Thursday, February 22, 2024

„4 Blocks“-Star Kida Ramadan: „Hier habe ich schon Teller gewaschen“

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„Toni Hamady“ steht in Großbuchstaben über dem Herrensalon. In der offenen Eingangstür lehnt der Mann, der als Toni Hamady, Fernseh-Clanchef in Berlin-Neukölln, berühmt geworden ist. Kida Ramadan raucht eine Zigarette. Der Laden und seine Schaufenster sind mit Postern gepflastert, nicht die üblichen Ultracoolfrisuren, sondern Plakate aus seinen Filmen und Serien: „4 Blocks“, „Man from Beirut“, „In Berlin wächst kein Orangenbaum“, alles Kida-Werke.

Vor dem Schaufenster stehen zwei Gartenstühle und ein kleines Tischchen, falls einmal Kunden warten müssen. Jetzt sind sie von dem Schauspieler Burak Yigit belegt und von Firat, Ramadans Assistent. Es ist Samstagmorgen um zehn. Noch nicht viel los in Kreuzberg, im Wrangelkiez. Ramadan, der in 20 Jahren 100 Filme gedreht hat, könnte es mal locker angehen lassen. Aber etwas beschäftigt ihn. Er ist auf ein Video gestoßen, das auf den Social-Media-Kanälen der AfD Sachsen steht.

Was der Mann im Video sagt, ist dies: „Es muss ein Ende haben … Ich wünsche mir, dass man wieder die Grenzen schließt … Und das sage ich als Migrant.“ Der Mann besitzt nur weit entfernte Ähnlichkeit mit Ramadan, der Bart hat die falsche Farbe, der Akzent stimmt nicht. Aber die AfD kommentiert das mit dem Satz: „Der aus dem Libanon stammende Schauspieler Kida Khodr Ramadan spricht als Prominenter mit Migrationshintergrund das aus, was viele Deutsche inzwischen denken.“

Ramadan mit dem Schauspieler Burak Yigit

Ramadan mit dem Schauspieler Burak Yigit
Quelle: Mirza Odabasi

Das lässt Ramadan keine Ruhe: „Ich muss ein Video dagegen machen.“ Er greift sich den dazugekommenen Fotografen, geht voran ins Hinterzimmer seines Friseurladens, stellt sich vor eine weiße Wand: „Ich muss da mal ein Statement setzen, ich bitte euch, das zu teilen.“ Steckt sich eine Zigarette in den Mund, zündet sie an, erklärt die Lage. Endet mit: „Fick Rassismus. Fick Nazis. Dreckspartei. Bastardpartei. Wir gehen gerade juristisch dagegen vor. Wir werden die wegdribbeln. Euer Kida.“

So, das ist weg von der Seele. „Jetzt gehen wir frühstücken.“ Yigit schlägt ein neues Lokal vor, das „Good Morning, Monday“, das Ramadan noch nicht kennt. Einmal um die Ecke in die Falckensteinstraße, die zum Görlitzer Park führt, wo es ein Gramm Kokain für 15 Euro gibt, das dann in den anliegenden Straßen zu Crack verkocht wird. „Wir haben vor 20 Jahren hier auch eine Menge Scheiße gebaut, aber die Finger von Drogen gelassen“, sagt Yigit, der gerade eine Rolle für Netflix spielt. „Was für eine denn?“ – „Einen Dealer, was glaubt ihr denn!“

Für die Silvesterrandale hat Ramadan allenfalls im Ansatz Verständnis. „Ja, die Leute haben sich zwei Jahre lang nicht austoben können. Aber es ist eine Unverschämtheit, Menschen, die nur helfen wollen, zu attackieren. Es kann nicht sein, dass sich Feuerwehrleute und Rotkreuzler während ihres Einsatzes in einen Späti retten müssen.“ Und setzt hinzu: „Es ist allerdings auch falsch, nur Migranten anzuklagen, die Mehrheit der Täter ist laut Polizei ja wohl deutsch gewesen.“

