Tuesday, June 25, 2024

Deutschrap: Warum Ferris MC nie die Anerkennung bekam, die er verdient hätte

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Es ist früher Abend, die Sonne über Düsseldorf ist, wie immer, noch nicht ganz untergegangen und im Ratinger Hof kommt zusammen, was auf den allerersten Blick eigentlich nicht zusammengehört. Vor dem Club stehen Männer, die schwarze Kutten über den Bäuchen, Piercings in den Lippen und ein Dosenbier in den Händen tragen. Auf ihren Shirts stehen Dinge wie „Abriss, Anarchie, Krawall und Remmidemmi“ oder „666“ und an ihnen vorbei drängen sich ältere Hoodie-Träger mit alterskonformer Baggy-Jeans-Anpassung und einem Joint in der Hand. Der Geruch von Gras wabert über allem. Newschool-Punkrock meets Oldscool-Deutschrap. Für das, was er seine Zeitreise nennt, hat sich Ferris MC an diesem frühsommerlichen Samstagabend einen ziemlich speziellen Ort ausgewählt.

Der Ratinger Hof in der Düsseldorfer Altstadt, in dem er gleich auftreten wird, ist zumindest aus popkultureller Perspektive mindestens ebenso geschichtsschwer, wie Ferris MC es selbst ist. Nur irgendwie anders. Der Ratinger Hof ist so etwas wie die Keimzelle der deutschen Punkbewegung und Ferris MC, nun ja, er ist so etwas, wie die Blaupause für den modernen Deutschrap gewesen. Das spricht nur keiner aus und weil niemand so wirklich würdigt, welche Pionier-Leistung Ferris MC für den deutschen Hip-Hop erbracht hat, hat Ferris MC nun auch keine Lust mehr auf den deutschen HipHop und macht in Zukunft lieber Punk. Das ist natürlich eine ziemliche Vereinfachung.

Aber die Sache ist die: Ferris MC hat wirklich keinen Bock mehr auf Ferris MC. Es ist nicht das erste Mal, dass das passiert. Bereits zwei Mal hat er Deutschrap den Rücken gekehrt. Beim ersten Mal war es eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Ferris MC, der gemeinsam mit FlowinImmo in den frühen 1990er-Jahren das drogeninduzierte rapradikale Anarcho-Projekt „Freaks Association Bremen“ gründete, gehörte mit zu den Pionieren der Deutschrap-Szene, sie waren die radikalsten Vertreter, der sogenannten Klasse von 95, Künstler, unterschiedlichster Herkunft, denen die Fachpresse beschied, die Zukunft des Genres zu sein.

FAB löste sich bald aber auf und Ferris MC bekam einen Major-Deal und veröffentlichte mit „Asimetrie“ 1999 eines der radikalsten Alben, die zu dieser Zeit im Deutschrap-Mainstream veröffentlicht wurden. Mit der nicht ganz so radikalen Single „Reimemonster“ gelang ihm gemeinsam mit Afrob dazu zeitgleich auch noch ein veritabler Hit, der bis heute zu den Klassikern des Genres zählt. Spätestens jetzt rechnete man fest damit, das Ferris MC das ganz große nächste Ding werden würde. Für das Folgealbum „Fertich!“ (2001) drehte er zu der Leadsingle „Flash For Ferris MC“ ein Musikvideo, dass alles an Budget sprengte, was man zu dieser Zeit an Musikvideo-Budgets sprengen konnte. Der Song sollte unbedingt ein Über-Hit werden.

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Aber es kam anders. Denn es kam der 11. September 2001. Das Video war fertig, aber VIVA und MTV spielten das teuer produzierte Weltraumabenteuer nicht. Es war nicht die Zeit für solche Art von Videos, man wollte lieber ruhige, bedenkliche Musik im Programm. Die Single ging komplett unter. Noch Ewigkeiten später stand er bei seiner Plattenfirma in der Kreide, weil er das Geld für den superteuren Video-Flop nicht wieder eingespielt hatte. Zwei Alben später war Ferris MC dann bei VIVA zu Gast, er sollte seine neue Single performen, der Sound funktionierte aber nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte, also bekam er einen Wutanfall, blöderweise war die Sendung live und der Ausschnitt wurde Musikfernsehgeschichte. VIVA hatte von diesem Moment an kein Bock mehr auf Ferris. Seine Videos kamen jetzt überhaupt nicht mehr in die Rotation. Seine Karriere, das wusste er, war vorbei, 2004 zog er die Konsequenz und kehrte Deutschrap den Rücken.

Geile linksradikale Scheiße für den Kryptokapitalisten-Punk

Ferris MC stieg auf Elektro um, arbeitete als DJ, wurde schließlich von Deichkind angefragt, ob er dort nicht Teil der Gruppe werden wollte. Das passte ganz gut zu dem freakigen Anarcho-Crossover-Image von Ferris. Mit Deichkind verkaufte er Hunderttausende von CDs. Da war er, der ganz große Erfolg. 2015 packte es ihn aber erneut und er belebte seine Solokarriere wieder. Von diesem Zeitpunkt war Ferris ein Suchender. Auf dem Album „Glück ohne Scherben“ machte er mal klassischen Deutschrap alter Schule, dann experimentierte er mit Rock, dann wieder mit Elektroeinflüssen. Ein Jahr später fühlte er sich wegen eines verbalen Kleinkrieges mit Kollegah und Farid Bang berufen, den beiden noch einmal ein klassisches Battlerap-Album zu widmen.

