Wednesday, June 19, 2024

Kafka-Konferenz von 1963: Im Ostblock war Kafka lange tabu – warum eigentlich?

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Jemand musste Eduard G. verleumdet haben. Ähnlich wie einst Josef K. in Kafkas Roman „Der Prozess“ war der Germanist und Diplomat Eduard Goldstücker Ende 1951 in Prag verhaftet worden und geriet in das Räderwerk der stalinistischen Parteijustiz seines Landes. 1939 war er den Nazis nach Großbritannien entkommen und wurde nach seiner Rückkehr tschechoslowakischer Botschafter in Israel, ehe vom Kreml die antizionistische Kehrtwende befohlen wurde.

Zuerst Zwangs-„Zeuge“ im Schauprozess gegen den ehemaligen KP-Generalsekretär (und bis dato willfährigen Stalinisten) Rudolf Slánsky, wurde Goldstücker danach zu lebenslanger Haft und Strafarbeit in den Uranbergwerken verurteilt. 1955 rehabilitiert und an der Prager Karls-Universität bald ein renommierter Germanist, würde er diese Erfahrung totalen Ausgeliefertseins sein ganzes Leben lang nicht vergessen.

Kein Zufall also, dass Eduard Goldstücker zum Initiator jener berühmten Kafka-Konferenz wurde, die im Jahr 1963 im Barockschloss Liblice bei Prag stattfand. Wenig überraschend auch, dass die prominenteste ostdeutsche Konferenz-Teilnehmerin dort nur einen einzigen Tag blieb, sich eher unwohl fühlte und äußerst wortkarg war: Anna Seghers, die in den 1930er-Jahren im Pariser Exil von Walter Benjamin auf Kafka aufmerksam gemacht worden war und dann auf der erneuten Flucht über Marseille nach Amerika ihren wohl besten Roman schrieb, „Transit“. Hätten Goldstücker und sie, zwei links stehende säkulare jüdische Intellektuelle mit vergleichbarer Wertschätzung für Kafka, nicht eine gemeinsame Sprache finden können? Auf dem Prager Letná-Hügel war im Jahr zuvor das monströse Stalin-Monument gesprengt worden, und zumindest im Kulturbereich deuteten sich zaghafte Lockerungen an, doch in der DDR regierte noch immer Walter Ulbricht – und Seghers schien längst vereist in ihrer Position als regimetreue Schriftstellerverbands-Präsidentin.

Kafka – „kein Sieger der Geschichte“?

Überdies existierten zu jener Zeit in der DDR zwar literaturkritische Aufsätze, die das vermeintlich Obsolete von Kafkas Weltsicht konstatierten, doch gab es dessen eigene Texte nicht zu lesen. Da war man selbst in der Sowjetunion schon ein wenig weiter. Einige Kafka-Erzählungen erschienen in Zeitschriften, doch auch hier galt das (zweifellos von höchster Stelle geforderte) Urteil eines einflussreichen Moskauer Literaturfunktionärs: „Kafka ist kein ‚Prophet‘ und kein Sieger, wie das die Modernisten annehmen. Er ist – der Besiegte, ein Opfer, oder richtiger noch: ein sachlicher Beweis mehr für die Verbrechen des Kapitalismus an der menschlichen Kultur.“

Die Frage, ob das Thema des Entfremdet-Seins, das im Zentrum von Kafkas Werk steht, nun gegenwartsrelevant, historisch anachronistisch oder gar „ideologisch subversiv und feindlich-negativ“ sei, war also alles andere als von rein literaturtheoretischem Interesse. Um von eventuell anwesenden Spitzeln nicht der „Kompromisslerei“ beschuldigt zu werden, blieben die nach Anna Seghers fast schon überstürzter Abreise weiterhin anwesenden DDR’ler dann auf Schloss Liblice argwöhnisch unter sich. (Immerhin wurde späterhin einer von ihnen, der Germanist Klaus Hermsdorf, zu einem Fürsprecher von Kafkas Werk, und der Autor dieser Zeilen erinnert sich, wie er Mitte der 1980er Jahre als Jugendlicher dann eine zweibändige Ausgabe aus dem Verlag Rütten & Loening in den Händen halten konnte – samt einer Einführung, die zwar die Frage nach Kafkas fortgesetzter Relevanz ängstlich umschiffte, dessen Leben und Werk jedoch so unideologisch wie möglich präsentierte.)

