Monday, July 15, 2024

Konjunktur: Das Krisenparadox der deutschen Wirtschaft – WELT

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Die deutsche Wirtschaft geht mit großer Unsicherheit ins neue Jahr. Vor allem kleinere und mittlere Betriebe und energieintensive Unternehmen sehen die Zukunft düster. Die wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine belasten die Stimmung. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) rechnen die Firmen in 30 von insgesamt 49 befragten Branchen mit schlechteren Geschäften.

Der Energiepreisschock und die unsichere weltpolitische Lage dämpfen demnach die Erwartungen der deutschen Wirtschaft für das kommende Jahr deutlich. „Die Folgen des Kriegs in der Ukraine sind nach wie vor eine enorme Belastungsprobe für die deutsche Wirtschaft“, sagt Michael Grömling, Konjunkturexperte beim IW: „Die Unternehmen gehen nicht davon aus, dass die hohen Energiepreise in absehbarer Zeit wieder sinken werden.“ Das verdüstere den Blick auf 2023 erheblich.

Insgesamt rechnen Ökonomen damit, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr schrumpfen wird. Im Schnitt erwarten die Forscher einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent, wie aus einer Umfrage der WELT bei führenden Finanzinstituten hervorgeht. Zwischenzeitlich hatten manche Prognostiker die Befürchtung geäußert, dass sich der aktuelle Abschwung wegen der Energiekrise zu einer großen Rezession auswachsen könnte.

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Diese Gefahr scheint zum Jahreswechsel als geringer eingeschätzt zu werden, auch wenn die Experten mancher Banken noch ein Minus von 1,9 Prozent für möglich halten, so die DZ Bank. Andere Institute wie das IfW Kiel wiederum halten inzwischen fürs Gesamtjahr sogar ein kleines Wachstum für möglich. „Ich glaube nicht, dass man sagen kann, die Rezession sei abgesagt. Sie dürfte aber schwächer ausfallen als zunächst befürchtet“, sagt IW-Direktor Michael Hüther.

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Die überwiegend pessimistische Stimmung in der deutschen Wirtschaft kontrastiert mit sehr guten Geschäftszahlen im laufenden Jahr. Vor allem die großen börsennotierten Firmen konnten 2022 teils Rekordumsätze erzielen. Das geht aus einer Untersuchung der Beratungsgesellschaft EY Deutschland hervor.

„Trotz kräftigen Gegenwinds haben sich die deutschen Top-Unternehmen in diesem Jahr wacker geschlagen“, fasst Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland, die Ergebnisse zusammen. Von den 100 umsatzstärksten börsennotierten Konzernen Deutschlands hätten fast alle – 93 Prozent – 2022 mehr Umsatz gemacht als im Vorjahreszeitraum.

Quelle: Infografik WELT

Die Ergebnisse beziehen sich auf die ersten drei Quartale des Jahres (Januar bis September). Unter dem Strich legten die Erlöse der Unternehmen in diesem Zeitraum um 30 Prozent zu, auf einen Rekordwert von 1,78 Billionen Euro. Auch die Gewinnsituation bei den meisten Unternehmen dieser Größe gestaltet sich gut.

„Die große Frage ist, ob das auch im kommenden Jahr noch so sein wird. Denn die hohe Inflation und Rezessionssorgen führen zu Kaufzurückhaltung bei Verbrauchern und zu einer sinkenden Investitionsbereitschaft aufseiten der Unternehmen“, sagt Ahlers. Im kommenden Jahr seien dagegen keine großen Umsatzsprünge zu erwarten, da sowohl Firmen als auch Verbraucher auf Sparen eingestellt sind.

Riesige Unterschiede zwischen den Branchen

Schon im Jahr 2022 gingen Umsatzsteigerungen der Firmen nicht automatisch mit Gewinnwachstum einher. Wie der Extremfall Uniper zeigt: Als größter deutscher Gasimporteur hat der Energiekonzern allein zwischen dem ersten und dritten Quartal 213 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet – kein börsennotiertes Unternehmen in Deutschland schaffte mehr. Zugleich hat Uniper mit rund 45 Milliarden Euro aber auch den höchsten Verlust aller Konzerne erlitten.

Der Rekordverlust von Uniper zieht die Gewinnbilanz der deutschen Top-100-Konzerne nach unten und führt dazu, dass der Gesamtgewinn aller 100 Unternehmen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent auf 100 Milliarden Euro sinkt. Wird das negative Uniper-Ergebnis herausgerechnet, ergibt sich hingegen ein Rekordgewinn von 145 Milliarden Euro.

Allerdings: Nur 52 der 100 untersuchten Unternehmen konnten ihren Gewinn steigern – 48 verbuchten ein geringeres operatives Ergebnis. Auch ist die kumulierte Gewinnmarge der deutschen Top-Konzerne (ohne Berücksichtigung von Uniper) zurückgegangen, von 9,8 auf 9,3 Prozent. Allerdings lag die Marge damit weiterhin deutlich über dem Vor-Corona-Niveau von 2019, als die Gesamtmarge der Top-100-Unternehmen 6,9 Prozent betrug.

