Monday, May 27, 2024

Carola Rackete: „Wer auf dem Dorf lebt, muss sich zweimal überlegen, ob er sich öffentlich äußert“

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Carola Rackete, 36, ist neben Linke-Chef Martin Schirdewan parteilose Spitzenkandidatin der Linken zur Europawahl. Die Klimaaktivistin wurde 2019 als Kapitänin des Seenotrettungsschiffs „Sea-Watch 3“ bekannt.

WELT: Der Europawahlkampf beginnt mit Attacken auf Politiker. Wie erleben Sie das, Frau Rackete?

Carola Rackete: Es ist sehr bedrohlich und beängstigend. Gerade in Sachsen oder Brandenburg hören wir von Leuten, die beim Plakate-Aufhängen beleidigt oder bespuckt werden. Wer auf dem Dorf lebt, muss sich zweimal überlegen, ob er sich öffentlich äußert – gerade dort, wo die AfD stark ist. Gleichzeitig muss man sagen: Für migrantische Menschen sind Angriffe seit Jahren Teil des Alltags, das erfährt viel zu wenig Aufmerksamkeit.

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WELT: Sie sind als Kapitänin eines Seenotrettungsschiffs bekannt geworden, nun sind Sie Linke-Spitzenkandidatin für die Europawahl. Wieso?

Rackete: Die eskalierende Klimakrise treibt mich sehr um. Wir müssen sozial gerechte Maßnahmen finden, um die sich zuspitzenden ökologischen Probleme zu lösen. Dafür brauchen wir eine Umverteilung von Vermögen. Als extrem reiches Land dürfen wir die soziale Spaltung nicht hinnehmen. Das Bürgergeld reicht nicht aus, um das Recht auf gesunde Ernährung umzusetzen. Und Arme leiden besonders unter der Klimakatastrophe.

WELT: Sie sprechen von einer drohenden „Klimaapartheid“. Was soll das sein?

Rackete: Den Begriff hat Philip Alston geprägt, als er UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut war. In seinem Bericht zeigt er, dass extrem arme Menschen etwa in Südasien oder in der Sahel-Zone die Klimakrise besonders spüren. Viele werden dort unter Dürre leiden oder ihr Haus nach einer Naturkatastrophe nicht mehr aufbauen können, weil es keine Versicherungen gibt oder sie keine Rücklagen haben. Die Schere zwischen Arm und Reich wird weltweit durch die Klimakatastrophe noch massiver.

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WELT: Und deswegen wollen Sie ins Europaparlament?

Rackete: Ich will dort für ein klares Ausstiegsdatum für fossile Energien kämpfen. Es braucht aber auch einen Umbau des Verkehrs hin zu öffentlichem, kostenlosem Nahverkehr. Dafür braucht es mehr Investitionen – deshalb muss die Europäische Union Rahmenbedingungen für gerechtere Steuern schaffen.

WELT: Auf dem Linke-Wahlkampfauftakt sagten Sie, Sie hätten „wenig Lust“, als EU-Kandidatin aufzutreten. Wieso sollte man Sie dann wählen?

Rackete: Der Satz ging weiter: Ich will nicht die Symbolfigur und Hoffnungsträgerin sein. Denn es geht dabei auch um Ehrlichkeit: Ich kämpfe für eine ökologische Politik, aber werde allein nichts Relevantes verändern können. Dazu braucht es eine gesellschaftliche Aktivierung, eine Zusammenarbeit von sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und der Partei. Hoffnung gibt es nur, wenn wir uns gemeinsam einsetzen.

WELT: Die Linke hat Sie als Hoffnungsträgerin präsentiert.

Rackete: Auf mich werden seit 2019 viele Erwartungen projiziert, die häufig sehr hoch und plakativ sind. Das werde ich nie alles erfüllen können. Aber die Linke verzeichnet nach Sahra Wagenknechts Weggang auch wieder einen Zuwachs, die Veränderung wird also von vielen getragen.

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WELT: Hätten Sie auch für die Linke mit Wagenknecht kandidiert?

Rackete: Nein.

WELT: Wieso?

Rackete: Weil das Bündnis Sahra Wagenknecht eine migrationsfeindliche Politik macht und keine angemessenen Maßnahmen für den Klimaschutz vorschlägt. Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

WELT: Wie passt der Anspruch, Aktivistin zu bleiben, zum sehr zeitintensiven Alltag im Parlament?

Rackete: Kein Abgeordneter sitzt 30 Tage im Monat im Parlament, es gibt Sitzungswochen. Die restliche Zeit reise ich zu sozialen Bewegungen, zur Zivilgesellschaft. An den Ausschüssen kann man teilweise auch digital teilnehmen. Ich finde es wichtig, mir die Zeit zu nehmen, die Stimmen von Aktiven aus der Klimaschutzbewegung oder der Landwirtschaft zu hören. Oder von Menschen aus dem Globalen Süden, die von der EU-Politik betroffen sind, beim Lithium-Abbau oder von Soja-Futtermittelimporten für die Landwirtschaft.

WELT: Sie stehen für offenere Grenzen. Wie blicken Sie auf die europaweiten Debatten um eine Begrenzung der Migration?

