Monday, May 27, 2024

Nordkorea: Wie Kims Cyberarmee den Westen bedroht

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Ein böse lächelndes Skelett, das seine krallenbewehrten Finger bedrohlich in die Höhe streckt, blickt den ahnungslosen Sony-Mitarbeiter an. „Wir sind in den Besitz all Ihrer internen Daten gelangt, einschließlich der strengsten Geheimnisse“, heißt es ominös. „Wenn Sie uns nicht gehorchen, werden wir Ihre Daten der Welt zeigen.“

Wir schreiben das Jahr 2014, und Sony ist soeben Opfer eines der massivsten und raffiniertesten Hacks geworden, die es bisher gab. „Nordkorea hat es damals geschafft, in eines der größten Softwareunternehmen der Welt einzudringen“, sagt Cyber-Sicherheitsexperte Dave Maasland zu WELT. „Das hat ihnen auf jeden Fall Selbstvertrauen gegeben.“

Der berühmt-berüchtigte Sony-Hack war aber nur ein Vorgeschmack auf die Aktivitäten der nordkoreanischen Cyber-Armee, die seither mit vielen weiteren berüchtigten, außergewöhnlich gut durchdachten Aktionen auf sich aufmerksam gemacht hat und von Experten als hoch entwickelt angesehen wird. Diese warnen auch davor, dass das Regime künftig die kritische Infrastruktur westlicher Länder stärker ins Visier nehmen könnte. Dass Kims Cyber-Armee dazu fähig ist, hat sie bereits bewiesen.

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Anschläge auf Infrastruktur

„Nordkorea ist in der Cyber-Domäne einzigartig und verfügt über Fähigkeiten, die das Land zu den besten der Welt zählen lassen“, so Maasland. „Angesichts ihrer Absichten und Fähigkeiten in den Bereichen Sabotage, Spionage und Cyberkriminalität stellen sie derzeit die vielleicht größte Bedrohung für bestimmte Sektoren dar, darunter auch den Finanzsektor.“

Die staatlichen Hacker sind bekannt als Lazarus-Gruppe, nach der biblischen Figur, die von den Toten auferstanden ist. Das Sinnbild für Widerstandsfähigkeit will man sein, so scheint es. Neben dem Sony-Hack, bei dem sensible Daten von Mitarbeitern, E-Mails mit Informationen über Prominente und unveröffentlichte Filme geleakt wurden, wird der Gruppe auch ein Angriff auf die Zentralbank von Bangladesch zugerechnet, bei dem beinah eine Milliarde Dollar verloren gegangen wäre.

Im Jahr 2017 sorgten die Hacker wieder weltweit für Aufsehen, als sie mit einer Schadsoftware namens Wannacry mehr als 300.000 Computer in rund 150 Ländern infizierten, eine bis dahin nie dagewesene Zahl. Auch in Kryptobörsen wurden gezielte nordkoreanische Angriffe registriert, bei denen Nutzern Millionen von Euro geraubt wurden.

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Wenn auch das Kim-Regime bereits Anfang der 1990er-Jahre als ein Relikt der Vergangenheit angesehen wurde, setzte es schon früh auf das Potenzial der digitalisierten Welt. „Wenn das Internet eine Waffe ist, sind Cyberangriffe wie Atombomben“, heißt es in einer Veröffentlichung des nordkoreanischen Militärs aus dem Jahr 2005. Der damalige Machthaber Kim Jong-il setzte sowohl auf Cyber- als auch Atomwaffen als Mittel asymmetrischer Kriegsführung.

Sein Sohn Kim Jong-un, der das Land seit Dezember 2011 regiert, hat diese Entwicklung weiter vorangetrieben. Die Cyber-Kriegsführung könne „Sanktionen durchbrechen“ und sei ein „Allzweckschwert, das dem nordkoreanischen Militär neben unseren Atomwaffen und Raketen eine unerbittliche Schlagkraft garantiert“, so Nordkoreas Machthaber.

Elite-Hacker gehören zur privilegierten Klasse

Bereits in der Grundschule werden in Nordkorea mathematisch begabte Kinder für die Cyber-Armee ausgewählt. „Sie werden dann im Umgang mit Computern unterrichtet“, so Martyn Williams, Experte für nordkoreanische Technologie, gegenüber dem BBC. Anschließend würden Programmierwettbewerbe auf Stadt-, Kreis- und Landesebene veranstaltet. „Auf diese Weise wählt man die Besten der Besten aus“, so Williams. „Diese gehen wiederum an spezialisierte Universitäten und militärische Hacking-Hochschulen.“

Da das Regime die Soldaten seiner Cyber-Armee von klein auf trainiert, verfüge man trotz vergleichsweise wenig Ressourcen über eine schlagkräftige Cybertruppe. „Nordkorea kann keine Angriffe in dem Ausmaß wie China und Russland durchführen, aber sie scheinen sehr zielgerichtet und diszipliniert zu sein. Sie nehmen sich ein bis zwei Jahre Zeit, um herauszufinden, wie etwas funktioniert, und schlagen dann auf eine Weise zu, die ihr Ziel völlig überrascht und überwältigt.“, so der Experte.

