Wednesday, April 24, 2024

Krieg in der Ukraine: Was der Westen nie verstanden hat

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Lemberg, den 19. März, abends

In ihrem 2003 erschienenen Buch „Der Gulag“ schildert die amerikanische Historikerin und Journalistin Anne Applebaum ein erschütterndes Panorama des sowjetischen Systems der Arbeitslager. Es bleibt bis heute – mehr als zwanzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung – ein Standardwerk über das unmenschliche Wesen eines verbrecherischen Regimes mit ausgeprägt pervers-sadistischen Zügen. Umso mehr, als zahlreiche Quellen in den russischen Archiven, die in den 1990er-Jahren freigegeben worden waren, heute wieder unter Verschluss sind und somit für unabhängige Wissenschaftler nicht mehr zugänglich. Das System gibt seine Henker nicht preis, er baut lieber Denkmäler für sie.

Juri Durkots Tagebuch

Im Vorwort zu ihrer Gulag-Studie stellt Anne Applebaum eine wichtige Frage: Warum hat man im Westen die Verbrechen des Stalinismus relativiert? Warum wurde ihr wahres Ausmaß von der Öffentlichkeit nie wirklich wahrgenommen? Die Antwort auf diese Frage ist komplex und konnte in einem Vorwort nur skizziert werden. Laut Applebaum ist es nicht nur die Geschichte der europäischen Linken, die sich auf gemeinsame intellektuelle Ursprünge mit dem sowjetischen Kommunismus berufen, nämlich auf Marx und Engels. Es ist nicht nur die Tatsache, dass der Nationalsozialismus als „absolutes Übel“, der Stalinismus dagegen nur als eine Art „Deformation“ gesehen wurde. Die Osteuropäer würden da eine andere Geschichte erzählen. Sie alle – Ukrainer, Polen, Esten, Letten, Litauer, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Rumänen, Bulgaren und viele andere – hatten mit zwei „absoluten Übeln“ zu tun. Diese Erfahrung prägt die nationale Erinnerung in diesen Ländern bis heute.

Niemand im Westen war bereit anzuerkennen, so Applebaum, dass man im Zweiten Weltkrieg einen Massenmörder mithilfe eines anderen Massenmörders besiegt hat. Vielleicht fangen die Probleme vieler westlicher Intellektueller eben damit an. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind nach der Niederlage Deutschlands für alle sichtbar geworden. Doch auch wenn die Propaganda versucht hatte, die sowjetischen Verbrechen zu vertuschen und in den Partei- und NKWD-Archiven verschwinden zu lassen, ganz unsichtbar waren sie doch nicht. Man wollte sie im Westen nur nicht wirklich sehen.

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Ende der 1990er- oder Anfang der Nullerjahre konnte Anne Applebaum in Prag beobachten, wie gerne westliche Touristen, darunter viele Amerikaner, Artefakte aus der kommunistischen Zeit kauften. Auch viele Jahre später war es überall in Osteuropa ein durchaus vertrautes Bild – Abzeichen mit Lenin, Hammer und Sichel, sowjetischer Stern gehörten neben dem Wodka und den Matroschka zu beliebten Mitbringseln. Auf die Idee, eine Swastika von einer Urlaubsreise mit nach Hause zu bringen, wäre wohl kein normaler Mensch gekommen. Da empfindet man nichts als Abscheu. Bei einem roten Stern offenbar nicht. Dass besonders sadistisch veranlagte Henker ihren Opfern Sterne aus der Haut herausgeschnitten haben, stört wohl nicht. Zumindest, wenn man nicht daran denkt.

Eine der Ursachen für diese „touristische Blindheit“ ist laut Applebaum das Fehlen entsprechender Bilder in der westlichen Massenkultur. Es gab Filme über deutsche und japanischen Konzentrationslager, aber nicht über sowjetische. Sie interessierten Hollywood nicht, das eher damit beschäftigt war, kommunistische Bösewichte zu karikieren.

Vielleicht ändert sich das mit dem Oscar-prämierten Dokumentarfilm „20 Tage in Mariupol“ von Mstyslav Chernov. Die Bilder einer belagerten Stadt – ich kann mich sehr gut erinnern, wie wir, alle Ukrainer, im März 2022 den Westen angefleht haben, etwas zu unternehmen, damit die tödlichen Bombardierungen aufhören, vergebens – sind erschütternd. Sie zeigen – mit Absicht – nicht die Momente der Verbrechen, sondern die Folgen. Und wirken dadurch nicht nur unheimlich, sondern auch unheimlich stärker. Es ist die erste ukrainische Produktion überhaupt, die einen Oscar gewinnt. Und die traurigste zugleich. Über eine Stadt, die von einem Tag auf den anderen getötet wird. Über Menschen, die um ihr Leben ringen. Über Ärzte, die Übermenschliches leisten.

Ein Film, den Chernov nach seinen eigenen Worten am liebsten gar nicht gemacht hätte. Seinen Oscar würde er gerne dafür eintauschen, dass Russland die Ukraine nicht angegriffen hätte, die ukrainischen Städte nicht besetzt hätte und Zehntausende Ukrainer nicht getötet hätte. Aber auch, wenn man die Geschichte nicht ändern kann, kann man – und muss man – dafür sorgen, dass die Wahrheit siegt. Und dabei spielt die Filmindustrie eine bedeutende Rolle. Denn „Filme prägen unsere Erinnerungen, und unsere Erinnerungen prägen die Geschichte“, sagt Chernov. Anne Applebaum meinte es wohl nicht anders.

In der internationalen Version der Preisverleihung hat Disney den Oscar für den besten Dokumentarfilm rausgeschnitten. Aus Platzgründen, wie es hieß. Oder aus Zeitgründen. Wie auch immer. Nach heftigen Protesten kann es sein, dass das Studio es sich noch anders überlegt.

„Der Krieg ist wie ein Röntgenbild. Alles, was im Inneren eines Menschen ist, wird sichtbar. Gute Menschen werden besser, schlechte Menschen werden schlechter“, sagt ein Arzt im Film. Ansonsten bleibt man dort, wo man ist. Wie bei Rudyard Kipling: „Oh, East is East, and West is West …“

Lemberg, den 6. März, nachmittags

An der Uni will kaum jemand zum Sportunterricht. Das war vor rund vierzig Jahren nicht anders. Für uns war es damals eine Qual. Man musste bei Morgendämmerung aufstehen, die Stadien waren weit weg, der Unterricht begann um acht Uhr morgens, und danach musste man durch die halbe Stadt ins Hauptgebäude zu einem Seminar oder einer Vorlesung hetzen. Es war kein Spaß, aber man hatte keine Wahl. Nur Mitglieder eines Uni-Teams in verschiedenen Sportarten waren vom normalen Sportunterricht befreit. Sie waren verpflichtet, die Ehre der Uni bei lokalen Wettbewerben zu verteidigen. Wir nannten diese Wettkämpfe ironisch „Hochschulweltmeisterschaften der Region Lemberg“.

Aber seit Sowjetzeiten hatte sich doch etwas geändert. Als Artem sein Studium vor sechs oder sieben Jahren aufnahm, konnte er wählen. Zwischen Sportunterricht um acht, Boxen am Nachmittag (da gab es immer freie Plätze) und Militärunterricht den ganzen Tag einmal in der Woche. Der zukünftige Designer entschied sich für das Letztere. Das System funktionierte ähnlich wie in der Sowjetzeit – selbst die Haare musste man sich kurz schneiden lassen, wie vor vierzig Jahren. Nur dass man sich jetzt zum Militärunterricht freiwillig meldete.

Also wurde Artem nach dem Studium frischgebackener Leutnant der Reserve. Er designte und spielte Bassgitarre in einer Band. Zusammen mit meinem Sohn. Im vergangenen Jahr wurde er vierundzwanzig. Zunächst änderte sich nichts in seinem Leben.
Bis zu jenem Tag im Herbst, als ein paar Männer vom Wehrersatzamt vor dem Hausaufgang auf ihn warteten. Auch wenn man normalerweise erst ab 27 eingezogen werden kann, gilt diese Altersgrenze für Offiziere der Reserve nicht. Ein Versteckspiel kam für Artem gar nicht in Frage. Das Angebot, ihn in einem Militärorchester unterzubringen, lehnte er ab. Nun fing die Ausbildung an. Sie war hart und dauerte mehrere Wochen. Dann wurden die Männer an die Front geschickt. In den Osten. Dort ging es viel schneller. Es dauerte nicht einmal zwei Wochen, bis ein Artilleriegeschoss ein paar Meter vor Artem entfernt in die Brustwehr einschlug. Die heftige Explosion brachte die Decke im Unterstand zum Einsturz.

Anders als beim Militärunterricht an der Uni darf man im Krieg lange Haare tragen. Allerdings tun das die Soldaten selten. Ein Bekannter wollte seine Mähne zunächst unbedingt behalten, bis er eines Morgens im Schützengraben eine Maus aus der Frisur herausfischte, die sich in einem Haarbüschel verheddert hatte. Danach entschied er sich für einen Igelschnitt.

Als ich Artem zuletzt bei einem Konzert sah, waren seine pechschwarzen welligen langen Haare wie immer nach hinten gekämmt. Sein Bart war etwas länger als sonst, sah aber sehr gepflegt aus. Schlank und hochgewachsen, trug er ein olivfarbenes Sweatshirt und eine schwarze Hose. Ganz in zivil, nur sein Soldatenrucksack erinnerte daran, dass er in der Armee war.

