Friday, June 14, 2024

Weihnachtsgebäck: Deutschen Printen und Lebkuchen droht das Aus – WELT

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Hermann Bühlbecker muss sich entscheiden. „Für uns stellt sich derzeit die Frage, ob wir Lebensmittelhändler in den USA weiterhin beliefern oder nicht“, sagt der Inhaber von Lambertz aus Aachen, dem weltgrößten Hersteller von sogenanntem Saisongebäck wie zum Beispiel Lebkuchen, Printen, Dominosteine oder Zimtsterne.

Aktuell nämlich laufen die Verhandlungen mit den US-Handelsketten über die Lieferkonditionen für den Herbst 2023. Und Anbieter wie Wal-Mart, Target und Co. wollen die geforderten Preiserhöhungen, die Lambertz mit stark gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten begründet, allenfalls zur Hälfte akzeptieren, berichtet Bühlbecker im WELT-Gespräch.

Über viele Jahre hinweg hat sich das traditionsreiche Familienunternehmen in den USA Regalplätze für seine „German Cookies“ erkämpft, sagt Bühlbecker. Verkauft werden vor allem Keksmischungen in großen Geschenkedosen aus Metall, aber auch das klassische Weihnachtsgebäck.

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Und längst gehört Amerika mit einem Exportumsatz im mittleren zweistelligen Millionenbereich zu den wichtigsten Auslandsmärkten von Lambertz, wie der Mittelständler betont. „Setzen wir das nun aufs Spiel? Oder behalten wir den Fuß in der Tür und nehmen dafür als Zukunftsinvestment die schlechteren Konditionen in Kauf“, fragt sich Bühlbecker.

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Eine Entscheidung hat er noch nicht getroffen. Das Dilemma ist allerdings groß. Denn auch im Heimatmarkt Deutschland verliert sein Unternehmen derzeit Geld. Zwar verkaufen sich die schon seit Anfang September in Supermärkten und Discountern erhältlichen Herbst-Weihnachtsartikel vergleichsweise gut. „Bislang liegen die Mengen trotz Inflation und allgemeiner Kaufzurückhaltung über dem Vorjahr“, sagt Bühlbecker und verortet dieses Mengenwachstum im „niedrigen einstelligen Prozentbereich“.

Was durchaus bemerkenswert ist. Denn der Süßwarenabsatz insgesamt liegt im Zeitraum Januar bis November im deutschen Lebensmitteleinzelhandel fast vier Prozent unter dem Vorjahreswert, wie der Süßwarenmonitor der Marktforscher von Nielsen zeigt.

Trotzdem sind Bühlbeckers Sorgen mittlerweile groß: „Weil wir exorbitante Kostensteigerungen haben, bislang aber nur einen Teil davon weitergeben konnten. Als Mittelständler kommen wir daher an die Grenzen unserer Möglichkeiten.“ Tatsächlich haben sich zum Beispiel Mehl, Butter, Zucker, Eier, Kakao, Milchpulver oder Fruchtmischungen sowohl im Jahr 2021 als auch 2022 massiv verteuert, teilweise kosten die Zutaten mehr als doppelt so viel wie noch zu Vor-Corona- und Vor-Ukraine-Kriegszeiten, wie Daten des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) zeigen.

Quelle: Infografik WELT

Dazu kommen sprunghafte Steigerungen beim Verpackungsmaterial, in der Logistik und beim Personal, vor allem aber bei den Energiekosten. Lambertz zum Beispiel befeuert alle seine 28 Backstraßen in den acht Werken in Deutschland und Polen mit Gas. „Wenn wir dort auf andere Energieträger umrüsten, dauert das locker drei bis fünf Jahre“, sagt Firmeninhaber Bühlbecker. Denn kurzfristig gebe es weder die nötigen Maschinen und Materialien noch die entsprechenden Handwerker. „Außerdem muss sichergestellt sein, dass die Produktion weiterläuft, um alle Aufträge bedienen zu können.“

Immerhin werden große Mengen bewegt. Bis zu 600.000 Kilogramm Gebäck entstehen täglich in den Werken von Lambertz und den Tochtermarken Weiss, Kinkartz, Haeberlein-Metzger und Dr. Quendt. An Spitzentagen verlassen bis zu 10.000 Paletten die Lager der quer durch die Republik verteilten Produktionsstätten.

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Energiekrise

55 Prozent dieser Mengen werden unter den bekannten Markennamen verkauft, der Rest ist Handelsware von Supermärkten und Discountern. Schon seit 1980 produziert Lambertz die günstigen No-Name-Eigenmarken für die großen Ketten. „Durch diese zwei Säulen ist das Geschäft besser abgesichert“, erklärt der Unternehmer.

Sicher fühlt er sich deswegen aber längst nicht mehr. „Als Produktionsstandort hat Deutschland in den vergangenen Monaten dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit verloren“, klagt der 72-Jährige, der vor mittlerweile 45 Jahren beim Aachener Süßwaren-Traditionshaus eingestiegen war und damals auf Onkel, Tante und seine Mutter folgte.