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Die Elite-Hacker gehören in Nordkorea zur privilegierten Klasse, die Zugang zu Luxusgütern, reichlich Nahrung, einem Auto und einer guten Wohnung in der Hauptstadt Pjöngjang hat – Dinge, die für den durchschnittlichen Bürger völlig unerreichbar sind. Einige sind auch vom Militärdienst befreit, der für Männer bis zu zehn und für Frauen sieben Jahre beträgt. Sie genießen damit Privilegien und nach nordkoreanischem Maßstab große Freiheiten.

Cybersecurity-Analysten glauben, dass der Angriff auf Sony einem übergeordneten Zweck diente. Man wollte der Welt zweigen, dass auch eins der größten Softwareunternehmen der Welt nicht sicher ist vor Nordkorea. „Es war ein geeignetes Ziel, um ihre Kompetenz zu demonstrieren“, sagt Marcus Carlauskas, ehemaliger US-Geheimdienstoffizier für Nordkorea. Eine Art Coming-out für die weitreichenden nordkoreanischen Cyberfähigkeiten also.

In den folgenden Jahren konzentrierte sich das Regime mehr und mehr auf Hacks, mit denen Geld verdient werden kann. Vor allem Kryptounternehmen, Börsen und schlecht gesicherte Wallets haben darunter zu leiden. Da solche Operationen im Verborgenen stattfinden, ist es schwer abzuschätzen, wie viel Geld das Kim-Regime damit verdient. Das liegt nicht nur daran, dass die Nordkoreaner nichts zugeben, sondern auch daran, dass betroffene Unternehmen oft lieber verschweigen, wie viel Schaden sie erlitten haben. Die Vereinten Nationen sprachen von erbeuteten Kryptowährungen im Wert von 2,75 Milliarden Euro im Zeitraum zwischen 2017 und 2023.

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Der Eindruck, Nordkoreas Cybersoldaten hätten sich nur auf den Finanzsektor eingeschossen, trügt allerdings, wie Experte Maasland betont: „Die Bedrohungen kommen von allen Seiten“, sagt der Analyst. Russland konzentriere sich seit Langem auf Sabotage, China sei eigentlich gut in Spionage und andere Cyber-Akteure konzentrierten sich auf finanziellen Gewinn. „Nordkorea konzentriert sich dagegen auf alle drei dieser Säulen und ist damit ein wirklich beeindruckender Gegner. Das ist ein Grund zur Besorgnis.“

Die großflächigen Angriffe mit der Geiselsoftware Wannacry, mit der Computer gesperrt und die Nutzer zur Zahlung von 275 Euro in Bitcoin aufgefordert wurden – ansonsten wurde die Löschung aller Daten angedroht – ist auch beispielhaft für Nordkoreas Fähigkeit, die kritische Infrastruktur anderer Länder anzugreifen. Das Land habe dank solcher Methoden auch die Fähigkeit, wichtige Sektoren wie die Verteidigungsindustrie oder Krankenhäuser anzugreifen, so Maasland. Auch müsse das Regime aufgrund seiner politisch isolierten Lage keinerlei Rücksicht wegen diplomatischer Verwerfungen nehmen.

So wurden etwa die Geräte des britischen Gesundheitsversorgers NHS mit der Wannacry-Software gekapert, weshalb Krankenhäuser teils lahmgelegt wurden und Operationen verschoben werden mussten. Der Angriff wurde nach wenigen Stunden gestoppt, richtete aber weltweit Schäden in Milliardenhöhe an. Cybersecurity-Experten sagten, sie hätten so etwas noch nie gesehen.

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Was die Sache noch beängstigender macht: So beeindruckend und ausgeklügelt die nordkoreanischen Cyber-Angriffe auch waren, für Pjöngjang scheinen sie nur eine Übung gewesen zu sein. So haben die U.S. Cybersecurity and Infrastructure Agency sowie südkoreanische Sicherheitsbehörden zuletzt etwa eine Zunahme von Ransomware-Angriffen auf Organisationen im Gesundheitswesen festgestellt.

Wenn Nordkorea seine Cyber-Armee in Zukunft noch intensiver einsetzt, sind die Folgen für die betroffenen Unternehmen und Länder unabsehbar. Und es gibt keinen Grund zu glauben, dass Pjöngjang nicht alles tun wird, was möglich ist.

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