Friday, April 12, 2024

Jetzt im Kino – der neue „Räuber Hotzenplotz“: Nur Wasti ist ein Problem

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Das Projekt

Es ist alles da. Es ist alles wie immer. Das Dorf, der Wald, der Hut des Räubers, die Pfefferpistole, die Pickelhaube des Dorfpolizisten Dimpfelmoser. Es gibt wahrscheinlich kaum einen Roman der Weltliteratur, dessen Verfilmungen sich derart fast sklavisch an die Vorlage gehalten haben wie Otfried Preußlers „Der Räuber Hotzenplotz“. Und daran, wie die Figuren aussahen in den Büchern. An Franz Josef Tripps Illustrationen.

Marcus Krummacher, der Schweizer Regisseur, und Matthias Pacht (der schon Preußlers „Kleine Hexe“ mit Karoline Herfurth originalgetreu runderneuert und zum erfolgreichsten Film 2018 gemacht hatte) halten sich wie Gustav Ehmck 1974 und Gernot Roll 2006 exakt an den Plan. Und sind trotzdem herrlich frei.

Es wird zum 60. Geburtstag der Vorlage („Der Räuber Hotzenplotz“ erschien im August 1962) nichts dem Zeitgeist geopfert. Der Hotzenplotz ist komplett unwokisiert. Die Dialoge sind komplett aus den Büchern entnommen (Elemente aus allen drei Hotzenplotzereien kommen vor). Die Besetzung ist so extrem kartoffeldeutsch wie es die Bücher eben sind, die in einem idyllischen Deutschland spielen nach dem Krieg, also dem von 1870/71.

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Die Kaffeemühle der Großmutter – mehr Modernisierung ist nicht – sieht ein klein wenig steampunkig aus. Sie spielt nicht „Alles neu macht der Mai“, sondern etwas Neues, das einen durch den ganzen Film trägt und man nicht mehr loswird. Der Dimpfelmoser (Olli Dittrich) bekommt eine verhuschte Kontur unter seiner Uniform und eine zarte Romanze angedichtet. Die Großmutter (Hedi Kriegeskotte) und die nicht mit dem Nationalverteidiger verschwägerte magische Witwe Schlotterbeck (Christiane Paul) und überhaupt alle in diesem ehemaligen Kasperltheater bekommen Tiefgang und Seele.

Sonst passiert mit Hotzenplotz eigentlich nichts. Kann man Eskapismus nennen, Kurzkur für die Debattengeschädigten dieser Republik. Oder großes Kino.

Der Räuber

Den Räuber Hotzenplotz war das Kino uns noch schuldig. Das klingt jetzt komisch. Gert Fröbe war schließlich Hotzenplotz. Und Armin Rohde war Hotzenplotz. Doch Fröbe stakste als hölzerne Marionette durch den deutschen Wald, ein Rumpelwicht ohne irgendwelche Tiefenschärfe. Was ja zu Gustav Ehmcks Film passte, aber irgendwie zu wenig war.

Rohde gab dem Räuber ordentlich Zucker (oder besser: Schnupftabak). Was ja lustig war und in Gernot Rolls Film passte, aber auch irgendwie zu wenig war.

Nicholas Ofczarek nun macht, was der ganze neue „Hotzenplotz“ mit dem ganzen Stoff macht, er macht aus Hotzenplotz eine ganzheitliche Figur. Ofczarek – der Burgtheater-Recke, der als dämonischer Wiener Kommissar in der Sky-Serie „Der Pass“ an der deutsch-österreichischen Grenze den Krampus jagte, eine mythische, irgendwie hotzenplotzische Figur – kann gar nicht anders und lässt sich selbst von wildem Bart, knolliger Nase und dem ganzen hotzenplotzschen Firlefanz, den er tragen muss, um Franz Josefs Tripps Illustration ähnlich zu sehen, davon nicht abhalten.

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Hotzenplotz, dieser Räuber aus Familientradition, ist ja eigentlich eine bemitleidenswerte Figur. Eine prekäre Existenz. „Wenn das so weiter geht“, sagt Ofczareks Räuber mal, und so steht es auch im Buch, „muss ich mir einen anderen Beruf suchen.“ Man möchte ihm sofort einen Antrag fürs Bürgergeld in die Hand drücken.