Ein ukrainischer Soldat in einem Graben in der Region Sumy

Ein ukrainischer Soldat in einem Graben in der Region Sumy
Quelle: REUTERS

An jenem Abend lief Artem ganz normal, als wäre nichts passiert. Als hätte er keine langen Wochen Hospital und Reha hinter sich. Er wurde nur von kleinen Splittern getroffen, und der Holzbalken, der von der Decke auf seine Knie fiel, hat sie nicht zertrümmert. Nach dem Urlaub wird er in seine Einheit zurückkehren. Er weiß, dass er ein Riesenglück hatte. Einige seiner Kameraden hatten dagegen weniger Glück. Ein Soldat wurde an beiden Beinen, ein anderer schwer am Kopf verletzt. „Ich konnte ihm nur einen Verband anlegen, um die Blutung zu verringern“, sagt Artem. „Mehr war nicht möglich. Er war bewusstlos, sein Atem aber ruhig und regelmäßig.“

Die Männer warteten mehrere Stunden auf die Evakuierung. Für die beiden Schwerverletzten wurde die Lage immer kritischer. Erst beim Einbruch der Dunkelheit kam der Rettungswagen, vorher war die Straße ständig unter Beschuss. Es fing heftig an zu schneien. Ein Geschenk des Himmels, denn nun konnten die Russen sie gar nicht mehr sehen. Der Soldat mit der schweren Kopfverletzung hatte viel Blut verloren. Bei der Evakuierung war er am Leben, wie es mit ihm weiterging, weiß Artem nicht.

Lemberg, 24. Februar, morgens

Es ist nicht einfach, zwei Jahre Krieg zu resümieren. Sind 730 Tage mehr als 365? Aus mathematischer Sicht klingt diese Frage unsinnig, aber die Logik des Krieges und das menschliche Leid sind nicht nur bloß eine Frage der Arithmetik. Es ist, als würde sich die Zeit krümmen, all unseren Vorstellungen von Alltagsphysik widersprechend. Wie fühlen sich 730 Tage an, wenn schon ein einziger Tag unter Beschuss, ja ein paar Stunden, wie eine Ewigkeit wirken?

Es ist nicht einfach, etwas wirklich Neues über das zweite Jahr des russischen Angriffskriegs zu schreiben. Vielleicht gilt das für jeden Krieg. In einem Text zum ersten Jahrestag des Überfalls auf die Ukraine – wie viele wird es noch geben? – habe ich geschrieben, dass Russland tötet und zerstört. Dass es nicht nur uns, Ukrainer – Zivilisten, Frauen und Kinder – tötet, sondern auch unseren Glauben an die Welt und Gerechtigkeit töten will. Und dass es nicht nur ukrainische Städte und Dörfer, Krankenhäuser, Schulen und Bibliotheken zerstört, sondern auch Illusionen. Man könnte heute nur hinzufügen – auch und vor allem die Illusionen über Russland selbst. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, bis der Westen seine Illusionen über Russland endlich aufgibt.

Aber war es im zweiten Kriegsjahr anders als im ersten? Nicht wirklich. Spielt es eine Rolle, ob Russland mehr oder weniger Menschen getötet hat, ob die russische Armee in ihrem wahnsinnigen, mörderischen Feldzug mehr oder weniger Zerstörungen verursacht hat? Vielleicht kann man es mathematisch oder statistisch ausmessen, für die Opfer fühlt es sich genauso grausam an. Der wichtigste Punkt ist, dass der Krieg das Wesen des heutigen russischen Regimes ist, genauso wie er das Wesen des Zarenreichs oder des sowjetischen Bolschewismus und Stalinismus war.

Aber die „russische Welt“ bringt nicht nur Tod und Zerstörung, sondern auch Folter mit sich. Eine mörderische Triade, für deren letzten Teil – aber nicht nur dafür – vor allem die kriminellen, ganz in der Tradition der stalinschen Geheimpolizei NKWD agierenden russischen Geheimdienste stehen.

Vielleicht ist es am einfachsten, darüber zu schreiben, was in diesem zweiten Kriegsjahr nicht geschehen ist. Ausgeblieben sind große Erfolge bei dem ukrainischen Gegenangriff im Sommer, in den man so viele – vielleicht doch etwas naive – Hoffnungen gesetzt hatte. Ein Gegenangriff, der ohne Luftunterstützung mit zu wenig und zu spät gelieferten Waffen über ein komplett vermintes Gelände Wunder vollbringen sollte. Hat man dabei Fehler gemacht? Es ist leicht, in einem Existenzkampf Fehler zu machen. Ich mag es aber nicht beurteilen, schließlich bin ich kein Militärexperte.

Ausgeblieben sind massive russische Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Stromnetze im Spätherbst und im Winter, als hätte Moskau darauf verzichtet, die Ukrainer durch Kälte und Dunkelheit zum Aufgeben zu bewegen. Vielleicht hat Russland erkannt, dass es ein sinnloses Unterfangen ist, zumal sich viele Städte und Haushalte auf die neuen Attacken vorbereitet hatten. Auf jeden Fall blieben den allermeisten Regionen große Stromausfälle erspart.

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Vermisst wurde die letzte Entschlossenheit des kollektiven Westens, die Ukraine massiv militärisch zu unterstützen. Manche Länder – nicht selten waren es die Osteuropäer, die ihre eigenen schmerzhaften Erfahrungen mit der sowjetischen Okkupation gemacht hatten, – taten, was sie konnten. Andere lieferten auch. Und doch hat man nicht selten den Eindruck, dass die westlichen Politiker doch oft das tun, was sie am besten können. Nämlich: Reden. Und bestenfalls begründen, warum etwas nicht möglich ist. Demokratien sind nicht durch kurze Entscheidungswege bekannt, besonders wenn jemand anderer für seine Existenz kämpfen muss. Viele Ukrainer haben den Eindruck, dass wir gerade so viele Waffen bekommen haben, damit wir nicht verlieren. Und die parteipolitischen Blockaden im US-Kongress stellen selbst diese überlebenswichtigen Lieferungen infrage (der Verlust von Awdijiwka war zum großen Teil auf Waffenmangel zurückzuführen) und machen noch einmal deutlich, wie egal Menschenleben sind. Es fühlt sich so an, als würden die Politiker ein Spiel unter dem Namen „Stirb langsam“ spielen, benannt nach dem kultigen amerikanischen Actionfilm der späten 1980er-Jahre mit Bruce Willis.

Verflüchtigt hat sich der Elan der ersten Kriegswochen, als sich überall in der Ukraine lange Schlangen vor Wehrersatzämtern bildeten. Spätestens nach der Gegenoffensive ist die Mobilisierung zu einer heiklen politischen Frage geworden. Und es fällt immer schwerer, Soldaten zu rekrutieren, wenn die Menschen wissen, dass sie ohne genügend Waffen gegen den Aggressor kämpfen müssen. So wird es für viele nur ein Einwegticket sein. Auch deswegen sollte man Waffen viel schneller und in größerer Zahl liefern – damit es noch genug Soldaten gibt, die sie bedienen können.

Frauen, Männer und Kinder nehmen mit Fahnen und Transparenten an einer spontanen Kundgebung vor der bayerischen Staatskanzlei angesichts der Lage in der Ukraine teil.

Nur gemeinsam können wir Putin besiegen: Eine Solidaritäts-Kundgebung in München
Quelle: Peter Kneffel/Deutsche Presse-Agentur GmbH/dpa/Archivbild

Es geht auch um die Solidarität. Man sollte nicht fragen, wie lange die Ukraine noch kämpft. Vielmehr sollte man sich fragen, warum Russland immer noch diesen Krieg führen kann, sagte der ukrainische Präsident Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Denn paradoxerweise kann Russland heute trotz Sanktionen nicht weniger, sondern mehr Waffen produzieren, voll gespickt mit westlichen Chips, Antennen, Kameras und sonstigen Systemen. Es klingt fast wie ein Witz, dass der wirtschaftlich und technologisch hoch überlegene Westen dem verbrecherischen Regime das für seine Kriegsführung unentbehrliche Handwerk nicht legen kann.

Und dann gibt es noch diese sogenannten Friedensstifter, die nicht von Moskau fordern, den Krieg zu beenden, sondern die westlichen Regierungen dazu aufrufen, Waffenlieferungen einzustellen und mit Putin zu verhandeln. Als hätten sie vergessen, wie westliche Politiker vor dem Überfall nach Moskau gepilgert waren, um den Krieg zu verhindern. Als hätten sie nicht verstanden, dass Russland bislang noch alle Verträge gebrochen hat. Als hätten sie nicht begriffen, dass für Putin keine ukrainische Nation existiert und er glaubt, dass Ukrainer, die anders denken, entweder sterben oder „umerzogen“ werden müssen. Als hätten diese „Pazifisten“ immer noch die Illusion, dass im Falle eines russischen Sieges das Sterben aufhört. Nein, Russland wird weiter töten, foltern und vergewaltigen – nur wird es im Verborgenen passieren, in Folterkammern. Schließlich haben wir das alles in den besetzten Gebieten schon hundert-, ja tausendfach gesehen.

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Es ist moralisch eine sehr fragwürdige Haltung, dem Opfer die Unterstützung zu verweigern. Vielleicht fühlen sich diese „Friedensstifter“ durch die schrecklichen Bilder der zerbombten ukrainischen Städte aus ihrer Komfortzone gerissen. In einem Punkt haben sie recht: Das muss aufhören. Nur ihr Rezept ist nicht nur falsch, sondern auch höchst unmoralisch. Es klingt so, als wenn eine Nachbarin auf der Straße vergewaltigt würde, und man – statt dem Opfer zu Hilfe zu eilen – dem Vergewaltiger empfehlen würde, dies nicht auf der Straße zu tun, sondern sich ins Haus zurückzuziehen, weil man sich sonst durch den Lärm und die Schreie des Opfers beim Fernsehen gestört fühlt.

Und trotzdem darf man eines nicht vergessen: In „Stirb langsam“ gewinnt der Polizist John McClane, gespielt von Bruce Willis, am Ende den Kampf gegen das Böse fast im Alleingang. Das ist in Filmen eigentlich immer so. Wir müssen alle dafür sorgen, dass es auch im realen Leben passiert. Es ist nicht nur möglich, sondern unbedingt notwendig. Nein, nicht im Alleingang, sondern wenn wir alle an einem Strang ziehen.

