Monday, May 27, 2024

Vergesst Bayreuth: Warum Wagner-Fans jetzt unbedingt nach Dortmund müssen

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Jedem „Ring“-Anfang wohnt ein Zauber inne, jedem Schluss ebenso. Wie kann es aber sein, dass beim jüngsten Wagner-Großunternehmen in Dortmund nach drei Jahren mit „Rheingold“, dem eigentlichen Vorspiel, das wonnig-witzige Finale erreicht ist?

Ganz einfach, der Regisseur heißt Peter Konwitschny und bei ihm ist meist sowieso alles anders als erwartet. Und ganz ehrlich: Irgendwie hatte man ihn schon abgeschrieben: Regieguru aus der DDR, das schon, aber fast Achtzig, schien ziemlich ausgelaugt und Anhänger einer längst unmodisch gewordenen Ästhetik, außerdem war da was mit seinem Aggressionsproblem – in Nürnberg und anderswo war er mit Choristen und weiteren Theatermitarbeitern zusammengerumpelt, durfte nicht mehr fertig arbeiten und wurde suspendiert.

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Insofern war es schon mutig von Heribert Germeshausen, dem ehrgeizigen Intendanten der Oper Dortmund, Konwitschny für einen ganzen „Ring des Nibelungen“ in den Pott einzuladen. Doch ist Konwitschny, der so tolle Wagner-Großtaten wie den „Parsifal“, „Tristan und Isolde“ und „Den „Fliegenden Holländer“ in München oder den „Tannhäuser“ in Dresden inszeniert hat und der in Bayreuth irgendwie übergangen worden war, der Opernwelt immer noch die Tetralogie schuldig. Hatte er bisher doch nur 2000 die „Götterdämmerung“ zum Abschluss des inzwischen verklärten Stuttgarter „Rings“ der vier Regisseure herausgebracht.

Wälsungen in Wohnküche

Die wird jetzt auch kommende Spielzeit als Wiederaufnahme und gleichzeitig finale Premiere in Dortmund hoffentlich noch einmal ihre intellektuelle Magie wie ihren frechen Witz verströmen. Doch die restlichen drei „Ring“-Teile gab es neu, in unorthodoxer Reihenfolge: 2022 kam „Die Walküre“ heraus, 2023 „Siegfried“, jetzt folgte das „Rheingold“. Immer stand dabei als sehr guter Musikgeist Generalmusikdirektor Gabriel Feltz am Pult der so kraftvoll wie farbenreich betörenden, stets dramatisch zupackenden Dortmunder Philharmoniker.

„Das Rheingold“ am Theater Dortmund

„Das Rheingold“ am Theater Dortmund
Quelle: Thomas M. Jauk

Und mehr noch: Konwitschny leuchtete, mit Klugheit, Gelassenheit und sehr viel Metierkunde alles aus. Alle drei Premieren waren und sind ein großer, auch überregional beifällig aufgenommener Erfolg. In einem reduzierten Bühnenbild von jeweils unterschiedlichen Designern: Erst Frank Philipp Schlössmann, der die Wälsungen in drei immer schicker werdende Wohnküchen steckte. Johannes Leiacker ließ den „Siegfried“ jeweils aus dem genormten, unaufgeregten Container entstehen. Und zum „Rheingold“ ist jetzt Jens Kilian an der Reihe.

Der zeigt erst mal gar nix: Im Zottel-Look von Anno 1876 sitzt der sich eindrücklich steigernde Joachim Goltz als Alberich an der Rampe und angelt sich eins im Graben, wo der Rheinstrom klanglich noch ein wenig stockt. Hinter dem roten Theatervorhang tauchen die Rheintöchter auf, auch sie offenbar Steinzeit-Kunstgewerblerinnen mit Fellschurz und grünen Wasserfrauhaaren. Man besteigt eine nebelumwaberte Leiter als Flussgrundersatz, der Hort ist ein goldenes Tuch, mit dem Alberich in den Bühnenhimmel gezogen wird: alles einfachste Mittel der Illusion.

Der Wolf von Walhall

Im Folgenden schlägt sich dann der Bogen von der Paläontologie bis zur Palliativstation namens Walhall. Der mit Mammutknochen statt Speer drohende Wotan (trotzdem voll Würde: Tommi Hakala) und die possierliche Fellhausschuhe tragende Fricka (stiehlt Wotan vokal die Butter vom Ehebrot: Ursula Hesse von den Steinen) sind ein Steinzeitpaar, das mit der übrigen Götter-Bagage in Jute wie Tipi wohnt und sich am selbstgeschnitzten Campingtisch mit Auerochsenhörnern zuprostet.

Alberich, der seinen roboterhaften Bruder Mime (groß: Fritz Steinbacher) quält, ist dank Gold und Ring zum Wolf von Walhall im Chefsessel zwischen Nibelheim-Wolkenkratzerschluchten aufgestiegen. Sein Tarnhelm ist ein Tablet, mit dem er dann freilich ganz altmodische Schattenspiele als Riesenwurm wie Kröte spielt.

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Das ist so altväterlich wie kiebig lustig. Peter Konwitschny macht theaterprall dem ollen Richard eine lange Nase und nimmt ihn gleichzeitig sehr ernst. Die Riesen (dunkelund toll: Denis Velev als Fasolt und Artyom Wasnetsov als Fafner) erscheinen zunächst als Monsterbeine in Siebenmeilengaloschen aus dem Schnürboden. Die nervig warnende Erda (rund: Melissa Zgouridi) schlurft herein als Obdachlose mit mindestens 20 Wotan-Bastarden, die mit dem Nornenwollknäuel schon mal probespielen oder unter Menetekeln gewickelt werden müssen.

Die Götter werden Greise

Freia (Irina Simmes) trägt ihre Jugendäpfel im Einkaufsnetz. Der Goldhort hat sich in eine Batterie Atombomben verwandelt. Walhall ist ein schwarzes Nichts, die jetzt zeitgenössisch gekleideten Götter beklatschen als senile Greise im Rollstuhl (ausgerechnet Freia liegt schon tot am Boden) ihre mit Regenbogenplakat („Falsch und feig ist, was dort oben sich freut!“) demonstrierenden Rheintöchter-Pflegerinnen. Und somit schließt sich das „Rheingold“.

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Im Dortmund ist jeder Tetralogie-Teil sein eigener „Ring“-Kosmos, eingebettet in Symposien sowie begleitende, zeitlich oder inhaltlich passende Opern. Eine wohltuend separierte, bescheiden-konzentrierte Erzählhaltung – gerade nach all den aktuell mehr oder weniger ratlosen, verquasten oder unterkomplexen Prestigedeutungen von Berlin bis Bayreuth, Brüssel bis London.

Man kann sich also schon mal den Mai 2025 vormerken, wenn der dann 80-jährige Peter Konwitschny seine 25 Jahre junge „Götterdämmerung“ noch einmal aufleben lässt und dieser Pott-„Ring“ sein vermutlich famoses Ende finden wird. Zum vierten Mal.

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