Sunday, June 16, 2024

Florentina Holzinger: Jetzt hat sie in Schwerin das perfekte Kirchentagsmusical hingelegt

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Jessas, Maria, die Holzinger wird heilig! Nein, höchstens scheinheilig, obwohl in Florentina Holzingers Schweriner „Sancta“-Projekt nicht nur Paul Hindemiths einstmals anstößiger Einakter „Sancta Susanna“ aus dem Jahr 1922, sondern auch eine veritable Messe auf dem Programm steht. Naja, eher eine pudelnackerte Performance.

Florentina Holzinger ist die regierende Modeperformerin der schönen, eitlen Theaterwelt mit unbedingtem Willen zum Skandal. Sie kann sich kaum vor Regieeinladungen, vor Nestroy- und Faust-Preisen retten. Sogar die Übernahme der Berliner Volksbühnen-Intendanz wird ihr angerüchtet (worüber sie – „ich war noch nie so bossy wie jetzt“ – offenbar ernsthaft nachdenkt).

Was sie da am Mecklenburgischen Staatstheater in zweieinhalb pausenlosen Stunden mal inhaltlich öde ruckelnd, mal gut geschmiert spektakelnd ablaufen lässt, könnte fast jugendfrei auch bei jedem Kirchentag als christlich-feministisches Musical zelebriert werden.

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Provinzialisierung

Denn schließlich haben alle einander lieb am Ende. Wenn auch das „Agnus Dei“ heftig blutsprudelnd aus Abendmalkelchen und Weingläsern absolviert ist und die Mitwirkenden sich noch einmal ihrer Erweckungserlebnisse durch einen Engel versicherten. Es herrscht wirklich – hat die Welt draußen keine anderen Probleme? – holdselig lächelnde, auch womöglich drogenfrei bekiffte Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung an der durch die Beichte befreiten Klerikerinnenfront bis hin zur lesbischen, nackten Mini-Päpstin.

Ein nicht-binäres Wesen stimmt „Don‘t Dream it, be it“, die „Rocky Horror Picture Show“-Hymne von Mr. Frank N. Furter, der Mutter aller „sweet transvestites from Transylvania“ an. Epiphanie total. Alle sind glücklich. Auch das Publikum, sehr viel Kunstbetrieb und angereiste Holzinger-Hardcore-Fans, singt stehend begeistert mit.

Alte Hüte auf dem Catwalk

Ist es echt so einfach? Inzwischen scheinbar schon. Florentina Holzinger hat sich erst in Österreich, wo man nach wie vor mit pudelnackert und pudern polarisieren kann, einen Namen als angebliche Skandalnudel gemacht. Auch, weil sich bei ihr mal echte Fleischerhaken durch Frauenfleisch bohren und die Probandinnen damit an der Kette hängen. Mit ihrer immer nackten Kickline aus Frauen jedweder Art wie Herkunft hatte sie so schnell wie billig das Feminismus-Label bockiger Bilderstürmerei weg. Obwohl sie nur echt alte Hüte erneut auf den Provokations-Catwalk brachte.

Die Entwicklung dauerte zwar, doch schwappte der Holzinger-Hype spätestens mit der 2020 zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Produktion „Tanz“ auch in Deutschland auf die ganz großen Bühnen – einem Hybrid aus Trash und Hochkultur, Ballett-Bashing und Körpererkundung. Der Hype steigerte sich. Bis das kleine, bedürftige, an sich unbedeutende Schweriner Theater, mit Extraknete von der Bundeskulturstiftung, den Stich machte und der 38-Jährigen ihre erste Oper anbot.

Nackte im Nebel: Szene aus „Sancta“

Nackte im Nebel: Szene aus „Sancta“
Quelle: Nicole Marianna Wytyczak

Sofort waren die Wiener Festwochen (da wird „Sancta“ ab 10. Juni gespielt), die Berliner Volksbühne und die Staatsoper Stuttgart mit im Koproduktionsboot. Später geht es zu Festivals nach Belgien und Holland; schließlich will jeder seinen Fetzen aus dem gerade hotten Holzinger-Fleisch. Sogar der „New York Times“ war diese „Operaperformance“, die es wenigstens in den USA auf keine einzige Bühne schaffen würde, gerade ein Vorab-Feature wert.

Und Florentina Holzinger war sehr clever. Sie hat Hindemiths 25-minütigen Einakter als Mittel zu ihrem Zweck missbraucht – süßlich beginnt er und endet in Beelzebub-Horror, beschwört eine wegen ihrer unkeuschen Lüste eingemauerte Nonne und lässt die nackte Susanne zwecks Heilandsvergewaltigung aufs Kreuz steigen.