Lemberg, den 17. Februar, abends

Im September 2015 wurde im Auktionshaus Sotheby’s eine ungewöhnliche Reise versteigert. Es ging in die Champagne – genauer gesagt, nach Reims – zur Besichtigung des berühmten Krug-Kellers und zur Verkostung des Jahrgangs 1915. Den Zuschlag bekam ein Bieter, der für diese Weinprobe eines hundert Jahre alten Champagner satte 116.000 US-Dollar hinblätterte. Es könnte auch eine Bieterin gewesen sein – in der Regel bleiben die Käufer anonym. War es ein europäischer Industrieller? Eine berühmte Popsängerin? Ein Fußballstar? Ein US-amerikanischer IT-Millionär? Ein Baulöwe aus Asien? Ein russischer Oligarch? Wir wissen es nicht. Verglichen mit Preisen, die sonst bei Versteigerungen für Kunstwerke oder sogar für rare Weinflaschen erzielt werden, kostete diese Reise Peanuts. Für einen Milliardär war sie so etwas wie ein Kaffee zum Mitnehmen für einen Normalbürger. Eine Marotte der Superreichen eben.

Trotzdem war der Krug-Champagner nicht einfach ein aus einem exzellenten Jahrgang stammender, hundert Jahre alter Schaumwein. Die Ernte von 1914 war noch besser. Es sind Jahrhundertweine, produziert mitten im Ersten Weltkrieg. Manchmal werden sie als „blutige Jahrgänge“ bezeichnet.

Im Herbst 1914 ist die deutsche Offensive ins Stocken geraten. Reims, der Sitz der Erzbischöfe und die größte Stadt der Region, Anfang September von den Deutschen kurzfristig besetzt, wurde im Laufe eines französischen Gegenangriffs nach der Schlacht an der Marne befreit. Die deutschen Truppen konnten etwas zurückgedrängt werden, aber nicht weit genug. Die Frontlinie stabilisierte sich, sie verlief nunmehr quer durch die Champagne. Es begann ein Krieg in Schützengräbern, zermürbend, eintönig, grausam. Von nun an stand Reims unter ständigem Beschuss der deutschen Artillerie. Fast drei Jahre lang. Doch die Weinernte wollte man trotzdem irgendwie einbringen.

Die Männer waren an der Front. Zu Hause blieben Frauen, Greise und Kinder. Die Kinder meldeten sich freiwillig, um ihren Familien zu helfen. Es war ein gefährliches Spiel mit dem Tod, das mehrere Teenager das Leben kostete. 1914 starben mindestens 20 Kinder – durch einen wahllosen Artilleriebeschuss, aber auch durch die Kugel eines deutschen Scharfschützen. Im nächsten Jahr ging das Sterben weiter. Der englische Weinkritiker, Schauspieler und Autor Oz Clarke schreibt in seinem Buch „The History of Wine in 100 Bottles“ über den Tod von zwei Mädchen, 12 und 15 Jahre alt. Man sagte, der Champagner aus den Jahren 1914 und 1915 hätte das Blut Frankreichs aufgesaugt, so Clarke. „Sehr selten wird eine alte Flasche entkorkt und mit einer respektvollen und feierlichen Stimmung getrunken, die nichts mit der heiteren Atmosphäre zu tun hat, die einen Champagner normalerweise begleitet.“

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Die ukrainischen Weinberge wurden durch den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Betroffen sind die vier wichtigsten Regionen – die Krim wurde 2014 annektiert, der untere Lauf von Dnipro im Gebiet Cherson sowie die Regionen Odessa und Mykolajiw stehen ständig unter Beschuss. Die Winzer sind verzweifelt, weil der Weinbau für sie nicht nur ein Lebensstil, sondern oft auch die einzige finanzielle Grundlage ist. Nur in Transkarpatien, der kleinsten ukrainischen Region im Südwesten des Landes, können die Taxifahrer noch ganz unbekümmert über den Wein plaudern und den Fahrgästen eine Weinprobe sowie die eine oder andere Flasche anbieten.

Trümmerberge statt Weinberge: Kriegsschäden in Mykolajiw

Trümmer- statt Weinberge: Kriegsschäden in Mykolajiw. Die Region war vor dem Krieg für seine Weine bekannt.
Quelle: Uncredited/National Police of Ukraine/AP/dpa

Die Ende des 19. Jahrhunderts – damals im russischen Zarenreich – gegründete Weinkellerei, die den Namen von Fürst Trubezkoi trägt, liegt am rechten, westlichen Ufer von Dnipro. Es ist eine im Stil eines französischen Châteaus gebaute Anlage mitsamt einem Restaurant, einem Hotel, einem Museum und weiträumigen Weinkellern. 1900 gewann der hiesige Riesling einen Grand Prix bei einer Ausstellung in Paris. Vor dem russischen Überfall freute sich das Château über bis zu 30.000 Besucher jährlich. Am 24. Februar 2024 war es damit vorbei. Die russischen Truppen standen vor den Toren der Kellerei. In den darauffolgenden Monaten wurden die Weinkeller geplündert, offenbar bediente man sich ausgiebig.

Das Unternehmen hatte außerdem das Unglück, sein Hauptlager ausgerechnet in Hostomel nahe Kiew zu haben, dessen Flughafen in den ersten Tagen ach der Invasion heiß umkämpft wurde. Die Lagerräume mit insgesamt 32.000 Weinflaschen brannten komplett aus. Nachdem die ukrainische Armee die russischen Truppen vom rechten Dnipro-Ufer im November 2022 vertrieben hatte, wurde das Château vom linken Ufer ständig beschossen. Vor dem Abzug haben die Russen die Weinberge vermint. Das Dach am Hauptgebäude ist beschädigt, die Fenster wurden weggesprengt, die Ausrüstung und die Hotelzimmer demoliert, die Weinkeller geplündert. Nach der Besatzung wollte die traditionsreiche Kellerei keinen russischen Fürsten in ihrem Namen mehr führen. Nun heißt sie die „Stoic Winery“. Doch an die Aufnahme des Betriebs ist im Moment nicht zu denken. Schon wieder hat die „russische Welt“ eine Spur hinterlassen. Eine Spur der Zerstörung.

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Die Befreiung Chersons feierten viele Ukrainer mit einer Flasche Wein aus der Trubezkoi-Kellerei und posteten die Bilder in den sozialen Netzwerken. Es ist ein Rätsel, wo sie die Weine aufgestöbert haben.

Woanders hat man die Arbeit trotz russischem Beschuss nicht eingestellt. 2022 hat es die kleine Beykush Winery in der südukrainischen Region Mykolaiw sogar geschafft, eine Goldmedaille bei Decanter World Wine Awards in London zu gewinnen. Ein anderer Winzer aus der Region hat inzwischen ein kleines Museum eröffnet – mit den Überresten russischer Raketen, die er in seinem Weinberg eingesammelt hat.

Es kann gut sein, dass hundert Jahre später bei Sotheby’s eine andere Weinreise versteigert wird – in den ukrainischen Süden. Für mehrere Hunderttausend Dollar. Wenn es denn das Aktionshaus in hundert Jahren noch gibt.

Lemberg, den 4. Februar, abends

Er konnte nicht mehr nach Frankfurt kommen. Dafür war er einfach zu krank. Die Preisverleihung fand ohne den Preisträger statt. Seine Rede wurde verlesen. In der Paulskirche, am 16. Oktober 1983. Dreieinhalb Monate später war er tot. Der Name des Preisträgers: Manés Sperber. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der ihn in jenem Jahr mit dem Friedenspreis ausgezeichnet hat, nennt Sperber nun einen ukrainischen Schriftsteller und Philosophen. Das klingt merkwürdig.

Als wäre ein 1905 im ostgalizischen Schtetl von Zabłotów (heute das ukrainische Sabolotiw) geborener und bis zur Flucht der Familie nach Wien im Jahr 1916 – mitten im Ersten Weltkrieg – in seiner habsburgischen (nicht „russischen“, wie neulich von der österreichischen Zeitung „Der Standard“ behauptet) Kinderheimat aufgewachsener Jude, der später auf Deutsch schrieb und der deutschen Kultur immer verbunden war, plötzlich zu einem ukrainischen Schriftsteller mutiert – nur kraft der Tatsache, dass er in einer heute kaum 4.000 Einwohner zählenden, zum ukrainischen Staatsgebiet gehörenden Siedlung in den Vorkarpaten auf die Welt gekommen ist.

Die Jugendjahre verbringt Sperber in Wien, ab 1927 ist er in Berlin, nach Hitlers Machtergreifung für kurze Zeit verhaftet, danach Emigration. Paris, im Krieg in den französischen Alpen, dann in der Schweiz, ab 1945 und bis zu seinem Tod wieder Paris. Sperber war ein Mann, über den – und von dessen Existenz – wir Germanistikstudenten in der damaligen Sowjetunion gar nichts wussten. Ein Mann, der heute in der deutschsprachigen Welt beinahe vergessen ist.

Im Februar 1984 veröffentlichte „Der Spiegel“ nur einen kurzen Nachruf auf ihn. Für die Titelgeschichte wählte man im selben Heft einen anderen Toten – der sowjetische Parteichef Jurij Andropow verstarb am 9. Februar, vier Tage nach Manés Sperber. Das Ableben des obersten Kommunisten war viel wichtiger als der Tod eines Schriftstellers. 40 Jahre später würde man vielleicht in der Lubjanka, dem Hauptquartier des sowjetischen KGB (und heute seines Nachfolgers, des russischen FSB), an dessen Spitze Andropow von 1967 bis 1982 stand, wieder einen langen Text über ihn verfassen. Im Westen würde heute wohl niemandem die Idee dazu kommen. Die Rollen sind vertauscht. Ein Schriftsteller muss länger nachwirken als ein Oberspion und Parteisekretär. Zumal Sperber, zu Unrecht in Vergessenheit geraten, aus der heutigen Sicht fast hellseherisch wirkt.

