Monday, May 27, 2024

Weihnachtsgeschenk: Alles von Fischer-Dieskau, Gould oder Masur

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Eine viereckige Kiste von 21 Zentimeter Kantenlänge und 15 Zentimeter Höhe, 3,7 Kilo schwer. Nachtblau leuchtet sie. Auf dem Deckel prangt neben einem tulpengelben Logo silbrig ein Konterfei im Negativ, auf den Seiten ist viermal der halbe Mensch bei seiner Arbeit zu sehen.

In der Box finden sich, in vier weiteren Einzelkistchen und sortiert nach den Farben des Regenbogens samt 240-seitigem Begleitbuch, die Kronjuwelen eines Papstes. Angesammelt in 54 Jahren zwischen 1949 und 2003.

Das Aufnahmeerbe von Dietrich Fischer-Dieskau, des Lordsiegelbewahrers des Kunstliedes: So wie es die Archive der heute unter dem Universal-Konzerndach zusammengeschlossenen Klassiklabel Deutsche Grammophon, Decca und Philips bewahrt haben.

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„Complete Lieder Recordings On Deutsche Grammophon“, 107 CDs. Rund 280 Euro kostet die Box derzeit (via Amazon bestellbar*). Sie wird, da kann man sicher sein, unter deutschen und internationalen Weihnachtsbäumen landen. Wie diverse andere Boxen. Zwar streamt man heute auch im lange konservativ gebliebenen Klassiksegment, die Verkäufe gehen zurück, konzentrieren sich auf wenige Bestseller. Aber es gibt immer noch die Nischenmärkte der gut informierten Jäger und Sammler (die sogar eine eigene Deutsche-Grammophon-Facebook-Gruppe unterhalten).

Der Gedanke des repräsentativen Geschenks – und sei es für den Käufer selbst – ist noch nicht ausgestorben. Auch, was Vinyl angeht. Da wurde, auf vielfachen Kundenwunsch hin, auf 16 LPs Leonard Bernsteins Mahler-Sinfonienzyklus luxusverpackt. Während CDs höchstens noch haptische Visitenkarten und Dokumente für Künstler sind und man damit immer weniger verdient, hat das große Ganze in der Box immer noch Konjunktur. Das Gesamtwerk, es zählt noch.

Elf CDs mit den Goldberg-Variationen

Damit kommen die Katalogabteilungen ins Spiel, die diese Kisten auswählen, zusammenstellen und gestalten müssen. Beschränken wir uns auf die drei Major Player der Klassik. Also Universal, Sony (mit den Archiven von RCA, Columbia und CBS) und Warner (samt der Archive von EMI, Erato, Teldec und Cetra).

Sony hat kürzlich auf elf CDs sämtliche Schnipsel von „Glenn Gould: The Goldberg Variations – The Complete Unreleased 1981 Studio Sessions“ für den High-End-Sammler herausgebracht. Und von der bedeutenden schwarzen Altistin Marian Anderson all ihre Einspielungen auf 15 CDs gebündelt, technisch herausgeputzt und mit einem repräsentativen Hardcover-Buch versehen.

Die Universal hat selbst so zeitgebundenen, aber eben exklusiv abzubildenden Künstlern wie der einstigen Mozart-Klavierkönigin Ingrid Haebler 58 CDs mit Aufnahmen aus den Philips-Archiven gewidmet. Eine Wolfgang Schneiderhan, dem deutschen Geiger des Wirtschaftswunders, zugeeignete Kiste wird kommendes Jahr auf ebenso vielen Scheiben herauskommen. Und selbst der kürzlich 90 Jahre alt gewordene Ballettdirigent Richard Bonynge brachte es mit seinen Tanzeinspielungen auf eine schicke Schachtel mit 45 CDs.

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Warner hat eben dem Komponisten Ralph Vaughan Williams zum 150. Geburtstag 30 CDs gewidmet, dem bereits 1956 gestorbenen Pianisten Walter Gieseking 45 und dem Dirigenten Roger Norrington 48. César Franck, der im Dezember einen runden 200. Geburtstag feiert und wegen seiner Sinfonie in d-moll als One-Hit-Composer gilt, kommt immerhin auf 16 CDs.

An Kurt Masur erinnert man ohne jedes Jubiläum mit 70 CDs. Und, eine Seltenheit, der noch lebende Minimalist John Adams kommt zum 75. Geburtstag – dank der Bemühungen des ebenfalls unter dem Warner-Dach laufenden Labels Nonesuch – auf eine Tribute-Box mit 39 CDs und einer Blu-ray, was dann gleich als „ein einziger musikalischer Rundumschlag von enzyklopädischem Adams-Ausmaß“ gefeiert wird.

Die Fischer-Dieskau-Box der Deutschen Grammophon liegt also mit 107 CDs im überdurchschnittlichen Segment. Rekordverdächtig ist sie deshalb aber nicht.

DIetrich FIscher-DIeskau singt Schuberts “Winterreise”

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Gerade Universal hat Erfahrung mit großen, schnell ausverkauften Komponisten-Kompletteditionen wie Bach zum 333., Mozart zum 225. oder Beethoven zum 250. Geburtstag. Diese Boxen haben meist drei Jahre Vorlauf für die Lizenzierung von Fremdmaterial, Neuaufnahmen und entsprechende wissenschaftliche Begleitung. Bis zu anderthalb Jahre ist der Vorlauf bei Editionen, für die einzig aus dem Katalog geschöpft werden kann und es keine Rechteproblematiken gibt.

