Tuesday, June 25, 2024

Doku „Kulissen der Macht“: Geheime Zeugen im Situation Room

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Im August 2012 wurde Barack Obama gefragt, was zu einem militärischen Eingreifen der USA im syrischen Bürgerkrieg führen könnte. Der US-Präsident definierte eine „rote Linie“: falls das Assad-Regime chemische Waffen benutzen würde. Ein paar Monate später häuften sich Berichte über Chemiewaffenangriffe auf von der Opposition gehaltene Städte, und die Welt wartete auf die angekündigte US-Reaktion.

Sie kam nicht. Eine überzeugende Erklärung dafür ebenso wenig. Das Oval Office, wo darüber diskutiert wurde, ist ein schwarzes Informationsloch. Was dort besprochen wird, dringt nicht nach draußen, so wenig wie aus anderen Zentren der Macht – sofern nicht gerade die National Security Agency vom Dach der US-Botschaft die Freunde im 300 Meter entfernten Bundeskanzleramt ausspioniert.

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Die Korridore der Macht bleiben der Öffentlichkeit verschlossen – bis ein besonders Hartnäckiger Jahre seines Lebens daransetzt, sie ein paar Spalt weit zu öffnen. Dror Moreh war zunächst Soldat in der israelischen Luftwaffe, wurde dann Kameramann und Regisseur. Sein Film „The Gatekeepers“ über sechs Chefs des extrem medienscheuen israelischen Inlandsgeheimdiensts Schin Bet wurde 2013 für den Oscar nominiert.

Für seinen neuen Film „Kulissen der Macht“ hatte er sich ein noch ehrgeizigeres Ziel gesetzt: die Debatten im Oval Office transparent zu machen, aus dem seit Richard Nixons geheimen Tonbandaufnahmen nichts mehr gedrungen war.

Hunderttausende Fotos, 60 Insider

Dror Moreh hat keine Überwachungskameras und versteckte Mikrofone installiert. Zunächst stieß er auf einen Schatz, von dessen Existenz nur wenige wissen: Der amerikanische Präsident wird – auch im Weißen Haus – stets von zwei, drei offiziellen Fotografen begleitet, die selbst in den geheimsten Sitzungen Aufnahmen machen. Deren Fotos sind zugänglich. Für seinen vorigen Film „The Human Factor“ über amerikanische Vermittlungsbemühungen in Nahost forderte Moreh Fotos von zehn wichtigen Tagen im Weißen Haus an – und erhielt 36.000 Aufnahmen.

Diesmal erhielt er Hunderttausende – denn seine selbstgesetzte Aufgabe war noch umfassender: herauszufinden, warum die USA bei den meisten Völkermorden (oder Massakern) der vergangenen 30 Jahre nicht gehandelt haben. Nur zur so leicht verdrängten Erinnerung: Bosnien und Srebenica, Ruanda und Somalia, Libyen und Syrien – und fast nie haben die USA eingegriffen, obwohl sie der einzige „Weltpolizist“ waren, der das hätte tun können. Sie haben im Übrigen – damit beginnt Moreh – auch die Bahnlinien nach Auschwitz und das Lager selbst nicht bombardiert, obwohl sie seit 1943 wussten, was dort geschah.

Vergangenheitsbewältigung: Madeleine Albright in „Kulissen der Macht“

Vergangenheitsbewältigung: Madeleine Albright in „Kulissen der Macht“
Quelle: FilmsThatMatter

Der Imperativ des „Nie wieder!“, der daraus erwuchs, ist seit Weltkriegsende so oft beschworen wie gebrochen worden – und auch am Wegsehen hat sich kaum etwas geändert. Moreh hat die Besprechungen im Weißen Haus so weit wie möglich rekonstruiert – nicht wörtlich, sondern die Konfliktlinien, die Positionen. Und das mittels Interviews mit Leuten, die in den Entscheidungsräumen anwesend waren, eine beinahe unfassbar illustre Liste: Madeleine Albright, James Baker und Hillary Clinton (Außenminister in den Regierungen Bush, Clinton und Obama), Sandy Berger, Anthony Blinken, Ben Rhodes, Anthony Lake und Denis McDonough (Sicherheitsberater), diverse Verteidigungsminister, Botschafter und sonstige Berater – insgesamt 60 Insider aus dem Weißen Haus, die sonst gar nicht oder nur selten reden.

