Sunday, June 16, 2024

Shein: Erfolg oder Armutszeugnis? Plötzlich will der chinesische Riese in London an die Börse – WELT

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Der Online-Modekonzern Shein bereitet einen Börsengang an der London Stock Exchange vor. Das Unternehmen mit Sitz in Singapur könnte schon in der laufenden Woche die entsprechenden Unterlagen bei den britischen Behörden einreichen, berichten mehrere britische Medien.

Dabei gehe es zunächst darum, die Bedingungen für eine Notierung auszuloten. Der tatsächliche Börsengang könnte Ende des Sommers oder im Herbst folgen, erwarten Beobachter.

Eigentlich hatte Shein ein Listing in New York geplant. Die entsprechenden Unterlagen hatte das Fast-Fashion-Unternehmen schon vor über einem halben Jahr bei der Securities and Exchange Commission in den Vereinigten Staaten eingereicht, bekam aber erheblichen Gegenwind zu spüren, unter anderem von Abgeordneten, die Shein immer wieder Verbindungen zur chinesischen Regierung unterstellen. Der anhaltende Handelskrieg zwischen den USA und China hat eine Börsennotierung in Nordamerika noch unwahrscheinlicher gemacht.

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Billighändler aus China

2012 in Nanjing in der Volksrepublik gegründet, ist Shein in kurzer Zeit zu einer der größten Modehändler der Welt geworden. Den chinesischen Markt bedient der Online-Konzern, der seit 2022 seine Zentrale in Singapur hat, nicht, ist vielmehr mit seinen günstigen Kollektionen vor allem in Nordamerika und Europa aktiv. Genäht wird die Ware jedoch zu einem großen Teil in der Volksrepublik.

Im vergangenen Jahr hat Shein nach Informationen der „Financial Times“ rund 45 Milliarden Dollar (42 Milliarden Euro) Umsatz gemacht und damit einen Gewinn von gut zwei Milliarden Dollar eingefahren, doppelt so viel wie im Vorjahr. Damit ist der Konzern in wenigen Jahren zu einem der profitabelsten Modehändler geworden und hat Branchengrößen wie H&M und Primark hinter sich gelassen.

Auf Grundlage der jüngsten Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr, bei der Shein mit 66 Milliarden US-Dollar bewertet wurde, rechnen Beobachter mit einer Börsenbewertung von rund 50 Milliarden Pfund (59 Milliarden Euro). Für London wäre das ein Rekord, bisher hält den Titel der Rohstoffriese Glencore, der beim Listing 2011 mit 38 Milliarden Pfund bewertet wurde.

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Nahost-Konflikt

Vor allem würde die Notierung auch einen dringend gesuchten Vertrauensbeweis für London bedeuten. Zuletzt hatte die London Stock Exchange regelmäßig von sich reden gemacht, weil Konzerne sich gegen die Börse entschieden und ihre Notierung verlagert haben.

Erst im Mai hatte Flutter, Mutterkonzern des Wettbüro-Betreibers Paddy Power, bestätigt, seine Börsennotierung von London nach New York zu verlagern. Kurz zuvor hatte der Tourismuskonzern Tui sich gegen zwei Börsenstandorte entschieden und nur die deutsche Notierung beibehalten.

Der britische Chip-Designer Arm hatte sich im vergangenen Jahr von vornherein für New York entschieden. Immerhin hat vor einigen Wochen der britische Tech-Konzern Raspberry Pi bekräftigt, dass er in London an die Börse gehen wird – spielt aber mit einer erwarteten Bewertung von weniger als einer Milliarde Pfund in einer ganz anderen Liga.

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Großbritannien im Niedergang

„London scheint sich als zweitbeste Lösung etablieren zu können“, sagte Susannah Streeter, Analystin beim Finanzdienstleister Hargreaves Lansdown. Für die City bedeute das einen kräftigen Schub. „Für Investoren wird es aber auch tiefgehende Fragen rund um Nachhaltigkeit aufwerfen.“

Denn außerhalb der USA ist Shein vor allem wegen seiner Kampfpreise in den Fokus gerückt – T-Shirts für fünf Euro, Sommerkleider für 15 Euro, Anzüge für 45 Euro. „Shein ist erheblich in die Kritik geraten wegen der riesigen Mengen billiger Bekleidung, die das Unternehmen produziert, die fehlende Transparenz in der Lieferkette und die Verwendung der Arbeit anderer Designer“, fasste Streeter die Vorwürfe zusammen.

Shein-Gründer Chris Xu hat das System optimiert, Kleidung aus einer gigantischen Auswahl anhand von Echtzeit-Daten gezielt produzieren zu lassen. Dabei arbeitet das Unternehmen mit einem schwer durchschaubaren Geflecht vieler kleiner Nähereien in China zusammen.

Überkonsum und schlechte Arbeitsbedingungen

So kann der Konzern rasch auf tatsächliche Bestellungen reagieren und ununterbrochen weitere Neuheiten anbieten. Traditionell lässt die Branche dagegen größere Mengen auf Lager fertigen. Die Abstände sind dabei immer kürzer geworden. Doch selbst wer monatlich neue Kollektionen präsentiert, kann nicht mit der Geschwindigkeit von Shein mithalten.

Shein argumentiert, mit seinem System alle Kundenwünsche bedienen zu können und dabei weniger Ausschuss zu produzieren. Kritiker werfen dem Unternehmen dagegen vor, dass die billigen Textilien zu Überkonsum führen und viele Teile nach kurzer Nutzungsdauer gegen die nächste Kollektion ausgetauscht werden – und im Müll landen.

Immer wieder werden Vorwürfe zu den Arbeitsbedingungen in den Nähereien laut, die für Shein tätig sind. Auch mit Zwangsarbeit der uigurischen Minderheit in der westchinesischen Provinz Xinjiang wurde Shein in Verbindung gebracht.

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Sollte es Missstände gegeben haben, seien diese längst beseitigt, hatte Europa-Chefin Cui He im Dezember gegenüber WELT versichert. Arbeitsbedingungen würden streng geprüft. Sogar künstliche Intelligenz kontrolliere, dass die Designs einmalig seien und nicht, wie immer wieder vorgeworfen, bei anderen Marken abgekupfert.

Eine Recherche der Schweizer Interessengruppe Public Eye hatte indes erst im Mai wieder auf schwere Missstände in chinesischen Betrieben hingewiesen, wo Beschäftigte 75 Stunden in der Woche an den Nähmaschinen sitzen und nur einen Tag im Monat frei bekommen.

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Live-TV und Börsen-Updates

Bei allem Interesse, Unternehmen an die Londoner Börse zu locken, wird die Kritik an Shein auch in Großbritannien die Verantwortlichen beschäftigen. Vorstandschef Donald Tang hat in den vergangenen Monaten bereits eine Reihe von Gesprächen im Land geführt, mit dem konservativen Finanzminister Jeremy Hunt genau wie mit hochrangigen Labour-Politikern. Die Labour-Partei dürfte laut aktuellen Umfragen nach den Wahlen am 4. Juli die nächste Regierung stellen.

In der vergangenen Woche haben Vertreter beider Parteien strikte Überprüfungen im Vorfeld einer Zulassung zum Börsengang gefordert. „Da die Preise von Shein so niedrig sind, muss die London Stock Exchange die Frage stellen, wessen Leiden diese niedrigen Preise unterstützt“, sagte Alicia Kearns, die konservative Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Parlament.

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