Rackete: Das ist eine große Ungerechtigkeit. Ich finde sehr richtig, dass wir nach Russlands Angriff so viele Ukrainer aufgenommen haben und ihnen Aufenthaltstitel sowie den Zugang zum Arbeitsmarkt und Bildungssystem geschaffen haben.

Gleichzeitig ist es zutiefst rassistisch, dass wir Menschen aus anderen Ländern in Außenlagern wegsperren wollen. Das hat der damalige US-Präsident Donald Trump an der mexikanischen Grenze gemacht, und es gab zu Recht einen Aufschrei. Nun hat die EU das Gleiche vor. Es fügt sich in einen allgemeinen Rechtsruck ein.

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WELT: Viele Kommunen sagen, sie seien überlastet von den hohen Zahlen an Zuwanderern. Sollte denn da nicht etwas passieren?

Rackete: Dass die Krankenhäuser schließen oder die Buslinie eingespart wird, ist nicht Schuld von Migranten. Die Kommunen haben schon lange Geldprobleme. Wir brauchen eine andere Steuerpolitik und mehr Verteilungsgerechtigkeit. Deutschland sollte mehr Steuerfahnder einstellen, um Steuerhinterziehung zu unterbinden.

WELT: Lange wurde Fridays for Future (FFF) als Gesicht der Jugend gesehen. Nun zeigt eine aktuelle Studie: Die Jugend in Deutschland wird rechter. Wieso?

Rackete: Wir erleben so viele Krisen: Kriege, Corona, Inflation, die Klimakatastrophe. Ich kann verstehen, dass Jugendliche da viele Ängste haben. Leider verfangen da die einfachen Antworten der Rechten auch bei vielen jungen Leuten. AfD, aber auch CDU und FDP hetzen gegen Bürgergeld-Empfänger und Migranten, während man zeitgleich zuschaut, wie Milliardäre ihre Vermögen verdoppeln. Wir müssen soziale Auswege aus diesen Krisen zeigen.

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Jugendstudie

WELT: Welche?

Rackete: Ver.di und Fridays For Future haben sich in der Kampagne „Wir fahren zusammen“ organisiert und kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn für Busfahrer. So lassen sich soziale Forderungen und die nach besserem Klimaschutz verbinden.

WELT: Zuletzt häuft sich allerdings der Israelhass in der Bewegung. Die FFF-Ikone Greta Thunberg demonstriert regelmäßig gegen Israel – am Wochenende etwa gegen Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest in Malmö. Die 20-jährige Sängerin Eden Golan konnte sich dort nur unter massivem Personenschutz bewegen.

Rackete: Ich persönlich hätte das nicht gemacht. Man muss zwischen der israelischen Zivilgesellschaft und der jetzigen rechten bis rechtsextremen Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu unterscheiden. Auch in Israel sind viele gegen seine Justizreform auf die Straße gegangen. Wir haben ähnliche Debatten auch, wenn es um die Teilnahme russischer Athleten an den Olympischen Spielen geht. Auch da ist die Frage: Tragen Einzelne die Verantwortung für das Handeln ihrer Regierung?

WELT: Nur hat Israel kein Land überfallen.

Rackete: Ja, klar, der Nahost-Konflikt muss aber vor seinem komplexen geschichtlichen Hintergrund betrachtet werden.

WELT: Universitäten werden von Linken unter Rufen nach einer „Intifada“ besetzt, Thunberg „streikt“ für Palästina. Woher kommt dieser Fokus?

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Rackete: Wir haben Bürgerkriege im Sudan und Myanmar, die haben kaum Aufmerksamkeit. Unser Blick auf Israel und Palästina hat natürlich mit unserer Historie und Staatspolitik zu tun. Die humanitäre Situation in Gaza ist auch einfach eine Katastrophe, und der Angriff auf Rafah wird schlimme Konsequenzen für Zivilisten haben. Es ist gleichzeitig schrecklich, dass jüdische Orte hier geschützt werden müssen.

Meine Position ist klar: Die Hamas ist eine Terrororganisation und muss die israelischen Geiseln freilassen. Ich bin aber auch keine Verfechterin der rechten Regierung Netanjahus. Wir brauchen einen wirklichen Waffenstillstand und humanitäre Hilfe.

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WELT: Auf den Demos wird „From the river to the sea, Palestine will be free“ gerufen.

Rackete: Das finde ich schwierig, weil Israel ein Existenzrecht hat, und das ist bei dem Spruch nicht eindeutig.

WELT: Ist es denn antisemitisch, dass es diese Fokussierung auf Israel gibt – und eben nicht auf den Sudan?

Rackete: Ich erlebe es nicht als so große Fokussierung innerhalb der Klimabewegung. Es ist insgesamt ein gesellschaftlich wichtiges Thema. Die Klimabewegung ist vielfältig. Es gibt aktuell Proteste gegen Tesla in Brandenburg und für eine Verkehrswende, gegen LNG-Terminals. Wenn es ein verbindendes Thema gibt, dann das der Klimagerechtigkeit. Und ich bin eben Ökologin. Mich besorgt die Klimakrise und welche Folgen sie für die Menschheit und das Artensterben hat.

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