Tuesday, June 25, 2024

Russland: „So viel Geld wie nie“ – Kriegswirtschaft tritt in neue Phase – WELT

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Wenn Oleg Vjugin, ehemaliger Vizechef der russischen Zentralbank und einer der besten Kenner der russischen Wirtschaft, von den jüngsten Vorgängen an der Moskauer Börse erzählt, dann ist selbst er etwas verblüfft. Es sei nämlich nicht mehr so wie bis vor Kurzem, als nicht wenige Privatinvestoren „mit einer oder vielleicht fünf Millionen Dollar auf den heimischen Markt gekommen sind“, sagt Vjugin im Gespräch mit WELT. Er war jahrelang Aufsichtsratschef der Moskauer Börse. In jüngster Zeit sei es vielmehr so, dass zunehmend Privatinvestoren mit 100 Millionen Dollar oder mehr auftauchen. „Ein völlig neues Phänomen“.

Immer mehr Russen haben immer mehr Erwirtschaftetes und Erspartes auf der Seite. Und immer mehr von ihnen wissen im Moment nicht, wohin mit ihm. „Russlands Wirtschaft ist wie ein geschlossener Dampfkessel voller Geld“, sagt Vjugin.

Die Börse ist nur einer der Plätze, wo auf Teufel komm raus gekauft wird, was es eben zu kaufen gibt und wo Leute mit dem nötigen Know-How nicht unbedingt zuschlagen würden. Russlands Wirtschaft befindet sich in einer neuen Phase. Und auch sie ist von unerwarteten Phänomenen gekennzeichnet, wie es seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine die vorherigen Phasen waren.

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Das erste Kriegsjahr 2022 war überhaupt eine einzige Anomalie. Weil die Preise für Öl auf teils mehr als 120 Dollar je Barrel und auch für Gas extrem stiegen und weil der Westen seine Exporte nach Russland umgehend drosselte, erzielte Russland einen Leistungsbilanzüberschuss von 238 Milliarden Dollar. So viel war es nie zuvor, nur China hat weltweit einen höheren Überschuss.

Einmal abgesehen davon, dass dadurch auch der Rubel plötzlich immens erstarkte, schafften es die russischen Wirtschaftsfunktionäre und Privatunternehmer, den von vielen Seiten prophezeiten Totalabsturz der Wirtschaft abzuwenden. Sie beschränkten die Kontraktion des Bruttoinlandsproduktes auf 1,2 Prozent.

Gleichzeitig erreichte der Kapitalabfluss aus dem Land damals ein Rekordniveau von 217 Milliarden Dollar, wie die russische Zentralbank festhielt. Das Moskauer Zentrum für makroökonomische Analysen sprach gar von 243 Milliarden Dollar, was 13,5 Prozent des BIP entspräche, „ein anomales Volumen“.

Der russische Staat bringt viel Geld unters Volk

Aber schon im Laufe des Jahres 2023 änderte sich die Situation fundamental. Das westliche Embargo gegen den russischen Ölexport inklusive Preisdeckel von 60 Dollar je Barrel wurde wirksam. Und beides zeigte Wirkung. Der Leistungsbilanzüberschuss brach – auch wegen des gesteigerten Imports – auf 50 Milliarden Dollar ein. Und die Budgeteinnahmen aus dem Öl- und Gassektor gingen gegenüber 2022 um mehr als ein Fünftel zurück.

Was auf den ersten Blick wie ein Desaster für Russland aussieht, relativiert sich bei genauerem Hinsehen. Die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor waren nämlich nur gemessen zum anomalen Jahr 2022 niedrig, gegenüber dem Vorkriegsjahr 2021 fielen sie in Dollar gerechnet nur leicht und stiegen in Rubel gerechnet sogar an.

Und dass die Budgeteinnahmen insgesamt wuchsen, verdankt sich außerdem der Tatsache, dass sie im Unterschied zu vor zehn Jahren nicht mehr nur zu 50 Prozent, sondern zu 68 Prozent nicht dem Öl- und Gassektor kamen.

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Wirtschaftssanktionen

Setzte der Staat in früheren Jahren auf disziplinierte Sparsamkeit, so brachte er das Geld mit der Dauer des Krieges immer mehr unters Volk. Das starke Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent 2023 ist demnach nicht nur dem Basiseffekt aus 2022 geschuldet, sondern „aggressiven Militärausgaben und einem konsumgetriebenen Wachstum, das sich aus stark erhöhten Zahlungen an das Militärpersonal im Kriegsgebiet und ihre Familien sowie den erhöhten Renten und Sozialleistungen nährt“, wie es in einer Studie des Oxford Institute for Energy Studies heißt.

Die erweiterte Geldmenge stieg 2023 um weitere 8,5 Prozent an, nachdem sie 2022 schon um 20,1 Prozent hochgeschnellt war. Das geht aus den Daten der russischen Zentralbank hervor.

„In den russischen Regionen, von Irkutsk am Baikalsee bis ins nördliche Archangelsk nahe dem Polarkreis, erzählen mir alle, dass sie noch nie so viel Geld gesehen hätten“, erklärt Wladislaw Inosemzew, Direktor des Moskauer Zentrums zur Erforschung postindustrieller Gesellschaften, im Gespräch mit WELT.

