Wednesday, June 7, 2023

Theatertreffen 2023: Ein Trauerspiel bei schönstem Sonnenschein

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Das soll’s gewesen sein? Am Freitagnachmittag, den 12. Mai, wird das Theatertreffen eröffnet, so unspektakulär wie wohl nie zuvor. Es sind ein paar Minuten mit Danksagungen, nicht mehr. Niemand ist geladen, eine Rede zu halten – selbst die amtierende Bundesbeauftragte für Kultur und Medien nicht, das war in den vergangenen Jahren obligatorisch.

Man steht unter den blühenden Kastanien vor dem Haus der Berliner Festspiele und muss sich wundern. Nicht nur auf Programm wird hier verzichtet, sondern auf den Anspruch, dass die Eröffnung des Theatertreffens ein gesellschaftliches Ereignis ist, nicht nur eine Privatfeier im kleinen Kreis.

Auf einem kleinen Podest steht mit Olena Apchel, Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska die neue Leitung des Theatertreffens, im März hatte sich mit Marta Hewelt die theatererfahrenste Kraft aus der ursprünglich vierköpfigen Runde bereits wieder verabschiedet – wegen unterschiedlicher Herangehensweisen, wie es hieß. Fast von den Beats im Hintergrund übertönt, rattern sie ihre Liste mit Namen runter.

Danke hier, danke dort. Wurde soeben sogar den Bäumen gedankt oder hat man sich verhört? Wir wünschen „uns viele Gäste und viele Pflanzen (am liebsten regional und gerne mit Wurzeln dran)“, stand immerhin in der Einladung. Überraschend wäre der ökoverstrahlte Dank an die Kollegen Stamm und Blatt also nicht.

„Das Vermächtnis“ von Philipp Stölzl eröffnet das Theatertreffen

„Das Vermächtnis“ von Philipp Stölzl eröffnet das Theatertreffen
Quelle: Sandra Then

Ohne Frage gehören Danksagungen zu Festivaleröffnungen, doch in der Regel sind sie das unvermeidliche Beiwerk, kein Zweck an sich. Matthias Pees, der als neuer Intendant der ausrichtenden Berliner Festspiele bisher kaum beachtenswerte Akzente setzen konnte, überschlägt sich nahezu in Lob und Dank für die Kritikerjury.

Doch je überschwänglicher es wird, desto mehr wirkt es wie ein rhetorischer Beschwichtigungsversuch. Pees stand im Verdacht, die Kritikerjury abschaffen zu wollen, auch zwischen Leitung und Jury soll es im Vorfeld alles andere als reibungslos gelaufen sein. Das soll nun offensichtlich bis zum Abschluss des Theatertreffens Ende Mai kein Thema mehr sein.

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Das auf dem Vorplatz versammelte Publikum muss dieser Selbstfeier zuschauen, ohne wirklich angesprochen zu sein. Es ist eine unwürdige Rolle, die man da abbekommen hat. Hat niemand von den Verantwortlichen etwas zu sagen? Keine Meinung zum Theater oder zur Gesellschaft, in der es gemacht wird? Die aggressive Anspruchslosigkeit der Veranstaltung ist beispielhaft für die sich im Kulturbetrieb ausbreitende Selbstgefälligkeit, die sich gerne mit Parolen schmückt, aber keinerlei Substanz hat. „Inhalte überwinden“, witzelte die Satirepartei „Die Partei“ vor einigen Jahren, der Kulturbetrieb nimmt das offenbar zu ernst – und hat sich um den Verstand kuratiert.

Was lässig wirken soll, ist nachlässig. Es herrscht Nongkrong-Atmosphäre, das Documenta-Wort für „abhängen“. Die für die Eröffnung angekündigten „künstlerischen Interventionen“ erweisen sich ebenfalls als Schmalspurprogramm. Eine Figur im blauen Mantel mit Maske schlängelt sich durch die Leute, es ist der „Feeler“. Die Internetseite verrät: „Feeler geht zwischen den Menschen umher und absorbiert ihre Gefühle.“ Man soll auf tiefschürfende Fragen gestoßen werden. Zum Beispiel: „Sollte man täglich über seine Gefühle sprechen?“ Oder doch nur an Dienstagen und Donnerstagen?