Johannes Gleim von der Backkatalog-Abteilung der Deutschen Grammophon führt aus: „Dass wir etwas zum zehnten Todestag von Dietrich Fischer-Dieskau in diesem Jahr machen wollten, war schnell klar. Die Frage war natürlich: Wie? Wir haben ja vieles von ihm nach wie vor im ständigen Katalog. Aber FiDi war eben einer der bedeutendsten Klassikkünstler des 20. Jahrhunderts und gerade in Deutschland eine prägende Figur des kulturellen Aufschwungs seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.“

Sie waren sich, sagt er, „sicher, dass seine Kunst über die reine Klassikkundschaft hinaus Menschen berühren kann. Schnell haben wir gesehen, dass eine Gesamtedition sehr groß geworden wäre. 2025 steht mit dem 100. Geburtstag das nächste Jubiläum an. Und so haben wir uns jetzt zunächst auf die Lieder beschränkt.“ Es gibt Überlegungen, wenn es der Markt erlaubt, in drei Jahren die Opern- und Oratorienbeiträge Fischer-Dieskaus als zweiten Teil nachzuschieben.

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Wenn man allein die Tracklisten durchsieht, haben wohl Herbert von Karajan und Fischer-Dieskau bei der Grammophon, bei Decca und Philips insgesamt am meisten aufgenommen, berücksichtigt man nur die Aufnahmezeit. Sie hatten das Glück der goldenen Jahre. Bei Einzeltiteln ist Fischer-Dieskau unübertroffen.

Man wusste zunächst gar nicht, wie viel es wirklich sind. Jetzt sind auch Orchesterlieder, Melodramen, Ensembles dabei; auch Schostakowitschs 14. Sinfonie und Zemlinskys Lyrische Sinfonie. Ein in sich geschlossenes Konvolut also – seine vielen EMI-Einspielungen, das wenige bei Sony und die Fülle der Orfeo/Naxos-Liveaufnahmen aus Salzburg wollte man nicht noch zusätzlich berücksichtigen. Geordnet hat man es nach den großen Komponistennamen und damit aus der historischen Einspielreihenfolge herausgerissen.

Es gibt freilich nicht mal bei der Universal einen Knopf, der unter „Fischer-Dieskau, Lieder“ solche am Computer spezifisch ausspuckt. Denn von fast 125 Jahren aus verschiedensten Archiven zusammengeführter Unternehmensgeschichte ist längst nicht alles EDV-mäßig erfasst; lagert auf Computern, Karteikarten, gedruckten Katalogen, in Aufnahmeprotokollen. Gedruckte Diskografien dienten als Grundlagen.

Sechs unveröffentlichte Titel

Man prüfte, was bereits im Digitalen verfügbar war. Vier LPs waren nie auf CD erschienen, 23 FiDi-Alben nie digital im Streaming ausgespielt, die wurden wieder in die originale Reihenfolge gebracht. Zwei Alben wurden in Dolby atmos remastered. Immerhin sechs unveröffentlichte Titel gibt es jetzt in der Box.

Auch da musste unterschieden werden, was „Rest-Originale“ sind, also freigegebene Tracks, die nur nicht mehr auf die einstige LP gepasst hatten – und was gar nicht Erfasstes. „Wir entscheiden dann im Sinne unserer Künstler, auch im Abstand und Kontext“, erklärt Johannes Gleim.

DIetrich Fischer-Dieskau und Daniel Barenboim

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Mit Fischer-Dieskaus Witwe Julia Varady und Daniel Barenboim, so Gleim, habe man gesprochen. Barenboim saß Ende der 70er-Jahre bei einer Brahms-Aufnahme am Flügel. Die „Sapphische Ode“, ein Frauenlied, wurde eingespielt, aber nie veröffentlicht, weil man sich entschlossen hatte, die Lieder für Frauenstimme mit Jessye Norman herauszubringen.

Man fand aber auf diesem Band auch eine Arie aus Händels „Giulio Cesare“, von einem Countertenor gesungen, den man nicht eruieren konnte, obwohl hoher Aufwand betrieben wurde. War das FiDi mit Kopfstimme? Die Partie hat er als Bariton unter Karl Richter eingespielt. Machte er sich da einen Witz? Der Track wurde am Ende nicht in die Edition aufgenommen.

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Dafür zwei Duette, eines mit Janet Baker und eines mit Peter Schreier, bei der Schreier freilich die Damenrolle singt. Liedtexte gibt es keine im Booklet. Das wären, allein für Deutsch-Englisch (früher druckte man bisweilen in bis zu sechs Sprachen) 3000 Seiten gewesen; und nicht mal zum Download kann man das wegen der kostspieligen editorischen wie grafischen Arbeit mitanbieten.

Alles in der Welt muss schlanker werden, die Boxen aber blähen sich. Was auch damit zu tun hat, dass viele Künstler einem neuen Publikum nahegebracht werden müssen. 2017 gab es mit „Karajan Complete“ die bisher größte Sammlung, höchst erfolgreich und schnell ausverkauft – auf 330 CDs, 24 DVDs und zwei Blu-ray-Audios, geliefert in einer Mischung aus Bücherregal und Kindertisch. Für 2023 sitzt die Universal bereits an „Abbado Complete“, 257 CDs plus acht DVDs.

Noch sehnlicher warten die Vokalfans auf Ende Januar und eine ganz schlanke Box. Dann erscheinen bei der Decca gleich drei CDs mit komplett unveröffentlichten Aufnahmen, die Jessye Norman – 2019 gestorben – nie freigegeben hatte. Darunter auch im Studio produzierte „Tristan und Isolde“-Szenen mit Thomas Moser, Kurt Masur und dem Gewandhausorchester Leipzig.

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