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„Den Sieg sicherstellen“

Dass „Russlands Wirtschaft wie ein geschlossener Dampfkessel voller Geld ist“, habe insbesondere damit zu tun, dass der Kapitalabfluss aus dem Land kaum noch stattfinde, weil die EU die Konten für Russen geschlossen habe und Transaktionen aufgrund der Sanktionen generell schwieriger geworden seien, sagt Vjugin.

Ökonom Inosemzew erklärt: „Überweisungen in Offshore-Zonen funktionieren nicht mehr. Und aufgrund der Sperre der Kreditkarten flossen auch jene 60 Milliarden Dollar, die Russen jährlich im Urlaub und über E-Commerce in den Westen transferierten, nicht mehr raus“.

Während Geld nicht mehr abfloss, kommt spätestens seit 2023 zusätzliches herein. „Russische Unternehmen haben seit Kriegsbeginn etwa 50 Milliarden Dollar aus dem Westen zurück nach Russland gebracht, weil sie fürchteten, dass es ihnen im Westen weggenommen wird“, sagt Inosemzev.

Zahlungsverkehr mit Russland wegen Sanktionen gestoppt

Unter dem Strich sei der Kapitalabfluss 2023 gegenüber 2022 auf ein Sechstel eingebrochen, sagte Zentralbankchefin Elvira Nabiullina schon im Herbst.

Die Phänomene, die 2023 zutage traten, setzen sich im laufenden Jahr fort. Und sie verstärken sich. Dazu trägt auch bei, dass die USA am 22. Dezember 2023 mit einem Präsidentenerlass Banken aus den mit Russland befreundeten Staaten mit Sekundärsanktionen gedroht haben. Nämlich dann, wenn sie den Export von Gütern mit potenziell militärischer Verwendung nach Russland finanzieren oder die Beschränkungen bei Russlands Ölexport überschreiten helfen.

In den vergangenen Monaten haben immer mehr Banken etwa auch China, der Türkei oder den Vereinigten Arabischen Emiraten darauf reagiert und den Zahlungsverkehr speziell aus Russland heraus zum Stocken gebracht. „Blutgerinnsel haben sich in allen Hauptgefäßen gebildet“, sagte Russlands Ex-Finanzminister Michail Zadornov dazu.

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Das erschwert nun auch insgesamt den Import. Dabei war er zu einem gewissen Grad ein Ventil geworden, über das die Russen ihre Nachfrage wenigstens zum Teil befriedigt bekommen hatten. Im Inland nämlich hat das Produktionsangebot mit der Nachfrage nicht mithalten können, weil die inländische Produktion auf den militärischen Rüstungssektor konzentriert ist.

Die Diskrepanz zwischen Nachfrage und Produktionsausstoß wird auf 1,5 bis drei Prozent des BIP geschätzt. „Das alles hat schon 2023 zur Überhitzung geführt. Und die Überhitzung setzt sich 2024 fort“, sagt Ex-Zentralbankvize Vjugin.

Sie findet nicht nur dadurch Unterstützung, dass der Staat die Budgetausgaben für Landesverteidigung, die 2021 noch 3,6 Billionen Rubel betragen hatten, 2024 auf sagenhafte 10,8 Billionen (gut 110 Milliarden Euro) erhöht hat, was bereits 6,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht.

Mehr Autokredite bei Zinsen von 20 Prozent

Sie findet auch dadurch Unterstützung, dass die Russen, deren real verfügbare Einkommen nicht zuletzt wegen des Arbeitskräftemangels deutlich gestiegen sind, wieder mehr an die Stabilität glauben und recht bereitwillig auch Kredite, insbesondere Konsumkredite, aufnehmen.

Im ersten Quartal stieg etwa die Anzahl der Autokredite aufgrund des Nachfragestaus um 53 Prozent. Das ist erstaunlich, hat die Zentralbank den Leitzins doch bei hohen 16 Prozent belassen, um die Wirtschaft abzukühlen. Auch will sie damit die Inflation einfangen, die offiziell annualisiert gute acht Prozent, Vjugin zufolge aber bis zu 40 Prozent erreicht hat.

„Kreditzinsen von 20 Prozent schrecken die Menschen schon nicht mehr ab“, sagte Natalja Subarewitsch, Ökonomin der Moskauer Staatlichen Universität, dieser Tage in einem Interview. Und auch die Unternehmenskredite befinden sich im Aufwärtstrend, stimuliert von höheren Budgetausgaben und staatlicher Nachfrage. Der Geschäftsklimaindex der Zentralbank blieb im April nahe dem zwölfjährigen Maximum.

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„Ziemlich ungewöhnlich“ sei die jetzige Situation, in der ein starkes Wachstum der Ersparnisse mit Konsumaktivität einhergehe und der Arbeitskräftemangel das Produktionswachstum ernsthaft beschränke, sagte Zentralbank-Chefin Nabiullina im April.

Die inländische Verbraucher- und Investitionsnachfrage wird zum Haupttreiber der Wirtschaft, die 2024 laut Internationalem Währungsfonds abermals mit hohen 3,2 Prozent wachsen wird. Dabei ist Russlands langfristiges Potenzialwachstum – also das Wachstum bei einem normalen Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten – auf 1,5 Prozent beschränkt, wie die von der Zentralbank befragten Experten meinen. Vorerst also kocht der Dampfkessel weiter.

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