Längst sei die Situation höchst bedrohlich in der hierzulande vorwiegend mittelständisch geprägten Süßwarenindustrie, warnt Bühlbecker. „Viele Hersteller werden in existenzielle Schwierigkeiten geraten – auch wir haben zu kämpfen.“

Viele Probleme sind hausgemacht

Solche Existenznöte betont auch der Süßwaren-Branchenverband BDSI. „Die enorme Kostenbelastung wird für unsere Unternehmen immer mehr zu einer Standortentscheidung oder gar einer Existenzfrage“, sagt BDSI-Hauptgeschäftsführer Carsten Bernoth. Das liege auch an hausgemachten Problemen. „Wir haben in Deutschland standortbedingte Belastungen, die schon langfristig überdurchschnittlich hoch sind“, kritisiert Bernoth und zählt unter anderem Arbeitskosten, Steuern, Infrastrukturprobleme und eine überbordende Bürokratie auf, aber auch den sich immer weiter verschärfenden Arbeitskräftemangel.

Auch beim Thema Energiekosten ist die Süßwarenindustrie merklich unzufrieden. „Wir erleben derzeit, dass europäische Wettbewerber, etwa in Frankreich oder Spanien, deutliche Produktionskostenvorteile haben“, sagt der BDSI-Vorsitzende Bastian Fassin, der im Hauptberuf den Fruchtgummihersteller Katjes führt. „In vielen Ländern profitieren die Unternehmen entweder von einem stabileren Energiemarkt, beziehungsweise mit Blick auf die EU von bereits gedeckelten Strom- und Gaspreisen oder aber umfangreichen Wirtschaftshilfen zur Kompensation der Energiekosten.“

Diese Ungleichheit beklagt auch Lambertz-Alleingesellschafter Bühlbecker. „Auf den Exportmärkten verstehen viele Handelspartner gar nicht, warum unsere Preise so viel stärker steigen müssen als bei Süßwarenherstellern aus anderen Ländern“, berichtet der Rheinländer. Das könne in der Folge sogar zu Auslistungen führen. Und das sei gefährlich. Denn rund die Hälfte der Produktion der deutschen Süßwarenindustrie werde ins Ausland verkauft. „Wenn da jetzt relevante Mengen wegbrechen, gibt es einen Kahlschlag in der Branche“, warnt Bühlbecker.

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Weihnachtsbacken

Zwar erkennt er die Bemühungen der Bundesregierung an, durch eine geplante Strom- und Gaspreisbremse die Belastung für Bürger und Unternehmen zu senken. „Da ist aber weiterhin so vieles unklar, dass wir keinerlei Planungssicherheit haben. Noch dazu reichen die Maßnahmen nicht aus, um die Probleme zu lösen“, kritisiert er.

Zusätzliche Einsparungen seien in der Süßwarenbranche aber nicht mehr möglich und könnten die beträchtliche Höhe der Kostensteigerungen ohnehin nicht ausgleichen. „Kein Unternehmen überlebt auf Dauer, wenn es nahe am oder gar im Minus produzieren und seine Ware dann mit Defizit verkaufen muss.“

Bühlbecker rechnet daher mit Produktionskürzungen und Abwanderungen. Auch er selbst überlegt bereits, Teile der Produktion ins bislang einzige Auslandswerk in Polen zu verlagern. Zumal dort wegen des Rückzugs aus dem Russlandgeschäft zuletzt Kapazitäten frei geworden sind.

Es geht nicht nur um die Süßwarenindustrie

Bei Produkten wie Aachener Printen, Nürnberger Lebkuchen oder Dresdner Stollen ist das mittlerweile 344 Jahre alte Familienunternehmen zwar aufgrund der geschützten geografischen Herkunftsbezeichnungen an Deutschland und dort konkret an die jeweilige Region gebunden. Das restliche Portfolio, das rund die Hälfte des Jahresumsatzes von zuletzt 656 Millionen Euro ausmacht, könnte aber dort hergestellt werden, etwa die klassischen Keksmischungen oder Hafer- und Vitalkekse.

Bühlbecker fordert daher von der Politik eine Perspektive für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Und da gehe es längst nicht allein um die Süßwarenindustrie. „Der Mittelstand insgesamt nimmt gerade großen Schaden. Die kleinen und mittelgroßen Firmen stellen aber den Großteil der Arbeitsplätze in Deutschland.“

Jedem müsse klar sein, dass alles in sich zusammenfällt, wenn Produktionsbetriebe verschwinden. Die Politik müsse daher genau jetzt alles dafür tun, die Wirtschaft zu erhalten. „Ansonsten fehlen die Steuereinnahmen, um eine umwelt- und klimagerechte Zukunft zu gestalten“, sagt Bühlbecker. Zudem komme es dann zu einer Überlastung der Sozialsysteme.

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Unterstützung kommt von BDSI-Chef Bernoth. „Die Politik muss alle Schritte unternehmen, um zukunftsfähige Rahmenbedingungen für den Standort Deutschland zu schaffen.“ Das beginne bei wettbewerbsfähigen Energiepreisen und bei einer vernünftigen, auch Einwanderung einbeziehenden Arbeitsmarktpolitik, und beinhalte dazu infrastrukturelle Verbesserungen etwa bei Genehmigungsverfahren oder beim Breitbandausbau und vor allem einen Bürokratieabbau.

Leider steige der Verwaltungsaufwand absehbar aber noch weiter. „Mit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz kommen im kommenden Jahr sowohl für die verpflichteten Unternehmen des Handels bzw. der Verarbeitungsindustrie als auch für deren Lieferanten aus der Süßwarenbranche erhebliche Dokumentations- und Berichtspflichten hinzu“, sagt Bernoth. Ein ebenfalls hoher bürokratischer Mehraufwand sei zudem durch die kommende EU-Entwaldungsverordnung zu erwarten, vor allem für die Kakao- und Schokoladenindustrie.

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