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Das „Monday“ sieht gemütlich aus, bunt zusammengewürfeltes Holz- und Polstermobiliar, aber es gibt keinen freien Fünfertisch. Also Kommando zurück in die Wrangelstraße, da liegt das „Sumak“, benannt nach einem Dönergewürz, das kennt Ramadan, und das Lokal kennt ihn. Auf dem Weg lästert er über gegen die rein englischen Speisekarten, die sich in den Kreuzberger Lokalen verbreiten wie eine Seuche. Und über Hafermilch: „Man muss es inzwischen ausdrücklich sagen, wenn man normale Milch will.“

Es gibt Platz im „Sumak“. Ramadan bestellt eine gemischte Frühstücksplatte für alle und eine Pfanne Rührei mit Rinderschinken für sich. Über Hafermilch muss hier nicht geredet werden. Ein junges Touristenpaar bleibt am Tisch stehen. „Ihr Gesicht kommt uns so bekannt vor“, sagt das Mädchen zu Ramadan. „Ich habe früher Fußball gespielt“, antwortet der, ohne mit der Wimper zu zucken. „Würden Sie …“, bittet sie schüchtern, und Ramadan sagt „Aber klar!“ und steht auf. Ein Selfie entsteht. Das Paar bedankt sich. Sicher wird es noch, bevor es in die bayerische Heimat zurückkehrt, seinen Fang identifizieren.

Das mit dem Fußball ist ihm nicht zufällig in den Sinn gekommen. Er hat gerade eine Serie inszeniert, seine erste, sie heißt „Asbest“, und man könnte sie als „4 Blocks mit Fußball“ charakterisieren. Man sieht, dass Ramadan leidet, wenn alle sofort den „Blocks“-Vergleich hervorholen, aber da muss er durch. Wieder ein nahöstlicher Clan in Berlin, wieder Drogen, aber diesmal ein junges Fußballtalent, dem von der Familie ein Raubüberfall in die Schuhe geschoben wird und der im Gefängnis unter Druck gerät, auch die Verbrecherlaufbahn einzuschlagen. Die Dialoge: authentisch bis an die Grenze des ARD-Zumutbaren.

Eine unfassbare Besetzung

Die Serie hat eine unfassbare Besetzung: Lulu Hacke (Tochter des Bassisten der Einstürzenden Neubauten und von Meret Becker), Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz, Claudia Michelsen, David Kross, Ludwig Trepte, Detlev Buck, Frederick Lau, Hubert Koundé (neben Vincent Cassel Hauptfigur in dem legendären „Hass“), Anatole Taubmann, Wotan Wilke Möhring, Stipe Erceg, Sabin Tambrea, Alexander Beyer. Der Jungfußballer wird von dem Deutschrapper Xider gespielt, seine erste Filmrolle, eine Ramadan-Entdeckung. „Xider“ und „Kida“ haben den gleichen Wortstamm.

Das Unfassbare daran sind nicht nur die Namen, sondern wie sie zusammenkamen. „Alle selbst angerufen, alle selbst überzeugt“, sagt Ramadan. Daraus klingt Stolz. Er, der als Flüchtling vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach Deutschland kam, in einem Asylbewerberheim in Kreuzberg lebte, die Hauptschule ohne Abschluss verließ und für Touristen auf dem Ku’damm breakdancte – er ruft, und inzwischen kommen alle. Es war ein weiter Weg – „Ich habe in einigen Lokalen hier im Kiez schon Teller gewaschen“ –, aber heute ist er ein Scharnier zwischen Kartoffeln und Kanaken („Sie dürfen mich so nennen“), zwischen der jungen biodeutschen Filmszene und der jungen migrantischen. Den Regisseur Philipp Kadelbach („Parfum“) hätte er auch gern im Kida Pack, für den hegt er Hochachtung. Da entsteht ein informeller Begegnungs- und Arbeitsraum über Herkünfte hinweg, wie es ihn bisher nicht gab. Sein Zentrum ist noch nicht alt genug, gerade Mitte 40, aber eines Tages werden sie ihn „Pate“ nennen.

