Friday, May 24, 2024

Martin Amis: Männerfreundschaft ist die schönste Liebe

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Und das soll ein Roman sein? Ein Buch, das damit beginnt, dass der Autor seinen Leser (er denkt wohl eher an einen Mann als eine Frau) auf ein Glas Single Malt Whisky einlädt, seitenlang über Hitler und Stalin plaudert, eine alte Freundin aus den Schubladen seines Gedächtnisses hervorkramt und zwischendurch weise Ratschläge über die Kunst des Romanschreibens erteilt?

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Schriftsteller Martin Amis

Der Schriftsteller Henry James hat Romane einst als „große, lose, ausgebeulte Ungeheuer“ beschrieben — dabei hatte er vor allem die Bücher der bedeutenden Russen des 19. Jahrhunderts im Sinn, in denen erzählende und referierende Passagen einander ablösen und hemmungslos über Gott und Geschichte räsoniert wird. Der neue Roman von Martin Amis besteht praktisch nur aus losem Stoff, der schlampig über irgendwelche Gegenstände drapiert wird. Der Schriftsteller lässt sich, ohne auch nur einen überflüssigen Gedanken an Struktur zu verschwenden, von seinen Obsessionen treiben: Nabokov, der Antisemitismus, der Holocaust, der Stalinismus, der Staat Israel, ferner die Trias aus Vater, Ersatzvater und unheiligem Geist (Kingsley Amis, Saul Bellow und dem Lyriker Philip Larkin).

Das wichtigste Thema in Martin Amis’ Roman „Inside Story“ aber ist: Liebe. Das erste Drittel des Romans nimmt eine konzentriert gearbeitete erotische Novelle ein, deren Heldin Phoebe Phelps heißt — allein für die Erfindung dieses Namens hätte Martin Amis mehrere Literaturpreise verdient. Phoebe wird für den Helden zu einer Obsession, weil sie sich ihm verweigert; dass sie früher mal als Escortdame gearbeitet hat, ist quasi noch das Langweiligste an ihr. Am Ende der Novelle klommt Amis ihrem schrecklichen Geheimnis auf die Spur, die Pointe wird — so gehört sich das auch — wie eine Nebensache dargereicht.

Hommage an Christopher Hitchens

Es folgt die eigentliche Liebesgeschichte; sie verbindet Martin Amis mit dem Journalisten Christopher Hitchens. Hitchens war ein Phänomen: ein trotzkistischer Engländer, Sohn eines Veteranen der Kriegsmarine und einer (wie sich erst später herausstellte) jüdischen Mutter, die Selbstmord beging, als er noch ein junger Mann war. Hitchens wanderte nach Amerika aus, schrieb Bücher über Henry Kissinger, Bill Clinton und Mutter Theresa (er hielt sie alle für Verbrecher), unterstützte dann zum Entsetzen seiner einstigen Genossen den „Krieg gegen den Terror“ inklusive Irakinvasion und schrieb einen kampfatheistischen Bestseller („Der Herr ist kein Hirte“).

Hitchens’ Alkoholkonsum war legendär — er fing eigentlich erst an zu leben, wenn er mindestens drei dreifache Whisky intus hatte; außerdem rauchte er Kette. 2010 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert, ein Jahr später war er tot. Und die Essays, die er quasi auf dem Totenbett schrieb (natürlich unbekehrt — er blieb bis zum Ende gottlos und stoisch) sind vielleicht das Beste von ihm.

Christopher Hitchens (1949–2011)

Christopher Hitchens (1949–2011)
Quelle: David Levenson/Getty Images

In Martin Amis’ autobiografischem Roman spielt Christopher Hitchens quasi dieselbe Rolle wie Sokrates in den platonischen Dialogen: Er ist der Welterklärer, der große Bruder im guten Sinn, die letzte Instanz, ganz gleichgültig, ob es um die große Politik, die letzten Dinge oder die jeweils neue Freundin geht. Es ist nicht übertrieben, wenn man den Tonfall, mit dem Amis über Hitchens schreibt, zärtlich nennt. Er bedenkt ihn mit viel mehr Seiten als seine Ehefrau, die er Elena nennt; von ihr erfahren wir eigentlich nur, dass sie schön ist.

Was sollen wir von dem Ganzen halten? Zunächst eine Merkwürdigkeit, die bei der Lektüre beinahe nicht auffällt: Ausgerechnet die Hauptfigur bleibt blass. Martin Amis — der manchmal als „ich“, manchmal auch in der dritten Person durch die Buchseiten geistert — ist lediglich derjenige, dem Dinge zustoßen oder erklärt werden; er tut beinahe gar nichts. Und sein Innenleben bleibt im wesentlichen unergründlich, weil niemand sich die Mühe macht, ihm in den Schädel zu schauen.

Das abwesende Ich

Wäre „Inside Story“ wirklich das, worum es sich laut Untertitel handelt, ein Roman nämlich, so müsste man von einer zweidimensionalen Romanfigur sprechen: Der „Martin Amis“ dieses Buches ist ein Schatten, kein richtiger Mensch. Wie war seine Kindheit? Was hat er in den frühen 1960er Jahren an der „Cambridgeshire High School for Boys“ erlebt? Wie fühlte sich England damals an, wonach hat es gerochen? Welche Musik lag in der Luft? Mit wem hat Amis seine erste Liebesnacht verbracht? Keine Ahnung, wir erfahren buchstäblich nichts davon.

Martin Amis – Inside Story. Ein Roman

Man beachte den Untertitel
Quelle: Kein und Aber

Hinzu kommt, dass Amis gegen viele der klugen Ratschläge verstößt, die er angehenden Romanciers erteilt: Er wettert gegen Klischees und verwendet dann selber welche, er macht sich über sprachliche Gruben lustig, die Schriftstellern in der viktorianischen Ära gegraben wurden, und fällt anschließend selber hinein. Der Schulmeister, der im Oberstübchen des Rezensenten zuhause ist, springt also hektisch auf und ab und ruft: Setzen! Sechs! Thema verfehlt! Und er hätte völlig recht damit, wenn, ja, wenn „Inside Story“ nicht so unterhaltsam wäre. Die Sache ist nämlich so: Martin Amis ist sehr gescheit.

Wenn er über Antisemitismus oder den Staat Israel räsoniert — ob allein oder mit Freund Hitchens —, dann hört man ihm gespannt zu. Wenn er davon berichtet, welche Schrauben im Kopf von Philip Larkin locker saßen, dann folgt man ihm mit Gewinn und Genuss. Außerdem ist dieses Buch immer wieder sehr berührend: dann nämlich, wenn es vom Tod handelt. Wenn Amis erzählt, wie er mit Saul Bellow, der an Demenz erkrankt war, im Hotelzimmer saß und den Film „Fluch der Karibik“ anschaute.

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Wenn er von den letzten Stunden in dem Krankenhaus berichtet, in denen Christopher Hitchens dem Tod entgegendämmerte. Der Tod, so lässt Amis Saul Bellow sagen, ist der dunkle Untergrund im Spiegel, ohne den das Glas durchsichtig wäre — ohne den wir uns selber also nicht erkennen könnten. Erst der Tod macht das Leben richtig lebendig; ohne den Tod wären Romanciers arbeitslos. Für diese teuer erkaufte Erkenntnis nimmt man sogar jene rund 200 Seiten in Kauf, um die Martin Amis’ Buch ohne Schaden hätte gekürzt werden können.

Martin Amis: Inside Story. Ein Roman. Kein und Aber, 752 Seiten, 40 Euro

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