Manés Sperber war ein Pazifist, der es verstanden hat, die Grenzen des Pazifismus klar zu sehen. Für zehn Jahre – zwischen 1927 und 1937 – erlag er sogar der kommunistischen Verführung, bis ihn schließlich der stalinistische Terror in der Sowjetunion nicht nur dazu bewegte, vom Kommunismus abzurücken. Er hat ihn auch für den Rest seines Lebens zum schärfsten Kritiker dieser gewaltbeladenen Ideologie gemacht, zum Gegner jeglicher Form von Totalitarismus und Diktatur. In den 1960er und Anfang der 1970er-Jahre nannte ihn „Der Spiegel“, für den Sperber ab und zu schrieb, einen Schriftsteller und Ex-Kommunisten. Zuweilen auch einen Psychologen – Sperber war ein Schüler von Alfred Adler, bis er sich mit dem Begründer der Individualpsychologie zerstritt.

Zwei Romantrilogien begründeten Sperbers Ruf als Schriftsteller. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem die erstere – „Wie eine Träne im Ozean“ – besser bekannt, in der Ukraine dagegen die zweite – „All das Vergangene“. Jedenfalls der erste Teil davon (der einzige Teil, der ins Ukrainische übersetzt wurde), „Die Wasserträger Gottes“, in dem Sperber autobiografisch seine Kinderjahre im „Städtel“ von Zabłotów verarbeitet. Nicht weniger wichtig sind auch seine Essays, von denen der erste, „Zur Analyse der Tyrannis“, in dem sich Sperber mit dem Totalitarismus beschäftigt, bereits 1939 erschienen ist. Für einen durstigen Leser gibt es nur ein Problem – heute ist Sperbers Werk sowohl auf Deutsch als auch auf Ukrainisch nur noch im Antiquariat zu finden. Oder gebraucht im Internet.

In seiner Dankesrede, die er für die Friedenspreisverleihung geschrieben hat, spricht Sperber vor allem über den Krieg. Über Kriege, die nicht verhindert werden konnten und über Friedensschlüsse, die den Weg für neue Kriege ebneten. Er habe bereits als Kind den Krieg hassen gelernt und nie aufgehört, ihn zu hassen: „Doch gerade im Hinblick auf jene Jahre wie auf die gegenwärtige Lage und auf die aggressivsten Kundgebungen der heutigen Pazifisten kann ich mich nicht als einer der ihren ansehen“, schreibt Sperber. Erinnert uns dieser Satz nicht zu deutlich an heutige „Friedensbewegungen“, die durch ihre Rhetorik nur Putin in die Hände spielen und die Ukraine, das Opfer eines brutalen Angriffskrieges, zur Aufgabe zwingen wollen?

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Auch Sperber betont, dass er gegen Krieg ist. Nämlich, „entschiedenst gegen jeden Krieg, gleichviel, auf welchen Glauben oder welche Ideologie sich die Angreifer berufen mögen“. Man darf in diesem Passus einen Begriff nicht übersehen – „Angreifer“. Es ist das Schlüsselwort für diesen Satz. Manés Sperber unterscheidet ganz klar zwischen dem Angreifer und dem Opfer. Statt der „üblichen Friedensanpreisungen“ müsse man sich eine Frage stellen: „Warum konnten die Erfahrungen … nicht verhindern, dass etwa 20 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ein zweiter folgte, der von unserem Kontinent ausging und schließlich die ganze Welt mitriss?“ Und – wenn wir uns in die heutige Zeit versetzen – warum konnten unsere Erfahrungen den russischen Überfall auf die Ukraine nicht abwenden?

Sperber fordert in seiner Rede ein starkes Europa, ja eine Großmacht Europa, denn nur ein starkes Europa kann einen Krieg auf dem Kontinent verhindern. Eine Großmacht Europa, „die weder eroberungs- noch rachsüchtig, jedoch nur aufs äußerste entschlossen bleibt, durch eigene, zulängliche Abwehrkräfte jene abzuschrecken, die sich durch seine Schwäche und den eigenen Hegemonismus ermutigt fühlen können, sich Europas zu bemächtigen“.

Denn er weiß, „dass ein totalitäres Regime sich gefährdet glaubt, solange es nicht seine grenzenlose Macht über die unmittelbaren und mittelbaren Nachbarn – und eines Tages über den ganzen Planeten – ausbreitet“.
Es war die Rede eines weisen Mannes, der viel aus der Geschichte und seiner eigenen Lebenserfahrung gelernt hat. Er hat keine Kriegstheorien entwickelt, hat es aber auf den Punkt gebracht – gegen Diktatoren und Autokraten muss man stark und vereint auftreten. In diesem Sinne hat er auch die Zukunft vorausgesehen, und deswegen klingen seine Formulierungen auch heutzutage so aktuell.

Wie zum Beispiel diese: „In den 30er-Jahren wurde meinesgleichen von Goebbels und seinen Tintenkulis als Kriegshetzer beschimpft, sooft wir davor warnten, den stetig wachsenden Forderungen Hitlers nachzugeben und durch Kapitulation am Ende den Krieg unvermeidlich zu machen. Und nun leben wir seit Jahrzehnten in der Ära pseudo-ideologischer Erpresser. Jeder aber sollte wissen, dass Erpresser umso mehr verlangen und umso bedrohlicher werden, je öfter man ihnen nachgegeben hat“.

Über Andropow äußerte sich Sperber übrigens auch. Nicht in seiner Schrift für die Friedenspreisverleihung, sondern später, im Dezember 1983, als er seinen Kritikern in einem Brief antwortete: „Ich bin … gegen jede Diktatur, ausnahmslos. Ich verabscheue Pinochet, aber nicht weniger Andropow, der in vielen Hinsichten ungleich gefährlicher ist. Er ist einer jener Männer, die nach einer Phase der Heuchelei die ungarische Revolution von 1955, ebenso wie die tschechoslowakische Freiheitsbewegung mit Tanks und Polizeitricks niedergebügelt haben“ (vgl. „Manés Sperber. Sein letztes Jahr“, dtv 1985). Da hatten beide – Sperber und Andropow – nur noch wenige Wochen zu leben. Und die Sowjetunion nur noch wenige Jahre.

Lemberg, den 9. Januar, nachmittags

Die beiden Fotos können nicht unterschiedlicher sein. Auf dem ersten wird das üppige Grün einer Uferpromenade vom hellen Sonnenlicht überströmt. Eine Katze sitzt auf einer Bank in einer kleinen Grünanlage. Sie zeigt dem Betrachter den Rücken, ihr Kopf ist aber nach hinten gedreht, die Augen halb geschlossen, als würde sie uns freundlich und vertraulich zuzwinkern. Am anderen Ende der Bank steht eine ältere Frau, sie trägt einen Mantel und einen Hut, mit ihrer linken Hand stützt sie sich auf die Lehne, ihre rechte ist hinter ihrem Rücken versteckt.

Juri Durkots Tagebuch

Auf dem zweiten Foto dominieren die Farben Grau und Olivgrün. Es zeigt einen schlafenden jungen Mann auf einem improvisierten Bett im Unterstand. Er trägt Knieschutz, ein Sweatshirt und eine Militärhose. Der Mann liegt auf der Seite, seine linke Hand unter den Kopf geschoben. Sein Gesicht ist beleuchtet, aber im Mittelpunkt des Bildes befindet sich etwas anderes, ein heller Fleck, der mit dem Grundton scharf kontrastiert. Es ist eine rote Katze, die auf dem Mann sitzt, ihre beiden Vorderpfoten über seinen Oberarm gelegt. Die Pfotenenden und die Brust des Tieres sind weiß, die Katze döst. Man könnte sie beinahe schnurren hören. Fast glaubt man, dass das Gesicht des Mannes nicht von einer Lampe, sondern von der Katze beleuchtet wird.

Die Schicksale der Protagonisten weisen ebenfalls kaum Gemeinsamkeiten auf. Das gilt selbst für die beiden Tiere. Die Katze auf dem ersten Foto ist – genauso wie die ältere Dame – aus Bronze, sie ist Teil einer Skulptur, die in Kórnik, einer Kleinstadt in der Woiwodschaft Großpolen, dem Geburtsort der Dichterin Wisława Szymborska, als Hommage auf eine der bekanntesten polnischen Lyrikerinnen aufgestellt wurde. Das zweite Foto zeigt den ukrainischen Lyriker Maksym Kryvtsov, der am 7. Januar dieses Jahres an der Front gefallen ist.

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Maksym Kryvtsov (22. Januar 1990 – 7. Januar 2024)
Quelle: www.facebook.com/ukr.embassy.usa

Die beiden trennen Welten und mehr als zwei Generationen. Wisława Szymborska hat eines ihrer wohl international bekanntesten Gedichte – „Katze in der leeren Wohnung“ – 1990 nach dem Tod ihres Lebensgefährten geschrieben, in jenem Jahr, als Maksym Kryvtsov in Riwne, einer Großstadt im Nordwesten der Ukraine, geboren wurde. Als sie 2012 verstarb, war Maksym noch nicht mal mit seinem Designstudium fertig und beschloss, Vegetarier zu werden. Sie war eine weltberühmte Nobelpreisträgerin, er publizierte gerade seinen ersten Gedichtband, auch wenn er Gedichte schon als Teenager geschrieben hatte. Szymborska verehrte Jonathan Swift, Charles Dickens und Thomas Mann. Kryvtsov begeisterte sich für Victor Hugo, Hermann Hesse und Ayn Rand. Sie starb mit 88, er mit 33.

Und trotzdem verbindet beide etwas – nein, nicht der Stil und nicht nur die Liebe für Katzen – wie ein unsichtbarer Faden. Denn für beide war Poesie die „Antwort auf das Leben, eine Art zu leben“, wie es das Nobelpreiskomitee 1996 in seiner Begründung für die Verleihung des Preises an Wisława Szymborska formulierte. „Doch die Dunkelheit, der [ihre Gedichte] nicht direkt erliegen, ist in ihnen spürbar wie die Bewegung des Blutes unter der Haut“, hieß es dort weiter. Bei Maksym Kryvtsov ist diese Dunkelheit – ja die grausame Finsternis – des Krieges direkt und fast brutal zu spüren.