Ramadan im „Sumak“

Ramadan im „Sumak“
Quelle: Mirza Odabasi

Kaum tritt Ramadan heraus aus dem „Sumak“, ergeht die nächste Selfie-Bitte. Wäre er den ganzen Tag unterwegs, müsste er wohl hundertmal posieren, schätzt Ramadan, vielleicht gar nicht so sehr übertrieben. Er stellt sich bereitwillig hin, legt den Arm auf die Schultern seiner Fans. Kida Ramadan ist nicht nur stolz auf das Erreichte, er erstattet auch großzügig Dank: an den Regisseur Neco Çelik, der ihn entdeckte, an seine Agentin Katrin Wans, an die Produzentin Anke Greifeneder, die ihm Toni Hamady anvertraute, an die ARD-Redakteurin Carolin Haasis, die ihm „Asbest“ ermöglichte.

Der Produzent Quirin Berg hat ihm einmal den Kopf gewaschen, er müsse jetzt aufhören, sich wie ein Arschloch zu benehmen. Eine Weile hatte Ramadan den Ruf eines Schwierigen, mit dem nicht gut Baklava zu essen war. Nach „4 Blocks“ (2017-2019) hob er ab, hielt sich für den Größten. Inzwischen hat er wieder festen Boden unter den Füßen, entwickelt Filmprojekte, hat vier Kinofilme und diese Serie inszeniert, will weniger vor der Kamera arbeiten als dahinter.

Ramadan ist immer noch in Kreuzberg verwurzelt. Wir treffen einen Mann, abgewetzte Jeans, Zehntagebart, er soll im Kiez bekannt dafür sein, dass er vor Supermärkten um die Flaschen bittet, die Kunden gerade zur Rückgabe tragen. Ramadan bietet ihm einen Stuhl an, unterhält sich freundlich auf Türkisch mit ihm. Nach zehn Minuten schlurft der weiter. Er habe eine feste Bleibe, erzählt Ramadan, aber wohl Zoff mit seiner Frau. Eines Tages habe er mit jemand auf dem Gehweg gestritten, danach sei dieser Mann auf ihn zugekommen und habe höflich angeboten, den Kontrahenten um die Ecke zu bringen. Er habe das Angebot dankend abgelehnt. Aber er stecke dem „bulgarischen Mörder“, wie er ihn nennt, jede Woche zehn Euro zu.

Ein Treffen mit dem „bulgarischen Mörder“

Im „Passenger Espresso“ in der Oppelner, weiß Ramadan, gibt es guten Kaffee. Er bestellt welchen („mit richtiger Milch!“), setzt sich draußen hin, weil er rauchen möchte. Zum „Kiez-nicht-verlieren“ gehört auch, dass er weiter mit jungen Filmemachern dreht. Gerade ist „Es brennt“, das Debüt des Deutsch-Türken Erol Afsin über eine fremdenfeindliche Tat in Dresden, fertig geworden. Wurde bei der Berlinale eingereicht, die hat abgelehnt.

Das wurmt ihn. Da steht doch Kida ante Portas! „Ich liebe die Berlinale. Sie ist für mich das wichtigste Festival der Welt, weil ich Berliner bin.“ Das Festival ist für viele Migranten eine wichtige Etappe auf ihrem Weg zum mehrheitsgesellschaftlichen Respekt, auch für ihn. In gerade zehn Prozent seiner 100 Filme heißt er Dieter oder Anselm oder Dr. Stein, es sind immer noch viele Murats und Maliks und Nabils darunter. „Wollen Sie ,Es brennt‘ sehen?“ Bevor er ins Familienwochenende entschwindet, zückt Ramadan das Handy, ruft den Regisseur an, eine Sichtung wird vereinbart. Wollen doch mal schauen, was die Berlinale nicht wollte.

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