Saturday, June 22, 2024

„Polizeiruf“ München: Kommissarin mit Potenzial zur Kultfigur

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Vielleicht sollten wir alle mehr Flaubert lesen. Nicht weil der gesagt hat, die Presse sei „eine Schule der Verdummung, weil sie vom Denken entbindet“. Das wollen wir jetzt natürlich nicht glauben. Unbedingt glauben will man allerdings einem anderen Flaubertschen Aphorismus. Dass es das Wahre nicht gibt, hat er mal geschrieben, „sondern nur verschiedene Arten des Sehens“.

Womit wir jetzt bei Alexander Adolph sind und der Frage, warum zum Teufel wir den geneigten Lesenden unserer kleinen Sonntagabendkrimi-Kolumne mit Flaubert foltern. Weil es Alexander Adolph so gewollt hat. Der hat „Funkensommer“ geschrieben und inszeniert.

Das ist der zweite Fall für Johanna Wokalek als Münchner „Polizeiruf“-Kommissarin Cris Blohm. Und der letzte Sonntagabendkrimi vor der zumindest gefühlt längsten Sommerpause der Sonntagabendkrimigeschichte. Und da liegt halt dieser Flaubert herum. „Ein schlichtes Herz“ heißt der Roman. Valentina hat ihn gelesen. Die ist jetzt tot. Verbrannt im Verwaltungsgebäude einer Münchner Autovermietung, das seit Jahren leer steht. Da hätte sie eigentlich nicht sein sollen, die illegale Putzfachkraft aus Kolumbien.

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So wird der „Polizeiruf“ aus München

Ein schlichter Fall. Man hätte mühelos einen Freitagvorabendkrimi draus machen können. Soko München. Durchschnittlich dekadente Münchner Familienbande will kostbare Immobilie heiß entsorgen. Geht schief. Am Ende sind drei Menschen tot.

Den Flaubert hätte da natürlich niemand hingelegt. Da wäre keine Zeit für gewesen. Fürs vermeintlich Wahre vielleicht schon. Für die verschiedenen Arten des Sehens aber nicht, mit denen Adolph in „Funkensommer“ spielt, mit den verschiedenen Arten unseres Sehens und all jener, die Adolph durch die rauchenden Trümmer dieses allzu offensichtlichen Falls eines schiefgegangenen versuchten Versicherungsbetrugs schickt.

„Funkensommer“ muss man sich als Einladung zum Metaphernwalderfinden vorstellen (weswegen wir uns an dieser Stelle schon mal für alle folgenden, möglicherweise schiefen Feuervergleiche und Brandbilder entschuldigen wollen). Man hat viel Zeit über alles nachzudenken, was Alexander Adolph neben Flaubert noch so alles beiläufig in seinem Plot aufleuchten lässt wie Funken im Dunkeln.

Ein Erwartung eines Feuerwerks: Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Hanno Senoner (Golo Euler)

Ein Erwartung eines Feuerwerks: Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Hanno Senoner (Golo Euler)
Quelle: Alexander Fischerkoesen/BR/AI/Sappralot Productions GmbH

In jenem Dunkeln vielleicht, in dem der Bayerische Rundfunk Otto Ikwuakwu (Bless Amada), ihren herrlich schrägen, schwarzen, schwulen Kollege aus Cris Blohms ziemlich schiefgegangenem Wokeness-Satire-Debüt „Little Boxes“ hat verschwinden lassen. In „Little Boxes“ war man schon fast geneigt, Johanna Wokalek ein wenig zu bedauern. Weil man nicht schlau wurde aus dieser Figur.

Und besorgt war um den Münchner „Polizeiruf“, dieses ganz besondere Laboratorium für die Herstellung besonderer Polizeirufe, in denen Matthias Brandt als Hanns von Meuffels mit sich selbst und dem Wahren tanzen und Verena Altenberger als ermittelnde Empathiewärmestube das kalte München zum Leuchten bringen durfte.

Das mit dem Bedauern nehmen wir hiermit natürlich zurück. Cris Blohm, die praktische Frisuren bevorzugt und Funktionswäsche und Flanellhemden trägt, als wäre ihr ständig kalt, ist das vielleicht faszinierendste Figurenkonstrukt, das in den vergangenen Jahren aus dem Dickicht klischierter Sonntagabendkommissargestalten aufgetaucht ist.

Die Kunst des Sehens

Cris Blohm ist eine beinahe vorgeschichtslose Frau. Sie schleppt (bisher noch) keine Biografie mit sich herum. Sie hat keine Familie. Sie ist einfach da, sie wird – das Münchner „Polizeiruf“-Kommissariat ist ein durchaus konservatives – von den Männern nicht ernstgenommen. Der Taxifahrer ignoriert auf der Hinfahrt zum Tatort ihren Wunsch, die elende Mucke, die er hört, doch leiser zu machen. Der Brandermittler Senoner, auf den sie trifft, redet nicht mit ihr. Dann fällt sie zu Erheiterung aller Anwesenden rücklings in den Ofen, von dem das Desaster ausging.

Sie schaut, die Kunst des Sehens hat sie zu höchster Perfektion getrieben. Kaum jemand schaut man beim Sehen so gern zu wie Johanna Wokalek. Und beim Denken. Dabei, wie sie all die Funken sprühenden Sätze vorkaut, die sie ganz beiläufig auf ihre Umwelt loslässt, manchmal vor ihnen ausspuckt. Man hat ein bisschen Angst davor, mit ihr – was in „Funkensommer“ ein paar Mal geschieht – Aufzug zu fahren. Man weiß nicht, wie man aus dem Lift wieder herauskommt.

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Verliebt wie der Brandschutzermittler, den die Männer um ihn herum nicht leiden können, weil er in einem Feuerwehrkalender nackt posierte und einem schon deswegen unheimlich ist, weil ihn der abgründige Golo Euler spielt. Oder verschreckt wie die geschäftsführende Staatsanwältin – ein Wesen aus den Tiefen der Klischeekiste für korrupte Staatsdiener, die man Otto Ikwuakwu so schnell wie möglich hinterherschicken möchte, und der Cris Blohm in ihrer explosiven Unbestechlichkeit schon zwischen zwei Stockwerken fürchterlich unheimlich wird.

Glimmt lange nach, dieser „Funkensommer“. Lässt keinen kalt. Muss reichen für elf Wochen. Und bevor wir jetzt die verdiente Eloge auf Stephan Zinner schreiben, der Cris Blohms ultrahocherhitzter, cooler Kollege Dennis Eden ist und jede Eloge verdient hat, und bevor uns jetzt noch zwei oder drei dämliche Feuerundflammenmetaphern einfallen, verabschieden wir uns bis Ende August in die Sonntagsabendkrimi-Sommerpause. Flaubert lesen könnte man. „Die Schule der Empfindsamkeit“ vielleicht. Könnte helfen, das Wahre an der hedonistischen Gegenwart besser zu sehen.

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