Sein Vater war Zeitungsverkäufer, seine Mutter Bibliothekarin, Maksym wollte schöne Schuhe designen und Gedichte schreiben. Stattdessen zog er 2014 in den Krieg, den Russland im Donbas angezettelt hatte. Arbeitete später als Coach und Fotograf in einem Kindercamp und in einem Rehazentrum für Kriegsveteranen. Und meldete sich nach dem russischen Überfall im Februar 2022 freiwillig. Er konnte nicht anders.

Ich muss gestehen, dass ich Kryvtsovs Lyrik nicht wirklich kannte. Mag sein, dass ich schon mal das eine oder andere Gedicht von ihm gelesen habe, gepostet oder repostet von jemandem. Der Name kam mir auf jeden Fall sehr bekannt vor, als ich die traurige Nachricht sah. Nun geistern Kryvtsovs Gedichte im Netz, sie prasseln von überall auf einen nieder – mit ihren kühnen Metaphern, ihrer düsteren romantischen Symbolik und einer etwas melancholischen Grundstimmung. Die meisten seiner Verse handeln vom Krieg oder werden vom Krieg beeinflusst. Da ist es nicht einfach, Zerstörung und Tod auszublenden. Zwei Tage vor seinem Tod postete er auf Facebook ein Gedicht, das sehr direkt mit dem eigenen Tod umgeht und mit folgenden Zeilen endet:

„… Ich wünschte, es wäre Frühling/ um endlich/ zu sprießen/ wie ein Veilchen“.

„Sterben – das tut man einer Katze nicht an./ Denn was soll eine Katze in einer leeren Wohnung“, fängt das berühmte Gedicht von Wisława Szymborska in der deutschen Übersetzung von Karl Dedecius an. Das hat Maksym seiner Katze auch nicht angetan. Sie ist zusammen mit ihm gestorben.

Zumindest ein Gedicht hat er ihr gewidmet: „Ich möchte euch eine Geschichte erzählen/ über einen riesigen Kater/ rot/ wie trockene Augustmahd/

Er hat nur ein weißes Lätzchen/ seine Augen/ traurig grün/ wie grüne Butter/

er runzelt oft die Stirn/ als würde er eine wissenschaftliche Arbeit studieren …“

Kryvtsovs Ende Dezember erschienener Gedichtband „Gedichte aus einer Schießscharte“ – vom ukrainischen PEN zu den besten Lyrikbänden des Jahres gewählt – war nach der Nachricht von seinem Tod innerhalb weniger Stunden vergriffen. Tote Dichter verkaufen sich gut. Es ist schon immer so gewesen.

Lemberg, den 2. Januar, nachmittags

Am Neujahrstag ist die Stadt gewöhnlich ganz leer. In diesem Jahr sieht es nicht anders aus, auch wenn es diesmal ein Arbeitstag ist. Im Krieg gibt es keine Feiertage mehr. Es nieselt unangenehm, der Regen wird ab und zu stärker, und die seltenen Windböen scheinen sich gegen meinen Schirm verschworen zu haben. Zumindest riskiert man kaum, von einem vorbeifahrenden Auto von oben bis unten bespritzt zu werden.

Es gibt nämlich kaum Verkehr. Nur in einer Straße sammeln sich wenige Menschen in kleinen Grüppchen und drücken sich dicht an die Hausfassaden, um nicht nass zu werden. Mitarbeiter der Cafés, Einwohner der anliegenden Häuser. Wahrscheinlich wird hier bald ein Trauerzug zum Soldatenfriedhof vorbeifahren, er nimmt immer diese Route. Wenn die Busse in Begleitung einer Polizeieskorte vorbeifahren, knien die Menschen kurz, um den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen. Eine Standardroute, eine Standardbeerdigung, eine Standardzeremonie. Der Krieg standardisiert die Abläufe. Nur das Wetter variiert. Im Regen sieht eine Beerdigung besonders traurig aus. An diesem Neujahrstag gibt es zwei. Nicht nur bei den Behörden gibt es keine Feiertage.

Juri Durkots Tagebuch

Ich muss diesmal nicht zum Friedhof, nur kurz in eine Klinik. Auch da sieht es ziemlich leer aus, kaum Patienten, die Ärzte können sich zumindest etwas ausruhen. Auch keine Soldaten, denen man hier sonst jeden Tag begegnet.

In Werchowyna tragen ukrainische Soldaten den Sarg ihres Kameraden

In Werchowyna tragen Soldaten den Sarg ihres Kameraden
Quelle: dpa/Evgeniy Maloletka

Als ich das Gebäude verlasse und meinen Schirm bereits aufspannen will, stoße ich beinahe mit einer Frau zusammen. Ich kenne die Ärztin, wir begrüßen uns kurz. Sie setzt die Kapuze ihrer Regenjacke ab. Einer ihrer beiden Söhne kämpft im Osten. Sie kommt gerade vom Friedhof. Ein Kamerad ihres Sohnes sei gefallen, sagt sie. Der Sohn habe sie gebeten, der Beerdigung beizuwohnen. Er habe nicht freibekommen, es war unmöglich. Sie habe den Mann nicht wirklich gekannt, auch wenn der Sohn ihr seinen Freund einmal vorgestellt habe. „Wir Jungs werden hier immer weniger“, habe er zu ihr gesagt. Oder geschrieben? „Hoffentlich kommt jemand irgendwann auch zu meiner Beerdigung.“

In Europa wacht man nach einer langen Silvesternacht langsam auf. In Amerika schläft man noch. Ich spanne meinen Schirm auf und trete in den Regen hinaus.

Lemberg, den 30. Dezember, vormittags

Unsere Obsthändlerin Switlana ist deutlich aufgewühlt. Es ist später Nachmittag, normalerweise herrscht um diese Zeit auf dem Markt ein reges Treiben. Heute nicht. Es ist erstaunlich leer hier, einige Verkaufsstände haben bereits zugemacht, hier und da machen ein paar Menschen auf dem Weg nach Hause die letzten Einkäufe. Auch ansonsten tut sich an diesem letzten Arbeitstag des Jahres kaum noch etwas. Der laue Straßenverkehr erinnert eher an ein Wochenende als an eine Rushhour an einem Freitagnachmittag. Und das ausgerechnet kurz vor Silvester. Jeder will nach Hause. Betriebsfeten und Konzerte sind abgesagt worden, auch wenn es offiziell kein Trauertag ist.

Meine Frau und ich kaufen heute nicht viel bei Switlana. Ein paar Tomaten, dazu türkische Mandarinen, einen gemischten Salat und ein paar Kartoffeln von der Sorte, für die jemand einen romantischen Namen „Königin Anna“ kreiert hat. Switlanas Stimme ist ruhig, zittert kaum, als sie uns erzählt, wie sie den russischen Angriff erlebt hat. Wir wissen, dass sie in Sychiw wohnt, einem Stadtteil, der direkt auf der Route für russische Raketen liegt, wenn die Stadt angegriffen wird. Es ist eine immer noch von sowjetischen Plattenbauten dominierte Wohnsiedlung am südöstlichen Stadtrand, auch wenn sie sich zuletzt stark modernisiert hat. Dort leben so viele Menschen, dass jeder in Lemberg dort mindestens ein paar Bekannte hat.

Kartoffel und andere Obst- und Gemüsesorten werden an einem Marktstand am Rotkreuzplatz angeboten.

Wir kaufen heute nicht viel bei Switlana: Tomaten, Mandarinen, Salat und ein paar Kartoffeln
Quelle: Sven Hoppe/dpa/Archivbild

„Der Lärm war überwältigend, aber das ist nicht das Schlimmste“, sagt Switlana. „Es klang so, als würde die Rakete dich aufsaugen. Dann wurde sie abgeschossen. Gott sei Dank, nicht über unserem Haus, ein paar Hundert Meter weiter. Sonst würde ich hier heute nicht stehen“. Es ist ein Hochhaus, eine Platte mit neun Stockwerken, Switlana wohnt im zweiten, ihre Schwester im siebten. „Sie ist zu uns runtergekommen, und wir saßen im Flur zwischen zwei dicken Wänden“. Die Platte sei viel gefährlicher als ein Haus aus Ziegeln, sagt man. Sollten die oberen Etagen einstürzen, knicken unten ganze Sektionen ein. Dann liegt man unter einer Betonplatte begraben.

Bald weiß die ganze Stadt, wie viele Raketen es waren, wie viele abgeschossen wurden, worauf Russland zielte und was tatsächlich getroffen wurde. Gerüchte verbreiten sich schnell, dabei wird – wie so oft – so manches herbeiphantasiert und dazugedichtet. Offiziell gibt es keine Informationen. Der Feind soll nichts erfahren. Es ist richtig. Die Stadtbewohner wissen es sowieso.

Ein toter Mann, fünfzehn Verletzte. Verglichen mit den inzwischen 33 (ob diese Zahl noch weiter steigt?) Todesopfern und über 150 Verletzten landesweit ist es nur ein kleiner Teil. In Kiew, Dnipro, Odessa oder Saporischschja sah es viel schlimmer aus. Trotzdem schaffen es auch die Bilder aus Lemberg in die Tagesschau im deutschen Fernsehen. Demolierte Klassenräume in einer Schule, drinnen und draußen überall Trümmer, Löcher in den Innenwänden und Außenmauern, Häuser ohne Fenster. Gleich danach folgt ein Bericht über das besonders erfolgreiche Börsenjahr 2023.

Inzwischen gehen die absurden Diskussionen über Waffenlieferungen und Finanzhilfen an die Ukraine weiter. Im US-amerikanischen Kongress und in den europäischen Hauptstädten. Hoffentlich wird irgendwann das Böse vom Absurden besiegt werden.

Lemberg, den 23. Dezember, nachmittags

Es ist eine lange und gut erhaltene Tradition in Osteuropa, dass man zu Weihnachten Weihnachtslieder singt. Die Ukraine ist hier keine Ausnahme. Die Familie – meistens sind es mehrere Generationen – versammelt sich bei der Wigilia am Heiligen Abend am Tisch, und irgendwann stimmt jemand beim traditionellen Nachtisch Kutja – zubereitet aus Weizen, Honig, Nüssen und Mohn – das erste Weihnachtslied an.