Kein schlechter Mensch sei er, sagt er noch, sondern halt ein Räuber. Ofczareks Hotzenplotz ist der melancholischste Bösewicht seit langem. Man verabscheut, was er tut, und bekommt Mitleid mit ihm bei allem, was ihm angetan wird. Man lacht über seine Trotteligkeit und will sich gleich danach dafür entschuldigen. Man trägt ihn länger mit sich herum als gedacht. Aber das geht einem ja mit den meisten Figuren so in diesem herrlichen (Kinder-)Film.

Der Zauberer

Der große Zauberer Petrosilius Zwackelmann ist natürlich die grandiose Verkörperung des Kartoffeligen in diesem kobolzschlagenden Märchens. Und des Grundbösen. Zwackelmann ist der Urahn Lord Voldemorts.

Wie sein britischer Nachfahr ein makelbehafteter Magier. Seine Zauberkunst versagt an der Kartoffelschale, weil er die einfach nicht von der Knolle gehext bekommt. Dabei liebt er – der deutscheste aller Magier – Kartoffeln doch in jeglicher Form der Zubereitetheit. Zwackelmann ist der Bösewicht, der Hotzenplotz noch nicht mal gern wäre.

Josef Meinrad gab ihm 1974, was man in den gar nicht mal unteren Schichten von Ofczareks Hotzenplotz auch findet – einen verhuschten Burgtheater-Schmäh. Und eine derart diabolische Springteufelhaftigkeit, dass es einen tatsächlich gruseln konnte.

Petrosilius Zwackelmann (August Diehl) kocht sein Lieblingsessen: Kartoffeln!

Petrosilius Zwackelmann (August Diehl) kocht sein Lieblingsessen: Kartoffeln!
Quelle: Studiocanal GmbH / Walter Wehner

Das bekam auch Rufus Beck, der 2006 den Zwackelmann als eine Art Meinrad-Revivimus gab, ziemlich gut hin. Und das Ironische gleich mit. Beck verschaffte dem dunklen Lord einen doppelten Boden.

August Diehl fegt über all das weg. Der muss in der Maske, wo er einige Stunden pro Drehtag zugebracht zu haben scheint, Anlauf genommen haben. Und dann ist er losgesprungen. Und ist herumgespringteufelt. Sieht aus wie eine Mischung aus spätem Voldemort, Gollum und Loriots Talkshow-Monster („Maske? Welche Maske?“), hat Über-Unter-Kreuz-und-Querbiss. Und eine derart feuchte Aussprache, dass man besser nicht in den ersten beiden Kinoreihen sitzen sollte. Wenn Kartoffelabhängigkeit zu einem derartigen Rausch des Bösen, des Lustigen führt, müsste man eigentlich den Drogenbeauftragten der Bundesregierung anrufen.

Der Seppel

Was soll man aus dem Seppel schon machen. Ein – nun ja – Seppelhut auf dem Kopf, ein lederhosiges Gewand am Leib, hirschhornbeknopfte Hosenträger, weißes Hemd, rundes Gesicht, ein Teint wie Milch und Blut. Seppel war immer die Unschuld vom Land, der Kleine, der mit Verzögerung und in dessen Schatten hinter seinem Kumpel Kasperl herdachte.

Der Kasperl war der Wickie von Dimpfelmoserhausen. Der Seppel war der junge Faxe. Und wenn Kasperl – nach dem Mützentausch – den Seppel geben soll, stellt er sich besonders doof, damit man ihm den Seppel abnimmt. Sehr freundlich ist das nicht.

Seppel ist ein Denkdiesel, ein biografieloser Bedenkenträger – was gewesen war mit seinen Eltern, bevor er zur Großmutter kam, stand nirgends, ein Hotzenplotzisches Vätertrauma konnte man ihm also schwerlich andichten. Eine Kasperl-Theaterfigur mit hohem Holzanteil.

