Tuesday, June 25, 2024

Unternehmen bekommen Kredite über grüne Finanzierung – WELT

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Auf dem Fabrikdach glänzt eine riesige Photovoltaikanlage, sammelt Sonnenenergie, die direkt in die Abfüllanlagen und den würfelförmigen Speicher fließt. Wärmepumpen regeln die Temperatur in der auf Energie-Effizienzstandard KfW 40 getrimmten Halle. Über das Fabrikgelände surren Elektro-Lkw und auch die Mitarbeitenden werden angehalten, statt mit dem Verbrenner mit E-Auto oder E-Bike zur Arbeit zu kommen. Ladesäulen auf dem Firmengelände sorgen für stets volle Akkus.

Die neue Produktionsstätte des Kosmetikherstellers Babor in Eschweiler bei Aachen ist für Unternehmerin Isabel Bonacker mehr also nur ein Bauwerk. Wir haben hier in die Zukunft investiert.“ Ab Juni diesen Jahres produziert Babor hier nach höchsten Nachhaltigkeitsstandards, will ab 2030 komplett energieautark sein und nahezu ohne fossile Brennstoffe auskommen.

Einzige Ausnahme sind noch die Spezialmaschinen für die Ampullen-Produktion, für deren Betrieb in Zukunft aber Wasserstoff zum Einsatz kommen soll. Für die kommenden Jahre plant Babor zudem eine CO2-Capturing-Anlage.

60 Millionen Euro hat die neue Fabrik gekostet; ein Teil des Geldes kam von der Deutschen Bank – und zwar in Form eines ESG-gebundenen Kredits. Dabei ist die Höhe der Zinsen an die Klimaziele des Unternehmens gekoppelt: „Wir haben uns dazu verpflichtet, unsere CO2-Emissionen bis 2025 um 50 Prozent im Vergleich zu 2019 zu reduzieren. Schaffen wir das, zahlen wir etwas nettere Zinsen“, erklärt Bonacker.

Lebenszyklus der Produktpalette

Gelingt es nicht, spendet Babor an eine Nachhaltigkeits-NGO. Ihr Sustainability-Team prüft gerade den Lebenszyklus der gesamten Produktpalette. Bis 2025 sollen Verpackungen aus wiederverwertbarem Material bestehen, die Rezepturen der Kosmetika nach einem hohen cleanen Standard entwickelt sein.

„Die Motivation für den Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit muss aus dem Unternehmen selbst kommen, genauso wie der Wille zur Innovation“, weiß auch Marcus Thiel, Leiter Nachhaltige Unternehmensfinanzierung bei der Deutschen Bank, der auch Kosmetikhersteller Babor bei der Finanzierung der neuen Fabrik betreut hat. Strategien für die grüne Transformation müssen Unternehmen selbst entwickeln, die für das Reporting notwendigen Daten erheben – darauf setzt Thiel dann die Finanzierung auf.

„Als Bank sind wir hier vor allem beratend tätig, erklären, welche Kennzahlen von Bedeutung sind, welche flankierenden Maßnahmen sinnvoll sein können und wo Unternehmer Hilfe bekommen.“ Konzernen und großen Mittelständlern falle es leichter, umfangreiche Nachhaltigkeitsdaten zu erheben. Viele von ihnen seien ohnehin verpflichtet, entsprechende Berichte aufzusetzen.

Aufgrund der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) müssen ab dem Geschäftsjahr 2024 aber auch kleinere Mittelständler detailliert Auskunft über verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte geben. Betroffen sind Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden, mehr als 40 Millionen Euro Jahresumsatz und mehr als 20 Millionen Euro Bilanzsumme.

Monitoring und Reporting

Für Thiel schafft diese Regelung vor allem Transparenz. „Unternehmen müssen sich mit den Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit auf Umwelt und Klima, aber auch auf soziale Aspekte auseinandersetzen.“

Doch auch die Banken selbst sind verpflichtet, Nachhaltigkeitsrisiken ihrer Kunden zu ermitteln und in den Finanzierungsprozess zu integrieren, weiß Torsten Jäger, Leiter Sustainable Finance beim Bundesverband deutscher Banken. „Kreditinstitute werden sich in Zukunft immer öfter fragen, welche Auswirkungen zum Beispiel der Klimawandel, aber auch die regulatorischen Änderungen zu dessen Bekämpfung auf die Geschäftstätigkeit ihrer Unternehmenskunden haben – und wie sie Unternehmen bei der Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit begleiten können.“

So erwarte die Bankenaufsicht von den Instituten, ESG-Risiken in ihr Risikomanagement zu integrieren. „Zusammen mit den eigenen Nachhaltigkeitszielen der Banken sowie der Nachhaltigkeitsbeurteilung des Unternehmens kann sich das auch auf die Kreditkonditionen auswirken. ESG-Kriterien werden integraler Bestandteil des Kreditgeschäfts und werden bei der Kreditvergabe eine immer größere Rolle spielen.“ Könne sich ein Unternehmen grundsätzlich nachhaltiger aufstellen, winken Zinsvergünstigungen. Dafür fielen Kosten für Monitoring und Reporting an, so Jäger. Zinsspargründe allein dürften somit nicht ausschlaggebend sein.