Wenn die Gesellschaft nicht ganz unmusikalisch ist, singt man es sogar mehrstimmig. Auf dem Lande und in den Städten, vor allem in der Westukraine, werden auf den Straßen Krippenspiele aufgeführt, auch wenn sich die Weihnachtsgeschichte inzwischen stark kommerzialisiert hat. In Lemberg dient das Geschehen längst dazu, Touristen anzulocken.

Juri Durkots Tagebuch

In der Sowjetzeit war es ganz anders. Weihnachtslieder und Krippenspiele waren nicht erlaubt. Schullehrer und Universitätsdozenten wurden verpflichtet, an Weihnachten und Ostern vor der Kirche zu stehen und Schüler oder Studenten zu denunzieren, die zum Gottesdienst kamen. Einige haben dabei ein Auge zugedrückt. Oder sogar beide. An einen öffentlichen Umzug war nicht zu denken.

Die Tradition hat aber überlebt. Nicht nur, dass man Weihnachtslieder zu Hause gesungen hat. Man pflegte in kleinen Gruppen – in der Regel waren es ältere Schüler oder Studenten – Bekannte oder Verwandte von jemandem aus der Gruppe zu besuchen, denen man absolut vertrauen konnte. Es hatte nicht unbedingt etwas mit einem tiefen Glauben zu tun; es war auch eine Art Protest gegen das System, eine unwiderstehliche Versuchung, einen verbotenen Apfel zu kosten. Die Eltern sagten uns nur, dass wir vorsichtig sein sollten.

Kiew am Tag vor Heiligabend

Kiew am Tag vor Heiligabend
Quelle: dpa/Uncredited

1983 zogen wir, frisch gebackene Studenten, von einer Wohnung zur anderen und klingelten immer nur an den Türen von vertrauten Personen. Weihnachtslieder stimmten wir erst an, wenn wir schon in der Wohnung waren. Wir haben sie alle vorher mehrstimmig eingeübt, es klang wie ein kleiner Chor. Der Winter war kalt und frostig. Anfang Januar (damals feierte man Weihnachten nach dem Julianischen Kalender, der erste Weihnachtstag war am 7. Januar; erst 2023 werden ukrainische Kirchen Weihnachten am 25. Dezember feiern) waren die Straßen von Schneebergen gesäumt.

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Ich weiß nicht mehr, ob es die dritte, vierte oder fünfte Adresse war. Wir gingen in einen Hinterhof, die Wohnung einer Verwandten oder eines Bekannten von jemandem aus unserer Clique lag auf der anderen Hofseite im Erdgeschoss. In dem Moment, als wir auf den Klingelknopf drückten, wurden wir von einer Polizeistreife umstellt. Wir hatten nicht aufgepasst, nun war es zu spät. Die Polizisten waren ziemlich professionell vorgegangen, am Tor zum Hinterhof drückten sich ein paar ihrer Kollegen herum.

Es gab kein Entkommen. Die Polizisten wollten wissen, was wir hier denn machen würden. Unsere Tante besuchen, war die Antwort. In diesem Moment ging die Tür auf und eine ältere Dame trat aus dem Dunst der warmen Wohnung. Ob sie diese jungen Leute kennen würde, fragte schroff ein Polizist. Keine Ahnung, ob die Frau ihren Neffen oder ihre Enkelin in der Gruppe erkannt hatte, sie sagte aber sofort: Ja. Nun traten wir alle ein, mitsamt zwei Polizisten. Irgendwie passten die beiden Uniformierten nicht wirklich zu unserem Chor. Und schon gar nicht zu einem Krippenspiel.

Nun wollten sie unsere Personalien aufnehmen. Wir standen in einer Reihe oder in einem Halbkreis im Korridor, junge Frauen und Männer, etwas verunsichert und leicht verängstigt. Ein Polizist holte einen Notizblock und einen Kugelschreiber hervor. Er hatte die Wahl, rechts oder links anzufangen. Er hat sich für rechts entschieden. Wie es sich herausstellte, war das unsere Rettung.

Der kräftige junge Mann holte seinen Ausweis aus der Tasche. Er war der einzige in unserer Gruppe, der nicht an der Uni war. Er machte gerade eine Ausbildung zum Koch. Ach, diese Köche, murmelte der Polizist, der plötzlich das Interesse an uns verloren hatte. Er hat wohl unsere ganze Clique für einen Kochtrupp gehalten. Köche singen ja bekanntlich bei der Arbeit. Passt auf euch gut auf, sagte er nur und ließ uns allein in der Wohnung zurück. Hätte er am anderen Ende angefangen, würde ich diese Zeilen heute wahrscheinlich nicht schreiben. Mein Germanistikstudium wäre wohl an diesem Abend futsch gewesen. Genauso wie das Studium meiner Freunde.

Lemberg, den 13. Dezember, vormittags

An der Uni hatten wir einmal in der Woche Militärunterricht. Anders als in der Schule war es nicht eine Stunde, sondern ein ganzer Tag. Nach außen sah es ähnlich aus – die Jungs mussten zum Appell antreten und ein bisschen hin- und hermarschieren. Lange Haare und Jeans waren nicht erlaubt. Man musste ein grünes Militärhemd mitsamt einem grünen Schlips tragen, der durch einen Gummiband unter dem Hemdkragen befestigt wurde. Er durfte auf gar keinen Fall schief sitzen.

Doch wenn wir in der Schule hin und wieder eine Kalaschnikow in die Hand bekommen hatten, die wir auf Zeit auseinandernehmen und danach zusammenbauen mussten – dabei blieben bei manchen oft einige Teile zurück –, ging es an der Uni um viel ernstere Sachen. Nämlich um die Propaganda.

In der Sowjetunion gab es an vielen Hochschulen – vor allem an den Universitäten – Militärabteilungen. Ihre Aufgabe bestand darin, Offiziere der Reserve auszubilden. Die Pflichtausbildung dauerte drei Jahre, danach legte man eine Prüfung ab und musste anschließend einen Monat in einem Militärlager verbringen. Danach war man ein frisch getaufter Leutnant der Reserve. Der Vorteil für Studierende war, dass man nicht für zwei Jahre als einfacher Soldat in die sowjetische Armee eingezogen wurde. Denn Rekruten waren nicht nur den Schikanen der Vorgesetzten und ihrer älteren Kameraden ausgesetzt (die sogenannte Dedowschtschina war in der Sowjetarmee weit verbreitet); gegebenenfalls mussten sie gar bei den „Friedenseinsätze“ genannten Überfällen auf andere Länder teilnehmen.

Beim Studium der Germanistik und Romanistik gab es eine Besonderheit – hier waren auch Frauen wehrpflichtig. Dies brachte etwas mehr Farben in die sonst graue und eintönige Welt des Militärunterrichts und sorgte womöglich für eine bessere Stimmung bei manch einem Leutnant, der uns unterrichtete. Wir alle sollten zu Militärübersetzern ausgebildet werden, vor allem aber durch Gegenpropaganda für ideologische Zersetzung des Feindes zuständig sein. Uns wurde etwa eingebläut, wie man ein Flugblatt verfasst mit der Aufforderung, sich zu ergeben. Oder wie man einen Gefangenen vernimmt. Oder etwa die Struktur der Bundeswehr.

An dieses Zeug erinnert sich nun wirklich niemand mehr. Was aber wohl allen in Errinerung geblieben ist, sind die „geheimen Notizbücher“ (sekretnyje tetradi). Es waren dicke Hefte, deren Seiten durchnummeriert, mit dickem Garn zusammengenäht und versiegelt wurden. Man war verpflichtet, dort die langen Vorträge und sonstige Informationen aufzuschreiben. Nach dem Unterricht musste man die Notizbücher an die für den Geheimnisschutz zuständige Person zurückgeben (bei uns war es meistens eine Studentin – eine „sekrettschitsa“), die sie in einem kleinen Koffer verstaute und in einem Tresor wegschloss. So hütete der Kommunismus seine Geheimnisse.

Ein genialer Spion – ein Mozart der Spionagekunst sozusagen – hätte all diesen Stuss, der hauptsächlich aus verschachtelten Sätzen und sinnlosen Definitionen bestand, wie eine komplizierte Sinfonie oder einen mehrstimmigen Chor irgendwo zu Hause unter der Bettdecke aus dem Gedächtnis hervorgeholt und ihn mit Geheimtinte niedergeschrieben, um diese wertvollen Informationen anschließend in einer Baumhöhle für einen ausländischen Agenten zu hinterlassen. Wir waren aber nur ganz normale Studenten, keine Spione. Und außerdem gab es in den „geheimen Notizbüchern“ keine echten Geheimnisse.

Denn niemand im Bildungs- oder Verteidigungsministerium, der bei Verstand war, hätte solche den Studierenden anvertraut. Die ganze Geheimniskrämerei diente nur als Mittel zur Disziplinierung und Einschüchterung, war aber typisch für die Welt der kommunistischen Paranoia, in der selbst die Anzahl an neugepflanzten Bäumen in einem Park als Staatsgeheimnis eigestuft werden konnte. Genau wie im heutigen Russland. Man sollte sich ja von der feindlichen Welt umzingelt fühlen.

Ein sowjetischer Panzerkonvoi auf der Fahrt zur sowjetischen Grenze am Kontrollpunkt Ter Mez im Mai 1988. Gemäß dem Genfer Afghanistan-Abkommen vom April 1988 wurden bis zum 15. Februar 1989 alle sowjetischen Truppen aus dem Land abgezogen.

