Monday, May 27, 2024

Stephan Wackwitz: „Mein Doktorvater war radikaler Atheist, doch im Grunde hat er immer über Gott geschrieben“

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In seinen essayistischen Erzählungen werden Figuren nicht erfunden, sondern erforscht.“ Das hat Stephan Wackwitz einmal über Sigmund Freud geschrieben, und man möchte es intuitiv auch für die Romane, Essay- und Reisebücher des 1952 in Stuttgart geborenen Schriftstellers behaupten. Denn die erforschen mit Vorliebe, was „lebensstilbildend“ (ein Wackwitz-Wort) auf uns wirkt. Der Lebensstil des Stephan Wackwitz bestand darin, im Brotberuf Goethe-Institute in Neu-Delhi, Tokio, Krakau, Bratislava, New York, Tiflis und Minsk geleitet zu haben.

Was dabei passierte, was andere Orte und Gesellschaften, fremde Ideen und bestimmte Lebensphasen mit einem anstellen, kann man in dem Bildungsroman nachlesen, den Wackwitz in diesem Frühjahr veröffentlicht hat: „Zauber der Rückkehr“ schildert zwischen den Zeilen eine ganze Sittengeschichte bundesdeutsch sozialisierter Geistesmenschen auf der Suche nach: Lockerheit, Coolness, mit etwas Angeberitalienisch vielleicht auch sprezzatura – der Fähigkeit, es leicht und anstrengungslos aussehen zu lassen. Warum das nur „abroad“ ging und welche Lektüren dabei geholfen haben, erläutert Wackwitz nachstehend mit eigenen Worten.

Hugh Walpole: Jeremy auf der Schule

Meine Mutter kommunizierte mit Büchergeschenken. Zum Beispiel, als sie mich (ich war zehn oder elf) mittels Felix Saltens „Bambi“ – eigentlich einem Buch über das Wiener Patriarchat – etwas über ihr Unglück als traditionelle Ehefrau und Mutter wissen ließ. Ich verstand diesen literarischen Kassiber zwar nicht wirklich, aber er erschütterte mich sehr. Und kurz bevor ich ins Internat kam, legte sie mir irgendwann Walpoles Jugendroman aufs Bett.

Er war eine Botschaft über die Schönheit der Welt, die ein 15-Jähriger verstand: Beschreibungen von Landschaften, Menschen und Interieurs, Ratschläge über Heimweh, Unglück und emotionale Resilienz, über moderne Kunst, Sport, zielgehemmte Queerness. Ein Brief über das Leben, das vor mir lag. „Und wenn Du Wolken siehst, silbernen Drachen gleich, die ihre Rachen aufsperren nach einem blutroten Sonnenball oder eine grüne Woge, die an einem schwarzen Felsen zerschellt, oder Wasser, das nach Regengüssen einen Hügel hinabläuft“ – dann denke ich an sie unter ihrem geschmiedeten Grabkreuz auf einem Waldfriedhof in Schwaben. Voll Dankbarkeit.

Walter Benjamin: Einbahnstraße

Als ich 19 war, konnte ich mich von dem weißen Suhrkamp-Band mit der verkehrszeichenroten Banderole wochenlang nicht trennen. Er gab mir den ersten Begriff davon, wie man schreiben können müsste: über abseitige Gegenstände, Träume, Intuitionen, Erinnerungen – ganz aus der Idiosynkrasie heraus, aber zugleich objektiviert durch Stil: personal essayism. „Was Benjamin sagte und schrieb, klang, als käme es aus dem Geheimnis. Seine Macht aber empfing es durch Evidenz“, hatte Adorno geschrieben. Mit diesem Buch erreichte mich damals ein Echo aus dem 16. Jahrhundert, aus den Seiten der „Essais“ Michel de Montaignes – und ein erster Vorklang der Bücher, die mein Leben bestimmen würden.

Joan Didion: Slouching towards Bethlehem

Dieses Buch, eines der wenigen wirklich vollkommenen in irgendeiner Sprache, begleitet mich, so lange ich denken kann, und viele seiner Sätze („The writer is, always, selling someone out“ / dt.: Der Schriftsteller verkauft immer jemanden anderen“) sind Mantras für mich geworden. Schon früh hat mich an Didions Essayismus begeistert und getröstet, dass man über Dinge wie Drive-in-Hochzeiten in Las Vegas, den Funktionär einer maoistischen Sekte oder verwirrte Hippie-Kinder an der Ecke von Haight- und Ashbury Street in San Francisco mit derselben Sorgfalt, Leidenschaft und Perfektion schreiben kann, wie Gustave Flaubert über die Revolution von 1848 geschrieben hat.