Unterwegs in den Bildern

Bei Moreh jedoch reden sie. Vielleicht liegt es daran, dass er einen guten Namen als Dokumentarfilmer hat. So gut belesen ist, dass er sich nicht mit Phrasen abfertigen lässt. Vor allem jedoch hat man den Eindruck, dass sie reden wollen. Albright vier Stunden, Powell drei Stunden, erzählt Moreh im Interview. Das, was sie damals (nicht) getan haben, liegt auf ihren Gewissen, denn es ist inzwischen genug Zeit vergangen, um die Konsequenzen ihres (Nicht-)Handelns erkennen zu können. Selten hat man bei Politikern so viel Selbstkritik gehört. Einige gestehen, unter Albträumen zu leiden.

Fotos begehbar machen: Szenenbild aus „Kulissen der Macht“

Fotos begehbar machen: Szenenbild aus „Kulissen der Macht“
Quelle: FilmsThatMatter

„Kulissen der Macht“ enthält einige schockierende historische Aufnahmen von Massakern, besteht aber im Wesentlichen aus Interviews. Nein, nicht die üblichen redenden Köpfe. Morehs Film stellt eine neue Qualität des Dokumentarfilms dar. Er hat die Fotos aus dem Weißen Haus durch ein 3D-Programm in einem Studio in Frankreich gejagt und kann nun in den Bildern „herumfahren“, als sei er mit einer Kamera im Raum gewesen. Das ist die beste aller Welten, weil sie Bewegung und die Vorteile von Standfotos kombiniert, die – wenn es gute Fotos sind – viel mehr über Personen und die Atmosphäre aussagen als ein Video.

Das Projekt „Kulissen der Macht“, gedreht von 2014 bis 2017, entstand zu einem nahezu idealen Zeitpunkt. Einige Interviewpartner (Albright, Powell, Kissinger) sind inzwischen verstorben und verteidigen hier ihre Lebensleistung. Die Mitglieder der Clinton-Administration waren gerade erst aus dem Amt geschieden, ihr Narrativ hatte sich noch nicht verfestigt, sie waren damit beschäftigt, ihr Handeln auf den Prüfstand zu stellen.

Die beste Interviewpartnerin, die Moreh zu seiner zentralen Figur macht, ist Samantha Power, Obamas UN-Botschafterin, die in Bosnien den Völkermord miterlebt hat und seitdem immer wieder für Eingreifen plädierte, meist vergeblich. Sie hat ein Buch geschrieben, „The Education of an Idealist“, und diesen schmerzhaften Desillusionierungsprozess hat auch Moreh mitgemacht, im Zug seiner Gespräche für diesen Film.

Man versteht die Welt ein wenig besser

So ist Morehs Film dreierlei: eine Langzeitbeobachtung der Entscheidungsfindung einer Großmacht, ein vorläufiges Urteil über historische Vorgänge – und ein Ansatz zur Wiederherstellung von Vertrauen in politische Prozesse, deren Intransparenz eine Hauptursache für die grassierenden Verschwörungstheorien ist.

Moreh kann nicht den gesamten Prozess erfassen, manche militärische und strategischen Faktoren kommen wahrscheinlich zu kurz, wie auch die tatsächlich stattgefundene Invasion des Irak nur am Rande erwähnt wird, die allerdings wenig mit einem Völkermord zu tun hatte und nicht recht in das Raster passte. Nach „Kulissen der Macht“ versteht man die Welt ein klein wenig besser und versteht vor allem, warum wir die Fehler, von denen wir uns so fest vorgenommen hatten, sie nicht zu wiederholen, immer wieder machen.

Bleibt die naheliegende Frage nach „Gaza“. Die Vorgänge dort, wendet Moreh ein, seien zu aktuell, um Eingang in „Kulissen der Macht“ zu finden, kein Beteiligter dürfte momentan ein ausgewogenes Urteil abgeben: „Aber, sagen wir im Jahr 2030, da könnte man durchaus Rückschau halten, warum Amerika sich so verhält, wie es sich verhält.“

Ab 30. Mai 2024 im Kino

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