Sich schnell abnutzender Fernsehrealismus: Szene aus „Das Vermächtnis“

Sich schnell abnutzender Fernsehrealismus: Szene aus „Das Vermächtnis“
Quelle: Sandra Then

Die nächste Intervention ist eine mit Wollfäden umspannte orangefarbene Schwimmweste, seit der Ai-Weiwei-isierung der Kunst bereits heute ein moderner Klassiker der neueren Bekenntniskultur. Dieser Tage hätte man allen Grund, gegen eine Flüchtlingspolitik zu protestieren, die Humanismus und Vernunft gleichermaßen verrät. Stattdessen auch hier nur Selbstbezüglichkeit: „Die Schwimmweste ist zu einem mobilen Zeichen geworden. Sie hat eine große emotionale Bedeutung für mich und ist nicht nur ein Gegenstand.“ Reden, die um sich selbst kreisen, und Zeichen, die um sich selbst kreisen – es ist ein Trauerspiel bei schönstem Sonnenschein.

Kommunikation für Insider

Lässt man den Kern des Theatertreffens, die von der Jury ausgewählten zehn bemerkenswertesten Inszenierungen, einmal beiseite, würde man kaum ahnen können, dass es sich um ein Theaterfestival handelt – zudem das wichtigste des Landes. Der Stückemarkt? Wurde nach seiner sukzessiven Entleerung in den vergangenen Jahren abgeschafft. Wer braucht noch Stücke, wenn man „künstlerische Interventionen“ hat? Neu gibt es die „Treffen“, die die Inszenierungen „umrahmen, umgarnen und umarmen“ und sich mit den üblichen Fahnenwörtern schmücken: „Green“, „Diversity“, „Responsibility“, „Solidarity“, „Reflection“, „Herstory“, „Transfeminist“ oder „Network“.

Über sieben Stunden Sitcom-Ästhetik in „Das Vermächtnis“

Über sieben Stunden Sitcom-Ästhetik in „Das Vermächtnis“
Quelle: © Sandra Then/Berliner Festspiele

Die Signalphrasen der „Treffen“ dienen allein der Binnenkommunikation für Insider, nach außen erscheint es unzugänglich. Für Erforscher geschlossener Milieus, wie es Pierre Bourdieu war, mag das noch interessant sein, aber sonst? Ärgerlich ist, dass es viele drängende Fragen gibt, die man beim Theatertreffen öffentlich diskutieren könnte. Die Corona-Zeit? Alles vergessen. Ästhetische Überlegungen? Uninteressant. Politische Konflikte? Man fühlt sich doch sowieso einig. Was so engagiert daher kommt, ist von erschreckender Harmlosigkeit.

Ästhetisch setzt sich die neue Seichtigkeit mit der Eröffnungsinszenierung fort. Über sieben Stunden dauert die vom Münchner Residenztheater eingeladene Schwulenschmonzette „Das Vermächtnis“. Als Netflix-Theater angekündigt, vermisst man eher das Original. Die pompösen Kulissen, bunten Kostüme und selbst das spielfreudige Ensemble versanden in einer Sitcom-Ästhetik. Softe Eindeutigkeit kippt ins Verkitschte. Für das Melodram setzt Philipp Stölzl („Der Medicus“) mit Regie und Bühne auf einen sich schnell abnutzenden Fernsehrealismus. Großes Erzähltheater? Hatte man sich anders vorgestellt.

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Interessant ist „Das Vermächtnis“ nur dann, wenn es den Einbruch der Realität in die fast geschlossene Gemeinschaft der schwulen Upperclass in New York zeigt, früher durch eine Seuche wie Aids oder kürzlich durch den Wahlsieg von Donald Trump. In den USA landete Matthew Lopez mit dem als „Engel in Amerika“ unserer Tage gelobten Stück einen großen Erfolg, vor allem am New Yorker Broadway. Kein Wunder, dürfte ein Teil des Publikums sich selbst darin erkannt haben. In Berlin wirkt es mehr wie ein Blick in eine ferne Fernsehkulissenwelt, von der derben Lebensnähe wie in Fassbinders „Faustrecht der Freiheit“ keine Spur. Immerhin das nostalgische Wort „Mietpreisbindung“ sorgt in der Hauptstadt für kräftige Lacher.

Einen überlangen Abend zu gestalten, ist immer ein besonderes Wagnis. Monumentaltheater hat das Theatertreffen in den vergangenen Jahren öfter erlebt, Christopher Rüpings „Dionysos Stadt“ und Frank Castorfs „Faust“ waren dabei ästhetisch aufregender und inhaltlich dichter als „Das Vermächtnis“. Nun kann man über Abende wie „Das Vermächtnis“ streiten – und soll es auch. Zu streiten ist aber vor allem über das schwache Programm und den an Kommunikationsverweigerung grenzenden Eröffnungsauftritt der neuen Intendanz der Berliner Festspiele und der neuen Leitung des Theatertreffens.

Das Berliner Theatertreffen läuft noch bis zum 28. Mai.

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