Quelle: Infografik WELT

Banken und Versicherungen wurden in die EY-Kalkulation nicht einbezogen, da der Umsatz bei diesen Unternehmen keine relevante Kennzahl ist. Die Börse hat die verschlechterte Lage bereits vorweggenommen: Die 40 größten Aktiengesellschaften des Landes, die im Dax versammelt sind, haben seit Jahresanfang im Schnitt zwölf Prozent an Wert verloren. Das macht 2022 zum siebtschlechtesten Börsenjahr seit 1987, als der deutsche Leitindex gegründet wurde.

Zwischen den Branchen konstatieren die Experten riesige Unterschiede. Die weltweit gestörten Lieferketten machten Logistikdienstleistungen besonders begehrt und ließen die Frachtraten hochschnellen. Logistikunternehmen in Deutschland konnten davon profitieren und verzeichneten ein Umsatzwachstum von insgesamt 44 Prozent.

Der globale Chipmangel hatte teils paradoxe Folgen. Autohersteller verlegten sich auf die Strategie, vorrangig margenstarke Modelle anzubieten und auf Rabatte zu verzichten, das bescherte den Konzernen trotz gesunkener Absatzzahlen ein Umsatzplus von 13 Prozent. Die als Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine stark gestiegenen Kosten für Energie bescherten Energieversorgern laut EY Umsatzsteigerungen in Höhe von 125 Prozent.

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Wohnungsbaukrise

Bei Sektoren, die für ihre Produktion besonders viel Energie benötigen, hat sich die Stimmung in der zweiten Jahreshälfte 2022 massiv verschlechtert. Angesichts der hochschnellenden Kosten und einer drohenden Gasknappheit im Winter haben sie ihre Produktion teilweise heruntergefahren. Die Befürchtung, dass es im Winter zu einer Mangellage kommt, scheint sich zwar nicht zu bestätigen.

Dennoch geht unter anderem die Chemieindustrie davon aus, 2023 deutlich weniger herzustellen. Mit einer Verschlechterung rechnen unter anderem auch die Bauwirtschaft, ein Teil des Finanzsektors und die Immobilienbranche. Sie sehen wegen der gestiegenen Hypothekenzinsen ein Ende des langen Immobilienbooms.

Von den 49 befragten Branchenverbänden zeigten sich lediglich 13 Verbände optimistisch. Dazu zählen die Messe- und Werbewirtschaft. Die Unternehmen hoffen darauf, dass die Ausfälle der Pandemie-Zeit aufgeholt werden. Auch der Tourismus geht von einem Nachholeffekt nach dem dramatischen Einbruch während der Corona-Krise aus. Zu den Sektoren, die damit rechnen, dass sie ihr Vorjahresergebnis im Jahr 2023 halten werden, zählen die Investmentbranche, die Feinmechanik und optische Industrie sowie Gießereien.

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Eine gute Nachricht ist, dass kaum eine der großen Firmen Stellen streichen will: Die Mehrzahl der deutschen Top-Unternehmen – 66 Prozent – haben die Belegschaft zwischen Januar und September 2022 aufgestockt. Insgesamt beschäftigten die 100 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen zum 30. September 2022 weltweit 4,3 Millionen Menschen – das waren 1,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 2021 war noch ein Beschäftigungsrückgang von 1,5 Prozent verzeichnet worden. „Die meisten Unternehmen waren in diesem Jahr auf Wachstumskurs – das zeigt sich auch bei der Zahl der Beschäftigten“, sagt EY-Mann Ahlers.

Für das kommende Jahr sind die Aussichten weniger rosig, es werde mehr Restrukturierungs- und Kostensenkungsmaßnahmen geben. „Den Unternehmen bleibt angesichts stark gestiegener Einkaufs- und Energiepreise nichts anderes übrig, um wettbewerbsfähig zu bleiben und Mittel freizumachen für kostspielige anstehende Investitionen“, sagt Ahlers.

Einen umfassenden und flächendeckenden Stellenabbau werde es aber nicht geben: „Der Bedarf an hoch qualifizierten Mitarbeitenden ist heute größer denn je. Die Unternehmen werden so weit wie möglich auf Stellenstreichungen verzichten, denn sie wissen, wie schwierig es ist, noch gut qualifizierte Mitarbeiter zu finden, wenn die Auftragslage wieder besser ist.“

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Auch Hüther sieht den Arbeitsmarkt als Stabilitätsanker. Der IW-Umfrage zufolge erwartet eine Mehrheit von 23 Verbände eine stabile Entwicklung bei der Beschäftigung, neun Wirtschaftszweige wollen die Beschäftigung aufbauen, unter anderem das Gastgewerbe und der Tourismus.

Dagegen gehen 16 Sektoren von weniger Personal in ihren Mitgliedsunternehmen aus, darunter Banken und Sparkassen sowie die Landwirtschaft. Die Gründe dafür liegen nicht immer in der schwächeren Konjunktur. Manche Branchen wie das Handwerk rechnen schon allein wegen des Fachkräftemangels mit weniger Mitarbeitern. Die Umfrage hat das IW von Mitte November bis Anfang Dezember durchgeführt.

Das börsennotierte Unternehmen mit den meisten Mitarbeitern ist nach wie vor Volkswagen: Bei dem Autokonzern waren zum 30. September 2022 insgesamt knapp 646.000 Menschen beschäftigt. Auf den Rängen zwei und drei folgen die Deutsche Post mit etwa 539.000 und Fresenius mit 320.000 Beschäftigten.

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