Sowjetische Truppen beim Abzug aus Afghanistan 1988
Quelle: picture-alliance / dpa

Das Problem war nur, dass immer wieder jemand vergaß, sein Notizbuch nach dem Unterricht zurückzugeben. Es konnte sogar passieren, dass sich die gesamte Gruppe mitsamt der Verantwortlichen und dem braunen Geheimkoffer in einer Cafeteria um die Ecke einfand, was in den Augen der Offiziere beinahe einem Landesverrat glich. Eine Studienkollegin packte einmal ihr „geheimes Notizbuch“ kurzerhand in die Tasche und lief zu einem Date. Als sie abends gegen neun Uhr nach Hause kam, waren ihre Eltern kurz vor einem Herzanfall. Inzwischen hatte der Dozent – ich glaube, es war ein Oberstleutnant – zusammen mit der Polizei bereits viermal bei den Eltern vorbeigeschaut und sie terrorisiert. Er deutete an, dass die Tochter mit ziemlicher Sicherheit von der Uni fliegen würde.

Am nächsten Tag wurde sie zum Vizerektor bestellt. Sehen Sie, sagte der Mann, wir leben in einer Welt voller Feinde, die unseren sozialistischen Staat vernichten wollen. Ihr Notizbuch hätte ja in die Hände eines Spions gelangen können, dann hätten Sie der Sache des Kommunismus damit einen enormen Schaden zugefügt. Die junge Studentin zeigte Reue und versuchte sich zaghaft zu wehren, indem sie behauptete, es gebe ja in diesen Notizbüchern keine echten Geheimnisse. Offenbar war es ein falsches Argument, denn daraufhin rastete der Vizerektor regelrecht aus. Meine Kommilitonin war damals ziemlich sicher, dass ihre Tage an der Uni gezählt seien. Warum sie doch nicht rausgeschmissen wurde, weiß sie bis heute nicht.

So lustig, wie es sich anhört, war es eben nicht. Zumal der Herbst 1983, als unsere Militärausbildung im zweiten Studienjahr gerade anfing, in einer anderen, viel bedeutsameren Sicht eine Zäsur für uns war. Vor allem für die Jungs. In diesem Jahr führte man die Einberufung zum zweijährigen Wehrdienst für Studenten ein. Der Sowjetunion fehlten für ihren Krieg im Afghanistan die Rekruten. Viele wurden tatsächlich nach Afghanistan geschickt. Man spekulierte sogar, dass in den Krieg vorwiegend junge Männer aus der nicht ganz loyalen Peripherie geschickt wurden, wozu auch Galizien zählte. Genauso wie heute in Russland.

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Beerdigung eines russischen Soldaten in Krasnojarsk, März 2022 (Foto der russischen Nachrichtenagentur Tass)

Ganz normale Russinnen

Aus meinem Bekanntenkreis ist niemand in Afghanistan gefallen. Einige sind aber psychisch traumatisiert zurückgekehrt. Die anderen konnten sich durch Beziehungen retten und in einer „normalen“ Einheit irgendwo im Hinterland ihren zweijährigen Wehrdienst leisten. Ich hatte das Glück, wegen einer Sehschwäche als wehruntauglich eingestuft zu werden.

Im selben Herbst 1983, also vor ziemlich genau 40 Jahren, wurde in der Bundesrepublik ein Preis an einen alten Mann verliehen. Wir Germanistikstudenten haben davon damals nichts mitgekriegt. Der Kommunismus hütete nicht nur seine Geheimnisse, sondern isolierte seine Bürger von den Informationen aus der freien Welt. Weder der Preis noch der Name des Preisträgers wäre für uns damals ein Begriff gewesen. Wir hatten einfach keine Ahnung, obwohl der Mann aus Galizien stammte. Das ist aber eine neue Geschichte für einen neuen Text.

Lemberg, den 30. November, abends

Der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 durch westliche und moslemische Staaten, über den ich in meinem Text vom 17. September erzählt habe, war nicht die einzige Folge der sowjetischen Invasion in Afghanistan im Jahr zuvor. Es schien, als hätte der Einmarsch eine Kettenreaktion ausgelöst, was damals allerdings niemandem bewusst war. Nachdem ausländische Sportler, Fans und Touristen im Sommer 1980 größtenteils ausgeblieben waren, passierte mit einer gewissen Verzögerung etwas für den grauen sowjetischen Alltag kaum Vorstellbares. Als hätte die Partei ihren Bürgern den Verlust der großen Show wettmachen wollen. Als wäre sie darauf erpicht gewesen, den Teenagern das Erwachsenwerden zu erleichtern. Als hätte sich der Kommunismus zum Ziel gesetzt, seinen zukünftigen Kriegsveteranen das Trauma zu versüßen.

Wie dem auch sei, einige Monate oder vielleicht ein Jahr nach den Spielen – genauer weiß ich es nicht mehr – waren plötzlich die Geschäfte und Kioske voll mit westlichen Zigaretten und Alkohol. Zunächst musste es in der Hauptstadt passiert sein, und womöglich dachten viele, dass es genauso wie mit Orangen oder Bananen geschehen würde, die Dienstreisende aus der sowjetischen Peripherie und sonstige Provinzler – wenn der glückliche Zufall wollte, dass sie sich zur rechten Zeit in einer passenden Schlange in Moskau angestellt hatten – von ihrem Besuch im Herzen des Imperiums mit nach Hause brachten. Aber nein, diesmal meinte es die kommunistische Führung anscheinend wirklich ernst. Bald durften auch Menschen in der tiefsten ukrainischen Provinz die Genussmittel aus der von der sowjetischen Propaganda doch immer beschimpften und verteufelten kapitalistischen Welt konsumieren.

Tatsächlich war der Grund für diesen urplötzlichen Anfall unglaublicher Großzügigkeit sowjetischer Führung recht simpel. Für die Olympischen Spiele hatten die kommunistischen Wirtschaftsplaner in Erwartung der Besucherströme aus dem Westen große Mengen Alkohol und Zigaretten eingekauft. Nun wusste man nicht mehr, wohin damit.

Ich kann mich heute noch an manche Zigarettenmarken von damals erinnern: Kent, Salem, Winston … Mit dem Alkohol ist es schwieriger. Aber es gab definitiv einen Cinzano, diverse andere Wermutweine, wahrscheinlich auch skandinavische Wodkas. Keine Ahnung, die meisten in unserer Clique waren damals noch nicht einmal achtzehn.

Diesem Füllhorn war allerdings kein langes Leben beschert, das Rinnsal des Genüsslichen trocknete bald aus wie ein seichter See in sommerlicher Hitze. Dem Laster konnte man sowieso nur gelegentlich frönen, etwa bei einer Geburtstagsparty oder einer Studentenfete. Als hätte sich die Partei damit bei der jungen Generation anbiedern wollen. Für den Kommunismus werben. Oder für dessen Ende. Für alte, hartgesottene Kettenraucher waren die westlichen Zigaretten, die dreimal so viel wie die schlechten sowjetischen oder die etwas besseren bulgarischen kosteten, viel zu teuer.

Ich weiß nicht mehr, was zunächst aus unserem Leben verschwand – westliche Zigaretten und Alkohol oder Leonid Breschnew, der senile, ewige Generalsekretär. Für unsere Generation verkörperte er DEN Generalsekretär schlechthin, er war eine Inkarnation des Generalsekretärischen, der einzige, den wir in unserem Leben kannten (genau wie heute junge Menschen in Russland im Falle ihres Präsidenten), einen anderen gab es ja nicht. Es ist ja sowieso eine russisch-sowjetische Tradition, dass der Herrscher bis zu seinem – natürlichen oder gewaltsamen – Tod auf dem Thron bleibt, einem goldenen oder einem kommunistischen.

Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, glaube ich, dass Breschnew doch zuerst abgeschieden ist. Denn niemand hätte sich mehr das Leben ohne westlichen Alkohol, aber immer noch mit Breschnew vorstellen können. Es wäre einfach nicht mehr auszuhalten gewesen. Die Genussmittel aus den Ländern des „verfallenden Kapitalismus“ müssen erst 1983 aus den Regalen verschwunden sein. Ansonsten gab es in diesem Jahr noch zwei andere wichtige Ereignisse, von denen ich aber als pflichtbewusster Chronist erst im nächsten Text erzählen werde.

Lemberg, den 20. November, nachmittags

Die Geschichte Osteuropas ist dafür da, um den Westen zu verwirren. Das fängt schon bei dem Begriff selbst an, der – durch den Kalten Krieg geprägt – nicht nur geografisch, sondern vor allem politisch definiert wurde. „Osteuropa“ beziehungsweise der englische Ausdruck „Eastern Europe“ wurden mehr oder weniger synonym zu „Ostblock“ verwendet; dazu gehörten Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg zwar ihre Unabhängigkeit formell bewahrt oder wiedererlangt haben, aber unter den von der Sowjetunion aufgezwungenen kommunistischen Regimen leben mussten. Die westlichen Sowjetrepubliken wurden dagegen immer als Teil der Sowjetunion (im Alltag einfach – Russland), und nicht als Osteuropa betrachtet.

Wie die amerikanische Historikerin Anne Applebaum in ihrem Buch „Der Eiserne Vorhang“ (2013) betont, konnten die einzelnen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs von der Sowjetarmee besetzten Gebiete „Osteuropas“ aber kaum unterschiedlicher sein. Applebaum macht die gewaltigen Unterschiede zwischen den damals neu entstandenen kommunistischen Staaten deutlich. Die Tschechoslowakei war in der Zwischenkriegszeit eine Demokratie, Ostdeutschland Teil des nationalsozialistischen Dritten Reichs, die anderen Staaten waren Monarchien, Autokratien oder gar halbfeudale Staaten.

Ihre Einwohner waren Katholiken, Orthodoxe, Protestanten, Juden und Muslime. Sie sprachen slawische, romanische, finno-ugrische Sprachen und Deutsch. Das neue „Osteuropa“ umfasste das industrialisierte Böhmen und das ländlich geprägte Albanien, das kosmopolitische Berlin und winzige Dörfer aus ein paar Holzhäusern in den Bergen der Karpaten. Unter den Völkern der Region gab es einstige Untertanen der Habsburger Monarchie, des Russischen und des Osmanischen Reiches sowie Preußens.