Das Operchen wird brav an der Rampe weginszeniert. Cornelia Zink (Susanna) und Andrea Baker (Klementia) singen höchst engagiert und am Ende auch nackt ihre Partien, während das erwartbar hüllenlose Holzinger-Personal vor dem Orchestergraben pärchenfummelt und dann als blitzeblanke Spinnen eine Kletterwand ersteigt, während andere auf einem Neonkreuz sexuell aktiv sind.

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Ist der erst ab 18 Jahren zugelassenen Pflichtparcours absolviert, beginnt das übliche, oft gesehene, diesmal zweistündige Holzinger-Ritual, das im Zuschauerraum (draußen gab es ausführliche Triggerwarnungen) niemanden mehr kratzt. Die Nackten und die Nonnen, sie werden fröhlich empfangen, ob der Papst nun eine Päpstin ist, sich eine Kerze auf einem Roboterarm als Gottersatz noch phallischer reckt, die heilige Geistin müde Zauberinnentricks parat hat oder ein Stück Menschenhaut mit dem Skalpell extrahiert, gebraten und („du bist mein Leib“) als Hostienersatz verzehrt wird.

Dazu hat die Komponistin Johanna Doderer aus vielen heterogenen Klangfertigteilen eine heilige Messe vom Kyrie bis zum Gloria, vom Benedictus bis zum Sanctus zusammenmontiert. So gerne möchte sie eine schwarze sein. Sie bleibt aber nur ein schwächelnder Musikmix aus Gothic Rock, Bach, „It’s raining men“ und anderen herzigen Wiederaufsteh-Hymnen. Immerhin hat jetzt auch der Letzte den doppelten Sinn von Cole Porters swingender Erzengel-Evokation „Blow, Gabriel, blow“ verstanden.

Kein Dogma wird geschleift

Ein weiblicher Jesus mit Bart pafft Elektrozigarette, verputzt Evas sündigen Apfel, spricht gern schwyzerdütsch und verkündet in schlichtem Englisch: „Jesus ist back, put me on the Track.“ Da schwingt eine Frau in Wolfgang-Flatz-Tradition als Klöppel in einer Glocke, zwei andere prallen gegen Donnerbleche.

Vollends zum Nunsense auf Rollen wird es, wenn die nackten Sisters als Blader Act im schweinchenrosa Discolicht kreischend durch die Halfpipe rattern und surfen. Man kann es freilich als weibliches Katholizismus-Empowerment hindrehen, auch wenn hier kein Dogma geschleift und keine Ketten der Konvention gesprengt werden. Wenigstens bleiben uns Scheiße und Splatter-Grusel erspart.

Florentina Holzinger holzingert halt, nur diesmal in XXL, mit willig-polystilistisch klangauftrumpfendem Orchester und Damenchor unter der nimmermüden Leitung der eisern das lustvolle Durcheinander zusammenhaltenden Marin Strindlund. Weitere acht Tonfinder haben an diesem „Sancta“-Ungetüm geschraubt, auch acht Dramaturgen waren offenbar nötig. Ein irrer Aufwand für relativ wenig. Inquisition, Hexenverbrennung und Folter, selbst Flagellation und anderen Fetische, die sich die Kirche gern antut, auch echte Diskriminierung der Frauen – all das wurde vermutlich für ein weiteres Spektakel aufgespart.

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Dafür wird behauptet: „Erlösung ist Sexarbeit, als archetypisches Sinnbild sexueller Selbstbestimmung im Gegensatz zum gewaltsamen Zugriff auf weibliche Körper“. Halleluja! Doch hier gibt es keine Katharsis und keinen Skandal. Noch nicht mal einen intellektuellen Diskurs.

Nur einen inzwischen bekannten Bildereigen, in dem die immergleichen Motive kreiseln, die anstrengend obszön sein wollen, aber nur naiv, platt, überraschungslos sind. Da waren, lange ist es her, Reza Abdoh, die frühen Fura dels Baus, DV8 oder Annie Sprinkle echt andere Aufreger.

Und der Gipfel der Möchtegern-Blasphemie ist vermutlich schon erreicht, wenn die weibliche Bilderstürmerbrigade aus ihrer Nacktheit Waffen machend Machomeister Michelangelos Erschaffung Adams von der Sixtina-Decke schlägt – aber natürlich nur virtuell. Denn eigentlich ist die scheinheilige Sexplosion-Florentina ganz lieb. Die will nicht drastisch sein und nicht abrechnen. Die war noch nie wirklich radikal. Die will doch nur ohne Höserl spielen.

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