Thursday, February 22, 2024

Kirche: Warum 20 Prozent der Mitglieder ihren Austritt für „wahrscheinlich“ halten

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Kommen wieder alle zurück? Das wird in gut einer Woche die große Frage der Kirchen in Deutschland sein. Bei zwei Weihnachtsfesten, 2020 und 2021, waren die Gotteshäuser wegen Corona nicht oder nur eingeschränkt zugänglich. Jetzt aber, da auch in den Kirchen die meisten Schutzmaßnahmen entfallen, könnten die Christen wieder strömen. Doch ob sie es in dem aus früheren Jahren gewohnten Ausmaß tun, lässt sich zumindest bezweifeln.

Denn die grundsätzliche Bereitschaft zum Gottesdienstbesuch ist deutlich zurückgegangen. Laut dem neuen Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, für den im Sommer mehr als 4300 Menschen ab 16 Jahren in Deutschland befragt wurden, gehen nur noch 14 Prozent mindestens einmal im Monat zur Kirche. 2013 waren es bei der gleichen Befragung noch 20 Prozent. Selbst unter den Kirchenmitgliedern beträgt der Anteil der mindestens monatlichen Gottesdienstbesucher mittlerweile lediglich 17 Prozent.

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Zwar lässt sich daraus noch nicht folgern, dass die Kirchenbänke an Heiligabend deutlich spärlicher besetzt sein werden als in den Jahren vor der Pandemie. Doch viel spricht dafür, dass die Corona-bedingten Einschränkungen bei der Teilnahme am kirchlichen Leben einen Abwärtstrend noch verstärkt haben, der schon länger wirksam ist – und den Kirchen aktuell und auch in den nächsten Jahren schwer zu schaffen machen wird. Es sei „davon auszugehen“, heißt es in der Studie, „dass der Bindungsverlust der religiösen Gemeinden von Dauer sein wird und nicht allein auf Kontaktbeschränkungen zurückzuführen ist“.

In dem umfangreichen Religionsmonitor, der zur Gänze erst 2023 veröffentlicht wird und am Donnerstag nur erst in einer Teilauswertung zur Kirchenbindung in Deutschland präsentiert wurde, sind alle Daten enttäuschend für die großen Glaubensgemeinschaften.

Ausgeprägte Neigung zum Kirchenaustritt

So gaben in diesem Jahr nur noch 38 Prozent an, dass sie religiös erzogen wurden. 2013 waren es noch 45 Prozent. Dies bestätigt den religionssoziologischen Befund von der „Kohorten-Säkularisierung“, wonach mit jeder Generation weniger Menschen religiös aufwachsen. Das wird für die Kirchen langfristige Folgen haben.

Zugleich sank ebenfalls zwischen 2013 und 2022 der Anteil von Menschen, die „stark“ an Gott glauben, von 47 auf 38 Prozent, während umgekehrt nun 25 Prozent (2013 noch 21 Prozent) „gar nicht“ an Gott glauben. Gebete verrichten 43 Prozent „nie“, was vor neun Jahren nur 32 Prozent bekundeten, und der Anteil derer, die „gar nicht“ religiös sind, stieg von 23 auf 33 Prozent.

Besonders beunruhigen muss die Geistlichen und die kirchlich Engagierten, dass die Austrittsneigung unter den verbliebenen Mitgliedern sehr hoch ist. Dabei waren die Zahlen der vergangenen Jahre für die Kirchen schon deprimierend genug: 2020 traten rund 220.000 Menschen aus der evangelischen und 221.000 aus der katholischen Kirche aus. 2021 wurden es dann 280.000 bei den Protestanten, gar mehr als 359.000 bei den Katholiken.

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Evangelische Basis

Und nun ergibt der Religionsmonitor, dass insgesamt 20 Prozent der Kirchenmitglieder einen eigenen Austritt für „sehr“ oder „eher wahrscheinlich“ halten. Von den derzeit gut 41 Millionen Mitgliedern beider Konfessionen (19,7 Millionen Protestanten und 21,6 Millionen Katholiken) könnten also acht Millionen bald austreten. Diesen Schritt zumindest erwogen haben weitere 24 Prozent der Mitglieder.

Quelle: Infografik WELT

Beim Konfessionsvergleich scheint sich dabei etwas umzukehren. Verließen in früheren Jahrzehnten mehr Protestanten als die einst kirchentreueren Katholiken ihre jeweilige Glaubensgemeinschaft, so sind es nun zu zwei Dritteln Katholiken, die einen Austritt erwägen. Unter denen, die ihn beabsichtigen, bilden die Katholiken mit 57 Prozent ebenfalls die Mehrheit.

Als einen Grund geben dabei in beiden Konfessionen 81 Prozent der Mitglieder mit Austrittsabsicht an, dass sie „durch die vielen Skandale das Vertrauen in religiöse Institutionen verloren“ hätten. Dies und das Übergewicht der Katholiken unter den Austrittswilligen deuten darauf hin, dass es weniger die politischen Positionierungen der EKD-Spitze sind, die Menschen zuallererst aus Glaubensgemeinschaften treiben, als vielmehr die in der katholischen Kirche noch größeren Skandale um pädosexuelle Gewalt sowie den kirchlichen Umgang mit ihr.

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Setzt sich dieser Trend zulasten der katholischen Kirche fort, so ist nach Einschätzung der Autoren „anzunehmen, dass sich die konfessionelle Zusammensetzung der christlichen Bevölkerung in Zukunft zugunsten von Protestanten verschieben wird“.

Als Gründe für ihre Gedanken ans Verlassen der Kirche nennen Austrittswillige darüber hinaus, dass die Kirchen „zu viel Macht“ hätten – was 71 Prozent dieser Gruppe angeben – oder dass „kirchliche Privilegien ungerecht“ seien. Beiden Aussagen stimmt auch jeweils knapp die Hälfte der Mitglieder ohne Austrittsabsicht zu.

Quelle: Infografik WELT

Daraus schließen die Autoren, dass „die dominante Stellung“ der Kirchen „in einer in religiöser Hinsicht zunehmend pluralen Gesellschaft kritisch gesehen“ werde und dass „die Vorstellung eines gleichberechtigten Zusammenlebens in einer vielfältigen Gesellschaft offenbar auf breite Akzeptanz“ stoße. Es würden „neue institutionelle Arrangements zugunsten dieses Zusammenlebens erwartet“.

Am größten aber ist unter Austrittswilligen wie Kirchentreuen mit rund 90 Prozent die Zustimmung zu dem Satz „Man kann auch ohne Kirche Christ sein“.

Zwar bleibt noch abzuwarten, ob daraus irgendwann eine nennenswerte christliche Glaubenspraxis abseits der großen Kirchen erwächst. Aber die Studienautoren wagen die These, dass sich wegen der Bereitschaft zum kirchenlosen Christsein „keine eindeutig säkularisierte Gesellschaft erkennen“ lasse und dass „Religion und Religiosität weiterhin prägend“ seien.

„Außerdem zeichnet sich ab, dass sich christliche Religiosität aus den Kirchen in den privaten Bereich zurückzieht.“ Aber wer weiß: Möglicherweise zieht sie von dort aus zu Weihnachten auch mal ausnahmsweise in einen Gottesdienst um.

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