Und erst beim wievielten Wiederlesen habe ich über Didions Buch verstanden, warum der personal essay auf ein gewisses Maß an Selbstentblößung nicht verzichten kann: Er muss durch sie den Zugang zum Innenleben einer erfundenen Person ersetzen – wo fiktionale Schriftstellerinnen ja umstandslos eintreten und von dorther berichten dürfen. „Remember what it was to be me: that was always the point.“ („Denk daran, wie es war, ich zu sein: Das war immer der Punkt.“)

Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität

Mein Lebensbuch seit 1989. Es erlaubte mir damals endgültig, im Denken und Leben auf die Letztbegründungszwänge zu pfeifen, mit denen Protestantismus und Marxismus, die bösen Feen meiner Jugend, mich jahrzehntelang geängstigt hatten. Durch dieses philosophisch präzise und zugleich lustige, spannende, tröstliche Buch war mir mit 37 ein Weg in innere und äußere Freiheit aufgesprengt.

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Republican presidential candidate, Donald Trump, speaks during a campaign rally late Saturday, Nov. 5, 2016, in Denver. (AP Photo/David Zalubowski)

Richard Rorty

Nicht das Denken eröffnete ihn, sondern die Literatur, nicht Begriffswiderlegung, sondern Neubeschreibung. „You have to have the courage to act without certainty“ („Man muss den Mut haben, ohne Gewissheit zu handeln“), sagt Rortys „liberale Ironikerin“, und sie ist die für mich maßgebliche innere Stimme geblieben, bis heute.

Ein Blick ins Bücherregal von Stephan Wackwitz

Ein Blick ins Bücherregal von Stephan Wackwitz
Quelle: Stephan Wackwitz

Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre

Ob das eigentlich ein gutes Buch ist – es ist mir immer zweifelhaft geblieben. Arno Schmidt jedenfalls hielt „die übel zusammengeleimten Anekdoten des ‚Meister‘“ nicht dafür. Und Goethe selber sagte im Alter, er habe den Roman nur geschrieben für Mignon – den einen unvergesslichen Menschen unter all den banal-herzlosen Figuren und Maximen der Vernunftgeheimgesellschaft vom Turm, die Generationen für das Eigentliche gehalten hatten. „Behalte mich bei dir, Meister, es wird mir wohl tun und weh“, sagt Mignon, oder: „Ich bin gebildet genug zu lieben und zu trauern“. Sätze, die wirken, als öffne „jemand – bestimmt jemand, der nicht völlig nüchtern ist – meine Tür, blase auf einem Kornett drei oder vier oder fünf unzweifelhaft süße und virtuose Töne in den Raum, um wieder zu verschwinden“ (J. D. Salinger). Mignon zeigt uns seit 1795, dass die Fortschritte der Vernunft Rückschritte der Poesie bedeuten. Die Welt sähe trostloser aus, wenn Goethe uns nicht über sie berichtet hätte.

John Berger: Und unsere Gesichter, mein Herz, vergänglich wie Fotos

In den Sätzen dieses Schriftstellers begegnete mir, als ich 24 oder 25 war, etwas bis dahin Unerhörtes: Gedanken, die so körperlich waren wie eine Berührung, ein Lachen, ein Kuss. Übrigens zuerst im Kino: Von John ist das Drehbuch für Alain Tanners Film „Le Milieu du Monde“ mit Olimpia Carlisi und Philippe Leotard: mindblowing.

Erst viel später habe ich seine Bücher gelesen und ihn 1985 schließlich selbst kennengelernt – in dem französischen Bergdorf, wo er seit den 70er-Jahren wohnte, Bücher schrieb, Filme drehte, Heu machte, Motorrad fuhr, zeichnete, malte, mit Tom Waits, Salman Rushdie, Susan Sontag oder Tilda Swinton korrespondierte. Eine Zeitlang ist er für mich der wichtigste Mensch auf der Welt gewesen. Und die Radikalität seines literarischen Existenzialismus ist mir bis heute Vorbild und Maßstab.

Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur

Kaum je hat einer auf so wenigen Seiten so viel und so Wichtiges gesagt, ein deutscher Professor schon gar nicht. Schlaffer zeigt, dass die deutschsprachige Literatur zweimal, zur Zeit Goethes und zur Zeit Kafkas, auf das Niveau der großen Weltliteraturen der angelsächsischen, slawischen und romanisch-lateinamerikanischen Sphäre gekommen ist: Beide Male, indem sie an der Abbruchkante des unberechenbaren Vulkans entlanggewandert ist, den wir Religion nennen.

Im 18. Jahrhundert war es der Abgrund des deutschen Protestantismus, im 20. derjenige jüdischer Orthodoxie in Ostmitteleuropa. Wir Modernen, sagte Schlaffer, mögen die Religion hinter uns gelassen haben; aber nur solange die Intensität ihrer „widerrufenen Botschaften“ noch in uns lebendig ist, können wir Außerordentliches schreiben. Er hatte dieses Motiv aus den Untersuchungen des Kunsthistorikers Aby Warburg und dessen Schule entlehnt. Mein Doktorvater war ein radikaler Atheist; und doch hat er im Grunde immer über Gott geschrieben.

Czesław Miłosz: New and Collected Poems 1931–2001

Wenn ich auf die berühmte einsame Insel verbannt würde und dürfte nur ein Buch mitnehmen – wahrscheinlich wäre es dieses. Denn es enthält die ganze Welt. In diesen unvergleichlichen Gedichten erscheinen tatsächlich, wie Miłosz im Vorwort zu seiner Abhandlung „Traktat Poeticky“ schreibt: „Apfelbäume, ein Fluss, eine Straßenbiegung mit der Klarheit eines Blitzes im Sommer“. Und zugleich wird unendlich viel mehr sichtbar als diese Gegenstände: nämlich die geheime Metaphysik, die sie umgibt.

In Krakau, zu Beginn des Jahrhunderts, habe ich manchmal ein paar konventionelle Worte mit Miłosz gewechselt. Ich hatte das Gefühl, als sei Shakespeare im Raum; oder Walt Whitman. Die polnischen Nationalisten haben sich dann 2004 vor seiner Beerdigung im Skałka-Pantheon für alle Zeiten blamiert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jorge Luis Borges: Das Aleph

Weltmodelle wie „Das Aleph“, „Der Zahir“ oder „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ kann man in 20 Minuten durchlesen. Aber man wird den Rest des Lebens damit verbringen, über sie nachzudenken. Jede von Borges’ kurzen Erzählungen enthält einen Gedanken, der für immer zurückschaut, wenn man Blickkontakt mit ihm aufnimmt. In London habe ich zum ersten Mal Borges gelesen und seither nicht mehr damit aufhören können.

Und 2010, von New York aus, habe ich mich mit zwei Freunden – einer kam aus Bratislava, einer aus São Paulo – in Buenos Aires getroffen, und wir haben uns jedes Haus und jede Straßenencke angeschaut, wo Borges gelebt hat, und natürlich die Nationalbibliothek, deren Direktor er war. Aber wir haben nichts gesehen, was wir in in seiner Weltliteratur nicht genauer hätten finden können. Mit Ausnahme der Steaks und des Rotweins in den Bodegas von Buenos Aires vielleicht.

Hermann Lenz: Ein Fremdling

In diesem Buch über den Stuttgarter Killesberg, die 1950er-Jahre, die Einsamkeit, das Schreiben und Leben steckt heimlich ein zweites Buch. Lenz’ Selbstporträt als Eugen Rapp ist eine Variation auf die „Selbstbetrachtungen“ des stoischen Philosophen und römischen Kaisers Mark Aurel.

Es zeigt, wie jemand ganz autonom und für sich allein leben kann, im „Nebendraußen“ oder „inneren Bezirk“ aus Lektüre, Naturerlebnis, Liebe, Tagtraum und Eigensinn. In diesem inneren Studiolo sind Krieg, Unterdrückung, öffentliche Dummheit, Bosheit und Zerstörung jeder Art machtlos – egal ob Mitte des zweiten oder des 20. Jahrhunderts. Ein Buch, das mich glücklich macht, wann immer ich hineinsehe, seit Jahrzehnten.

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