Aber wohl fühlte er sich damit nicht. Er beschloss, Deutschrap erneut den Rücken zu kehren, machte zunächst ein Gitarrenalbum mit der Alternative-Rockband Madsen und landete schließlich bei „Missglückte Welt“, dem Label von Swiss & die Andern, die selber aus dem Dunstkreis Deutschrap stammen, jetzt aber astreinen Punkrock machen. Der „Missglückte Welt“-Kosmos steht musikalisch für genau die geile linksradikale Scheiße, die sich der melodieverwöhnte, aber trotzdem vom Mainstream abgrenzen wollende Kryptokapitalisten-Punk gerne auch öffentlich reinzieht. Ferris hat seinen neuen Style gefunden. Und er passt erstaunlich gut.

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Hier hat er sich musikalisch gefunden, nachdem er sich zuvor im Jugendwahn des Deutschrap ein Stück weit verloren hatte. Kein Wunder, dass er lange irrlichterte. Ferris hat nie die Anerkennung bekommen, die ihm eigentlich zusteht, aber auch das sollte nicht überraschen. Im Gegensatz zur Rockkultur gilt im HipHop das Prinzip des Vatermordes, man stellt sich nicht on the shoulders of giants, sondern zieht die Giganten lieber runter, was zur Folge hat, dass es nur wenige Oldschool-Legenden gibt, die von einer breiten Masse, als solche auch anerkannt werden.

Ferris ist einer der First-Generation-Deutschrap-Pioniere, dem ein solcher Status ohne Wenn und Aber zugesprochen gehört. Alleine schon die Aufzählung dessen, was er vorweggenommen hat, ist beachtlich. Ferris hat noch lange vor dem Siegeszug von Aggro Berlin die Topografie der sozialen Unterschicht als zentralen autobiografischen Ankerpunkt seines Werkes kultiviert. Er gab den Ausgeschlossenen, den Abgehängten, den Nerds eine Stimme, und das in einer Szene, die bis zu diesem Zeitpunkt noch in Form, Ästhetik und Ausdrucksweise vom gutbürgerlichen Gestus deutscher Mittelstandskids geprägt war. Ferris war der Erste, der die Ästhetisierung der eigenen Kapputtheit so sehr vorantrieb, dass sie sich nicht nur in der musikalischen Form, sondern auch in seinem allgemeinen Lebensstil manifestiert hat.

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Sein zweites Album hieß ziemlich folgerichtig „Fertich!“ und war nicht bloße eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung von Deutschland im neu anbrechenden Jahrtausend, sondern auch eine akkurate innere, wie äußere Formbeschreibung. Der Zuschauerstellung und künstlerischen Ästhetisierung des eigenen, zumeist drogeninduzierten Verfalls, war Ferris mindestens 20 Jahre voraus, das, was man bloß in der Rockszene kannte, transponierte er auf den deutschen HipHop. Wer sich heute etwa einen supererfolgreichen T-Low anschaut, der wird in dem gesamtästhetischen Konzept einfach eine junge Inkarnation des alten Ferris finden. Man könnte diese Aufzählung ewig fortsetzen.

Ferris war der Erste, der eine massenkompatible Form von Crossover im deutschen Rap etablierte. Ferris war der Erste, der das frühe, noch sehr hermetische Deutschrap-Beat- und -Soundgerüst mit Elektronika vermengte, Ferris war der erste (auch nur halbwegs bekannte) Deutschrapper, der Horrorcore machte, also das Prinzip des Splatterfilms auf seine Lyrik übertrug. Ferris MC war in seiner Kunst für vieles, was später folgen sollte, eine Blaupause. Dass er bis heute dafür nicht ausreichend gewürdigt wird, ist eine Schande. Entsprechend ist es nachvollziehbar, dass er der Szene jetzt den Rücken kehrt.

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Die Tour, so beschreibt es Ferris, war ein langes, sich über mehrere Wochen ziehendes Dankeschön gewesen. Aber als manifestes Abschiedsgeschenk legt er heute noch sein (vorerst) letztes Deutschrap-Album vor, es heißt „Mortal Comeback“ und ist in seiner Gesamtform weniger ein Vermächtnis, als vielmehr Status-Update, eines Mannes, der einer ganzen Szene bereits unzählige Male etwas vor-gemacht hat, aber noch immer mehr als genug zu sagen behält. Das Album zeigt das Potenzial, dass Ferris als MC noch hat, aber vorerst nicht weiter ausschöpfen will.

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So ganz muss man sich aber noch nicht mit dem endgültigen Ende des MCs abfinden, sein damaliges Abschiedsalbum trug den Titel „Wahrscheinlich nie wieder vielleicht“ und war somit Ausdruck einer ewigen Unentschlossenheit, die letztlich das stilbildende Merkmal seiner Kunst wurde. Wahrscheinlich nie wieder Ferris MC. Vielleicht ja aber auch doch irgendwann mal wieder.

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