Kasperl (Hans Marquardt) und Seppel (Benedikt Jenke)

Kasperl (Hans Marquardt) und Seppel (Benedikt Jenke)
Quelle: Studiocanal GmbH / Mathias Bothor

Benedikt Jenke darf mehr sein, mehr werden. Beginnt als Bilderbuch-Seppel – Milch-und-Blut-und-Lederhosiges etc. Und dann tut sich was in ihm durch den Schreck und die Finsternis in des Räubers Höhle.

Der neue „Hotzenplotz“ erzählt – neben einigem anderen, der Geschichte einer schönen späten Liebe zum Beispiel – auch den Entwicklungsroman, die Selbstermächtigungsgeschichte des Seppel. Aus dem Spiel der verwirrten Identitäten wird ein Spiel der sich findenden Identitäten. „Der Räuber Hotzenplotz“ ist ein Film für alle Generationen.

Der Wasti

Jetzt müssen wir zu den anderthalb Ärgerlichkeiten kommen. Der Wasti nämlich ist ein Problem. Der Wasti war schon immer ein Problem.

Zuvörderst natürlich für die Witwe Schlotterbeck, jene magisch begabte Frau, ohne deren Kristallkugel man den Hotzenplotz nie hätte dingfest machen können. Der Wasti war nämlich einmal ein Dackel gewesen, muss aber versteckt werden, weil er nach einem Zauberunfall der Witwe phänotypisch einem Krokodil gleicht, aber bellt.

Für Otfried Preußler wurde Wasti zum Problem, als er vergaß, das arme Tier am Ende des zweiten Buchs wieder zurück zu verdackeln. Weswegen er sich schließlich, Tierfreund, der er war, entschloss der Welt einen dritten Hotzenplotz zu schenken, in der dann die Rückverdackelung und ein veritabler Raketenflugstattfinden konnte.

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Normalerweise würde man meinen, dass man mit einem ordentlichen CGI-Computer heutzutage relativ simpel ein Kunst-Krokodil hinbekommen müsste, das besser aussieht als der Krokodackel von 2006, der auch schon ein Desaster war. Möglicherweise, weil mit den (bescheidenen) gut neun Millionen Euro Produktionskosten so unheimlich viele Kartoffeln für Zwackelmanns Keller angeschafft werden mussten, war für CGI-Zauberei anscheinend nicht genug Geld übrig.

Für die Computertricks im Allgemeinen – man macht sich zum Beispiel große Sorgen um August Diehl angesichts des fadenscheinig zusammengerechneten Zaubertuchs, auf dem er als Zwackelmann in bester Harry-Potter-Manier durch die Luft sausen muss. Und für Wasti im Besonderen.

Nicht nur, dass er eher wie ein Alligator (das sind die Echsen mit den runden Schnauzen) aussieht, er scheint auch ein enger Verwandter von Jim Knopfs Halbdrachen Nepomuk zu sein, allerdings wie ein ausgestopfter.

In Gernot Rolls "Hotzenplotz" war Rufus Beck der Zauberer Petrosilius Zwackelmann

In Gernot Rolls “Hotzenplotz” war Rufus Beck der Zauberer Petrosilius Zwackelmann
Quelle: kpa Publicity/United Archives/picture alliance

Apropos Jim Knopf: Dessen ebenfalls extrem liebevoll und vorlagengetreu ausgestatteten Abenteuer sahen auch deswegen technisch so makellos aus, weil dem Regisseur Dennis Gansel dreimal so viel an Budget zur Verfügung stand.

Dem Vergnügen am neuen „Hotzenplotz“ tut das aber alles keinen Abbruch. Man geht nostalgisch beschwingt nach Hause an seiner funkelnagelneuen Kaffeemaschine vorbei, vor der man so gimpelig steht wie der Hotzenplotz vor der Welt, weil sie klüger ist als man selbst, die aber keine Melodie zustande bringt. Nicht mal „Alles neu macht der Mai“.

Streichelt dann sanft über die alten Bücher, um sie zu beruhigen, dass ihnen im Kino auch diesmal wieder kein Tort angetan wurde. Und freut sich schon darauf, sie vorzulesen. Irgendwann irgendwem.

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