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Umso offener aber debattierten in Liblice die tschechischen Intellektuellen – einer von ihnen, Jiri Hájek, würde dann in der hoffnungsvollen Dubcek-Zeit Außenminister seines Landes werden und Eduard Goldstücker Vorsitzender des Schriftstellerverbandes. Die Tagung von 1963 hatte also tatsächlich die Schleusen geöffnet, und waren einige von Kafkas Büchern zuvor lediglich in winzigen Auflagen erschienen, wurden sie nun breit diskutiert – vor allem natürlich „Der Prozess“ und „Das Schloss“, lesbar als Metaphern totalitärer Herrschaft.

Eine der zahlreichen ironischen Volten, welche die Geschichte mitunter bereithält, machte im Jahr darauf ein anderes Schloss bei Prag dagegen zum Ort eines spätstalinistischen Tribunals: In Anwesenheit der legendären Dolores Ibárruri alias „La Pasionaria“ wurde der Schriftsteller und Buchenwald-Überlebende Jorge Semprún wegen „Abweichlerei“ aus den Reihen der spanischen Exilkommunisten verstoßen. Sempruns späterer Prag-Roman „Der weiße Berg“ erzählt deshalb dann auch von beiden Schlössern.

Während man Eduard Goldstücker nach dem sowjetischen Einmarsch vom 21. August 1968 erneut ins britische Exil drängte, wurde Jiri Hájek aus der Partei ausgeschlossen und kaltgestellt – später wird er an der Seite Václav Havels und des Husserl-Schülers Jan Patocka einer der prominenten Sprecher der Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ sein. Der französische Partei-Philosoph Roger Garaudy, einer der westlichen Gäste der Kafka-Konferenz, konvertierte hingegen in den 1980er-Jahren zum Islam und beendete sein merkwürdiges Zickzack-Leben als juristisch verurteilter Holocaust-Leugner. War es bloßer Zufall, dass er bereits 1963 Kafka lediglich für den Marxismus und das „sozialistische Lager“ retten und von ästhetischen Argumenten ebenso wenig wissen wollte wie von Überlegungen über Kafkas jüdische Familie?

Die Kafka-Konferenz in der Literatur

Franz Kafkas getreuer Freund Max Brod, dem die Rettung der Manuskripte zu verdanken ist, lebte seit 1939 in Tel Aviv – nach Liblice hatte er, körperlich beeinträchtigt, lediglich einen Grußbrief senden können. Die nun auch biografische Beschäftigung mit Kafka und dessen von den Nazis ermordeten Schwestern führte bei maßgeblichen tschechischen Intellektuellen zu einer neuen Sensibilität für den fortdauernden Antisemitismus innerhalb des sozialistischen Systems. Auf dem Schriftstellerkongress vom Juni 1967 – quasi dem zweiten aufsehenerregenden ice breaker – klagte deshalb Pavel Kohout in einer fulminanten Rede die antiisraelische Hetze der staatlichen Medien an, die während des Sechstagekrieges das Opfer dreist zu einem Aggressor umgedeutet hatten.

Literarisch hat die Konferenz von 1963 ihre quecksilbrige Spur in Hans Christoph Buchs 1998 erschienenem „In Kafkas Schloß. Eine Münchhausiade“ hinterlassen, in der dazu Casanovas Schloss Dux eine Rolle spielt – und K. kein eingeschüchterter Häftling mehr ist, sondern ein frech jubeljunger Schriftsteller namens Milan Kundera. Zur Präsentation in Berlin war der greise Eduard Goldstücker geladen, der Buchs freies Assoziieren freilich keineswegs goutierte und seinen jüngeren Kollegen grummelnd fragte: „Glauben Sie wirklich, dass es schon an der Zeit ist, in burlesker Form über die Kafka-Konferenz zu schreiben?“ Der Saal versank in betretenes Schweigen, aber vorstellbar ist, dass draußen – jenseits des gestrengen Türhüters – ein mozartgleiches Lachen zu vernehmen war, womöglich ja aus der keineswegs zugeschnürten Kehle eines Unsterblichen namens Franz K..

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