Und trotzdem: Die Nachfrage nach grünen und ESG-gebundenen Finanzierungen steigt, wobei „E“ für ökologisch (englisch: ecological), „S“ für sozial, „G“ für Governance, also gute Unternehmensführung stehen. Auch wenn derzeit meist Klima- und Umweltschutz beziehungsweise Emissionsreduktion und Energieeffizienz im Vordergrund stehen, so spielen doch auch soziale Anliegen wie Diversität oder Arbeits- und Gesundheitsschutz eine immer größere Rolle. 2021 hatten deutsche Unternehmen rund 94 Milliarden Euro über grüne Finanzierungen aufgenommen, geht aus einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey hervor. Ein Jahr zuvor waren es erst 52 Milliarden Euro.

Maßnahmen implementieren

Werden nicht ganz konkrete nachhaltige Projekte finanziert, so werden die Finanzierungskonditionen an das Erreichen ehrgeiziger, vorab definierter Nachhaltigkeitsziele geknüpft, die an Leistungsindikatoren (KPIs) gekoppelt sind. Die müssen jedoch zum Industriezweig und Gesamtgeschäft des Unternehmens passen und in die Nachhaltigkeitsstrategie eingebunden sein.

„Alles steht und fällt mit den Daten“, weiß Marco Göck, Leiter der Abteilung Business Development im Unternehmenskundengeschäft bei der LBBW und dort verantwortlich für das Thema Nachhaltigkeit. Nur wer weiß, wo er steht, kann auch wirklich wirksam Maßnahmen implementieren, deren Impact messen und die Transformation vorantreiben.

Auch deshalb liege der Fokus vieler Projekte derzeit auf der Reduzierung von CO2-Emissionen. „Unternehmen können ihren CO2-Ausstoß messen und berechnen und haben damit einen konkreten, greifbaren Wert, mit dem sie arbeiten und an dem sie die Erfolge ihre Bemühungen messen können.“ Allerdings rückten zunehmend auch Themen wie Wasseraufbereitung und Abwasserqualität, Biodiversität, Arbeitsbedingungen in ausländischen Produktionsstätten oder Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten ins Sichtfeld.

Doch wie fasst man Bestrebungen zur Verbesserung dieser Themen in messbare, valide Daten zusammen? Eine Frage, die auch Göck immer wieder beschäftigt. „Hier braucht es eine ganz klare, nachvollziehbare und transparente Methodik: Welche Daten liegen vor? Welche Daten braucht es noch? Wie können Unternehmen diese Daten erheben?“

Strategischer Dialog

Die LBBW rollt daher aktuell das ESG-Dashboard aus, welches Unternehmenskunden im Rahmen des strategischen Dialogs ermöglicht, die eigene Position im Bereich der Nachhaltigkeit zu bestimmen und relevante Daten zu erheben und zu übermitteln.“

Klar ist: Unternehmen, die sich der nachhaltigen Transformation verschließen, werden künftig vor immer größeren Herausforderungen stehen – nicht nur aufgrund der regulatorischen Anforderungen. ESG-Ratings werden zum Bestandteil von Bürgschaften, Finanzierungen, Beteiligungen und Schuldscheinen. „Für Unternehmen, die sich aufgrund ihres Geschäftszweigs nicht transformieren können, wird es aber Lösungen geben“, glaubt Göck und warnt gleichzeitig vor Panik.

Trotz aller Unsicherheiten bei einigen Mittelständlern ergäben sich daraus durchaus spannende Chancen für Innovationen oder neue Geschäftsmodelle. „Die meisten Unternehmen wollen sich nachhaltiger aufstellen – nicht nur wegen politischer Regularien oder Finanzierungsanforderungen der Banken. Es sind auch Mitarbeitende und Nachwuchskräfte, Kunden und Geschäftspartner, die eine solche Veränderung fordern“, weiß Göck.

Und auch Marcus Thiel von der Deutschen Bank beobachtet: „Die Motivation zum Wandel ist da; die meisten Unternehmen wollen sich verbessern und setzen einige Anstrengungen in die nachhaltige Transformation. Die Banken können sie dabei unterstützen.“

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