie in einer Diktatur gelebt haben, sagt sie, können sich derart aufs hohe Ross der arroganten Moral setzen. Bashkirova versteht Russen, die sehr vorsichtig sind mit dem, was sie über ihr Heimatland und die Diktatur Wladimir Putins sagen. „Als ich aus der Sowjetunion wegging, da war ich zwanzig und dachte, die Welt gehört mir. Meine Eltern mussten das aber ausbaden.“

Die Mutter, Geigerin am Bolschoi-Theater, wurde – heute würde man sagen – gemobbt. An Auslandsreisen nahm sie nicht mehr teil, sie musste die schlimmsten Schichten machen, wurde schikaniert, ständig musste sie zum Parteibüro und sich anhören, dass ihre Tochter eine Verräterin sei.

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Kultklassiker-Jubiläum

Dmitri Bashkirov, Elenas Vater, war eine der Zentralfiguren der russischen Klavierschule, durfte acht Jahre lang nicht ausreisen, keine Konzerte in großen Städten geben. So war das in der Sowjetunion. So ist das wieder unter Putin. Und wer immer von anderen Unterschriften unter Protestnoten fordert, sollte sich fragen, was er täte, wenn, was immer er tut, es Folgen hätte für Eltern, Familie, Freunde. Das Leben ist eine einzige Grauzone. Ein Kompromiss.

Was gegen Verzweiflung hilft, das zu betonen wird Elena Bashkirova nicht müde, ist Musik. Und Bildung. Sie erzählt, dass sie und ihr Mann einen Freund in Los Angeles haben. Einen Neurobiologen. Der hat über zehn Jahre drei Gruppen von jungen Leuten aus prekären Verhältnissen beobachtet.

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Die erste Gruppe hat Musik gemacht, die zweite Sport, die dritte nichts: „Die Musiker waren fantastisch in der Schule, sehr soziale Wesen. Die Sportler nicht ganz so. Diejenigen, die nichts gemacht haben, waren verloren.“ Musik, das würde Elena Bashkirova Politikern gern ins Brevier schreiben, müsste also in der Schule genauso wertgeschätzt werden wie Mathematik oder Deutsch.

„Das gehört zu uns, wir sind alle musikalische Menschen. Gefühlsmenschen.“ Musik hilft, sagt sie, Gefühle auszudrücken, in Ordnung zu bringen, sie in Bahnen zu lenken, dass etwas Gutes, Schönes aus ihnen wächst. Da scheint sie gegenwärtig – Musikunterricht wird an allgemeinbildenden Schulen heruntergefahren, Musikschulen sind vom Aussterben bedroht – doch auf eher verlorenem Posten zu kämpfen. Aber wer weiß. Angst kennt Elena Bashkirova keine.

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