Doch was die Geschichte Osteuropas so kompliziert macht, ist die Tatsache, dass es immer wieder zum Spielball in den Händen der Großmächte wurde. Unser Stadtführer in Uschhorod erzählte uns von seiner Urgroßmutter, die in neun verschiedenen Staaten gelebt hatte, ohne ihre Heimatstadt jemals verlasen zu haben: Geboren 1913 kaum zwei Dutzend Kilometer nördlich von Uschhorod in der Kleinstadt Peretschyn im ungarischen Teil des Habsburger Reiches, wachte sie eines Tages im November 1918 in der Demokratischen Republik Ungarn auf, die jedoch nur wenige Monate bestand; danach erlebte sie 1919 in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg die vom Roten Terror geprägte viermonatige kommunistische Diktatur der Ungarischen Räterepublik; ihre Jugendjahre verbrachte sie in der Tschechoslowakei, wo sie den Aufschwung der Region in der Zwischenkriegszeit beobachten durfte; nach der Zerstückelung des Landes durch Hitler wurde das Gebiet im März 1939 Teil der kurzerhand ausgerufenen Karpatenukraine, die jedoch formell nur wenige Wochen und de facto nur wenige Tage existierte; nun musste die junge Frau die Annexion von Transkarpatien durch das Horthy-Ungarn und die darauffolgende Vernichtung von Juden miterleben; nachdem die Rote Armee 1944 die Region befreit und gleichzeitig besetzt hatte, kehrte diese zunächst in die Tschechoslowakei zurück, inzwischen als „autonomer“ Fremdkörper unter dem Namen Transkarpatische Ukraine unter sowjetischer Besatzung (sozusagen als eine Art „Donezker Volksrepublik“), bis sie 1945 endgültig in die Sowjetukraine inkorporiert wurde. Die Urgroßmutter hatte noch 1991 die ukrainische Unabhängigkeit miterlebt, bevor sie wenige Monate später verstarb.

Wäre sie direkt in Uschhorod selbst geboren worden, hätte ihr wilder Lauf durch verschiedene Staaten und quasi-staatliche Gebilde wieder etwas anders ausgesehen (auf jeden Fall hätte es dort keine Karpatenukraine gegeben), wir wollen aber lieber weitere Aufzählungen auslassen, um die Sache nicht noch weiter zu verkomplizieren. Es blickt ja sowieso kein normaler Mensch im Westen mehr durch.

Vielleicht hat jeder Stadtführer in Uschhorod eine Urgroßmutter mit einem ähnlichen Schicksal. Gut möglich. Solche Geschichten sind typisch für die westukrainischen Gebiete. Auch in meiner Heimat Galizien, hier in Lemberg, sieht es kaum anders aus – nur, dass die Mächte leicht variieren: Österreich-Ungarn, die Erfahrung mit der russischen Besatzung im Ersten Weltkrieg (1915–1916), Westukrainische Volksrepublik (1918–1919), verlorener Krieg gegen Polen, Zweite Polnische Republik in der Zwischenkriegszeit, sowjetische Besatzung nach dem Hitler-Stalin-Pakt gleich am Anfang des Zweiten Weltkriegs im September 1939, deutsche Besatzung nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941, Befreiung und erneute sowjetische Besatzung 1944, UdSSR und ukrainische Unabhängigkeit.

Kein Wunder, dass dabei auch die Straßen immer wieder neue Namen bekamen. So wurde die Hauptstraße Lembergs, der heutige Prospekt Swobody (Boulevard der Freiheit), entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der Gründerzeit zu einer prächtigen Flaniermeile mit der Oper am Ende ausgebaut, insgesamt siebzehnmal umbenannt (ursprünglich waren es zwei verschiedene Straßen mit einer Fußgängerzone in der Mitte, die jeweils immer neu umbenannt wurden). In Kiew wechselte die Macht im Kaleidoskop der Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg zwischen 1918 und 1920 nicht weniger als fünfzehnmal. So etwas auf einen Zweikampf zwischen den Roten und den Weißen zu reduzieren, würde die Sache ad absurdum führen, wie der britische Historiker Norman Davies in seinem Buch „Europe. A History“ (1996) betont.

Solche historischen Vereinfachungen veranschaulichte der deutsche Journalist und Autor Anton Sterzl in den 90er-Jahren einmal in folgender Anekdote: „Ein Amerikaner fragt einen Deutschen aus der Munkaczer Sprachinsel, der in die USA ausgewandert ist, woher er komme. – Aus Unterschönborn bei Munkacz in der Karpatenukraine. – Dann sind Sie also Ukrainer? – Nein. Bei Kriegsende gehörte unser Dorf zu Ungarn. – Ah, Sie sind Ungar? – Nein, wissen Sie, vor dem Krieg gehörte die Karpatenukraine zur Tschechoslowakei. – Sie sind demnach ein Tscheche? – Nein ich bin Deutscher. – Gehört Ihr Land also zu Deutschland? – Zu Deutschland hat es nicht gehört, früher einmal zu Österreich-Ungarn. – Zum Donnerwetter, und zu welchem Staat denn jetzt? – Zur Sowjetunion. – Na, dann ist doch klar, Sie sind Russe“.

Bei solchen Wirren der Geschichte verliert man schnell den Überblick. Es ist viel einfacher, alles auf Russland und die Sowjetunion zu reduzieren. Das haben viele vor dem russischen Überfall auf die Ukraine gemacht. Und manche machen es heute immer noch.

Lemberg, den 6. November, vormittags

Der Lyriker und Übersetzer Ostap Slyvynsky erzählte mir vor einiger Zeit folgende Geschichte. Vor ein paar Jahren, als der Winter wie üblich zahlreiche Löcher im Asphalt der Lemberger Straßen gerissen hatte, nahm er sich ein Taxi. Er war im Stadtteil Sychiw unterwegs, einem inzwischen stark modernisierten, aber immer noch von sowjetischen Plattenbauten der 1980er-Jahre geprägten Bezirk im äußersten Südosten Lembergs. Die rechte Hand des Taxifahrers lag auf dem Lenkrad, in der linken hielt er ein Handy. Wie damals üblich, telefonierte er wild beim Fahren.

Als sich der Anblick auf eine große Kirche öffnete, und das Weiß der Kirchenmauern mitsamt dem Gold der Kuppeln die graue Tristesse der Hochhauspanoramas durchbrach, fühlte sich der Fahrer als gläubiger Christ verpflichtet. Er musste sich bekreuzigen. Wohlgemerkt, es war eine ganz wichtige Kirche, die im Volksmund – auch wenn offiziell Mariä Geburt geweiht – den Namen von Johannes Paul II. trägt, des Papstes, der dort 2001 auf dem weiten Vorplatz zu einer halben Million junger Menschen gesprochen hatte.

Ohne zu zögern, nahm der Fahrer seine rechte Hand vom Lenkrad, um sich im Vorbeifahren zu bekreuzigen. Da seine linke gerade mit dem Telefonieren beschäftigt war, bewegte sich nun das Taxi sozusagen im autonomen Modus, auch wenn dieser Begriff damals noch nicht in Mode war. In diesem Moment rutsche ein Vorderrad in ein vom tückischen Winterwetter hinterlassenes Loch. Ob es das rechte oder das linke Rad war, darüber schweigt die Geschichte. Das Lenkrad schlug wild aus. Der Fahrer fluchte derb; irgendwie gelang es ihm jedoch, das Auto abzufangen. Er fuhr unbekümmert weiter. Das kleine Holzkreuz baumelte friedlich am Innenspiegel. Wahrscheinlich ist der Mann bis heute davon überzeugt, dass eine göttliche Hand ihn vor einem Unfall gerettet hat.

Der Krieg ist die Zeit für andere Geschichten, die Ostap Slyvynsky in seinem beim Berliner Verlag edition.fotoTAPETA in diesem Jahr erschienenen Band „Wörter im Krieg“ meisterhaft erzählt (Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck, 15 Euro). Leise, zurückhaltend, eindringlich und einfühlsam. Besser gesagt: Er lässt seine Zeuginnen und Zeugen, vor allem Kriegsflüchtlinge, zu Wort kommen. Dabei macht uns Ostap Slyvynsky noch einmal auf etwas aufmerksam, was viele Autorinnen und Autoren auf die eine oder andere Weise ausgedrückt haben: Der Krieg verändert unsere Sprache, er verändert den Sinn der Begriffe.

Wer hätte gedacht, dass man beim Wort „Badezimmer“ einmal vor allem an einen Ort denken würde, an dem man den Beschuss überleben kann, wenn eine Druckwelle sämtliche Fensterscheiben sprengt und die Wohnung voller Glasscherben ist? Dass die Kinder beim „Donner“ in den Keller laufen würden? Dass „bombig“ jemals zu einem Tabu-Wort werden würde? „Manche Bedeutungen werden stumpf, man muss sie schärfen wie ein Messer mit einem Schleifstein. Andere wiederum werden so scharf, dass man sich an ihnen verletzen kann“, schreibt Ostap Slyvynsky im Vorwort. Es ist kein Zufall, dass er sich dabei an den Gedichtszyklus „Die Welt. Eine naive Dichtung“ von Czesław Miłosz erinnert fühlt. Darin hatte der polnische Dichter 1943 im besetzten Warschau versucht, die einfachen Wörter neu zu erklären.

Blick vom Rathausturm auf die Altstadt von Lemberg

Blick vom Rathausturm auf die Altstadt von Lemberg
Quelle: pa/dpa/DB Ulf Mauder

Manchmal bedrückt der Gedanke, dass anderen etwas Schreckliches passiert ist, so sehr, dass man verstummt. „Vielleicht habe ich nur wenig durchgemacht und es ist lächerlich, dass ich meine Geschichten so zur Schau stelle“, sagt Vika aus Mariupol. „Ich weiß ja nicht, was mein Gegenüber erlebt hat. Vielleicht denkt er oder sie dasselbe. So sitzen wir und schweigen. Dabei haben wir so viel erlebt, dass es für hundert Menschen reichen würde“. Gerade deswegen dürfen Schriftsteller nicht schweigen.

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