Friday, May 24, 2024

Jóhann Jóhannsson: Wie man dem Strom seine Magie wieder gibt

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Der Beginn aller Klangwelt war einmal ein Es-Dur-Akkord. Er stieg langsam auf aus dem Nichts eines Orchestergrabens, begann zu fließen, alles begann zu fließen, erst der Rhein, dann eine gewaltige Erzählung. Am Anfang von Wagners „Ring des Nibelungen“ war das so.

Anderthalb Jahrhunderte später ist der Beginn aller Klangwelt ein Brummen. Harmonisch nicht dingfest zu machen, dröhnt es dunkel vor sich hin. Streicherflächen kommen dazu, schichten sich, flirrende Klarinetten fliegen drüber, Hörner rufen. Der Raum weitet sich, eine Kathedrale des Klangs entsteht. In den vier Sätzen von „A Prayer to the Dynamo“, der verlorenen Sinfonie des isländischen Filmmusikrevolutionärs (und Oscar-Preisträgers) Jóhann Jóhannsson ist das jedes Mal so.

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Das Brummen hat Jóhannsson aufgenommen wie seine isländische Filmmusik-Kombattantin (und Oscar-Preisträgerin) Hildur Guðnadóttir die Klangbasis für ihre Musik zur „Chernobyl“-Serie in einem ehemaligen litauischen Kernkraftwerk aufnahm. Elliðaár lieferte das Urgeräusch für Jóhannssons Sinfonie. Das erste Wasserkraftwerk Islands wurde 1921 in einem idyllischen Tal unweit von Reykjavík an einem Flüsschen eröffnet und 1990 geschlossen, inzwischen ist es Museum und Kulturzentrum, einmal im Jahr wird es angeschaltet, um Maschinen und Generatoren geschmeidig zu halten.

Bruckner des 21. Jahrhunderts

Jóhannsson wollte in Elliðaár einen Schwarzweiß-Film drehen mit Super 8. Die Schnittstellen von Glauben und Elektronik, von Technik und Religion haben den Sohn eines Computerfricklers, der selbst mit seinem IBM komponierte, immer fasziniert. Der Film blieb bis zum Tod Jóhannssons 2018 in Berlin unvollendet.

Das musikalische Gebet an den Dynamo war fertig, wurde 2012 in Winipeg uraufgeführt. Jetzt ist bei Jóhannssons (und Guðnadóttirs) Hauslabel Deutsche Grammophon die in Reykjavíks legendärem Konzertsaal Harpa mit dem Iceland Symphony Orchestra unter Daníel Bjarnason entstandene Ersteinspielung erschienen.

Es sind wie immer Variationen über die Stille, Erzählungen über den Urgrund der Energie, Versuche, das Unhörbare hörbar, aus Schweigen, aus Sirren Räume zu machen. Niemand konnte das wie Jóhann Jóhannsson, der in dem Klangkleid, das er für Denis Villeneuves Außerirdischen-Drama „Arrival“ und in James Marsh Stephen-Hawking-Biopic „The Theory of Everything“ das Weltall Klang werden ließ. Jóhannssons Filmmusik hielt sich immer fern und frei von dem, was im Film konkret verhandelt wurde, bebilderte nie akustisch, was man sowieso sah, liefert den Hallraum der Geschichte, lieferte eine Erzählung unter der Erzählung.

„A Prayer to the Dynamo“ markiert Jóhannssons endgültigen Ausbruch ins Freie. Lose basiert der Viersätzer auf einem Buch des amerikanischen Kulturphilosophen (und Antisemiten) Henry Adams (1938 bis 1918), der 1900 nach seinem Besuch bei der Weltausstellung in Paris vom „Dynamo und der Jungfrau“ schrieb, dem Zusammenhang von Gott- und Technikglaube.

Was „A Prayer to the Dynamo“ vollzieht, ist die Re-Mystifizierung des Technischen, die Rückgewinnung des Magischen aus dem Innern des Stroms. Bruckner mit den Mitteln der 21. Jahrhunderts gewissermaßen.

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