Sunday, June 16, 2024

„Eric“ mit Benedict Cumberbatch auf Netflix: Die bösen Muppets der Seele

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Serien wie diese gibt es gefühlt im Dutzend: Ein Kind verschwindet, die Ermittlung beginnt. Ein Polizist und die Eltern begegnen sich. Der Polizist hat eine Vorgeschichte, die Eltern streiten und entzweien sich, und ab Folge zwei wird alle 50 Minuten ein neuer Verdächtiger präsentiert.

War es der Nachbar? Der Onkel, so es einen gibt? Oder laboriert der Polizist an einem anderen ungelösten Fall, der mit dem Verschwinden des Kindes in Zusammenhang steht? Ist womöglich die Mafia im Spiel, und wenn schon nicht die Mafia, dann wenigstens ein korrupter Bauunternehmer? Originalität ist prima – zur allabendlichen Unterhaltung notwendig ist sie nicht. Tatsächlich kann sie nach einem langen Tag sogar ein wenig stören; man kann zu müde für ein mit allen Konventionen brechendes Meisterwerk sein.

Die neue Netflix-Serie „Eric“ ist keins; die Britin Abi Morgan („The Hours“) hat ein im Großen und Ganzen konventionelles Drehbuch geschrieben: Der elfjährige Edgar Anderson (Ivan Morris Howe) verschwindet auf dem Weg zur Schule und die Ermittlung beginnt. Detective Ledroit (McKinley Belcher III) begegnet Edgars Eltern, und die streiten und entzweien sich. Der nette alte Hausmeister (Peter Clarke aus „The Wire“) aber kann es eigentlich nicht gewesen sein. Spielt der Nachtclub „Lux“ eine Rolle, der auf Edgars Schulweg liegt? Spielt es eine Rolle, dass Detective Ledroit homosexuell und dies das New York der Achtzigerjahre ist – das New York der Graffiti-Tags an jedem Laternenmast, der Obdachlosen und der Schwulenbars? (Ein New York übrigens, das in „Eric“ ziemlich lebendig wird.)

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Doch „Eric“ hat noch etwas anderes, nämlich einen Weltstar zu bieten, der nicht so ohne Weiteres in einem Standard-Krimi spielt, und Abi Morgan hat Benedict Cumberbatch die Rolle von Edgars Vater Vincent auf den Leib geschrieben. Seine Bildschirmzeit mag nicht länger als die des Ermittlers sein, aber „Eric“ ist ganz Cumberbatchs Show: Mit Kassenbrille und Strubbelbart, verwaschenen T-Shirts und Turnschuhen, wie man damals noch sagte, spielt er einen Typen, der ein bisschen Jim Henson ist (der Erfinder der Muppets-Show) und ein bisschen auch Charles Dickens’ Ebenezer Scrooge (ein Typ, der den Leuten gewohnheitsmäßig das Leben versaut).

Ein großes, blau-weißes Wagnis

„Good Day Sunshine“ heißt die Kindersendung, die der Puppenspieler Vincent erfunden hat, was in schönstem Gegensatz zu seinem Wesen steht: Er sei ein „blöder alter Miesepeter“, sagt seine Frau Cassie (Gaby Hoffmann), nachdem ein abfälliger, alles und jedes verachtender Vincent den kleinen Sohn schon wieder missachtet hat: Der Junge hatte ihm von einer Puppe, die er sich ausgedacht hat, erzählen wollen, aber den Vater interessiert nur die eigene Show (in der er sich auch jedes Mal danebenbenimmt).

Auch er ist ein Idealist: McKinley Belcher III als Detective Ledroit

Auch er ist ein Idealist: McKinley Belcher III als Detective Ledroit
Quelle: ©2023 Netflix, Inc./Ludovic Robert

Tatsächlich ist dieser Vincent (selbst traumatisierter Bauunterunternehmersohn) ein zum Zyniker mutierter Idealist. „Jeder denkt daran, die Welt zu verändern, aber niemand denkt daran, sich selbst zu verändern“, heißt es bei Tolstoi, und das ist der Serie so wichtig, dass sie es gleich zweimal zitiert. Und nicht mal der viele Wodka und das gelegentliche Koks hindern Cumberbatchs Vincent daran, dann doch noch bei sich selber anzufangen: Kaum ist der Sohn verschwunden, beginnt er, die vom Sohn gezeichnete Puppe zu entwerfen, und das ist Eric, das große, blau-weiße, haarige Monster, das der Serie ihren Titel gibt – und ihr eigentliches, mit den Konventionen des Krimis brechendes Wagnis ist.

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Denn „Eric“, die Serie, belässt es nicht dabei, Eric, die Puppe, zu bauen – sie erklärt sie vielmehr zu einem in der Not abgespaltenen Teil von Vincents Persönlichkeit, die wie ein unsichtbarer Freund (und manchmal wie ein unsichtbarer Feind) durch die Kulissen tappst, so als spiele das alles gar nicht im heruntergerockten New York, sondern in der Sesamstraße.

Der Effekt ist interessant, allerdings setzen die Serienmacher ihn so sparsam ein, dass man den Verdacht haben könnte, sie würden mit ihrer eigenen Idee fremdeln. Und so bleibt „Eric“, die Serie, ein sehr solider Krimi, der außerdem ein Gimmick zu bieten hat. Sollte es aber dieses Gimmick gebraucht haben, um Benedict Cumberbatch an Bord zu holen, dann hat sich das Wagnis gelohnt. Dem nämlich sieht man so gern zu wie immer.

„Eric“ ist ab dem 30. Mai 2024 auf Netflix zu sehen.

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